62 ermordete jüdische Bewohner : Das Haus war ihr Schicksal

Drei Jahre lang recherchierten die Bewohner eines Hauses im Bayerischen Viertel die Geschichte jüdischer Bewohner - dann tauchten immer mehr Namen deportierter und ermordeter Juden auf.

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Am Elternhaus. Raphael und Darlene Jospe mit Führerin Schröder (r).
Am Elternhaus. Raphael und Darlene Jospe mit Führerin Schröder (r).Foto: Thilo Rückeis

Es war ein Bild, das Raphael Jospe durch seine Kindheit begleitete: die Abbildung von der Synagoge in der Oranienburger Straße in Mitte. Jahrelang stand es im Regal seiner Eltern und erinnerte an die Zeit, in der sein Vater Rabbiner in Berlin war. Das Bild hat sich in Raphael Jospes Gedächtnis eingebrannt, doch besucht hat der in den USA geborene und jetzt in Jerusalem lebende Jude sie nicht. Nie hat er einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt – bis jetzt. Vom Dach des Reichstages sah der 67-Jährige nun zum ersten Mal das Schimmern der goldenen Synagogenkuppel, „sehr berührend“ sei das gewesen, sagt er.

Doch es war nicht dieses alte Bild der Synagoge, das Jospe nach Berlin gebracht hat. Seine Eltern, die vor den Nationalsozialisten geflohen waren und rechtzeitig emigrieren konnten, wären nie nach Deutschland zurückgekehrt. Es war die Einladung einer Hausgemeinschaft im Bayerischen Viertel, die Raphael Jospe dazu brachte, sein Vorhaben wahr zu machen und nach Berlin zu kommen. Dahin, wo vor dem zweiten Weltkrieg fast seine ganze Familie gelebt hatte. In der Helmstedter Straße 23, nahe dem Bayerischen Platz, wohnten insgesamt sieben Mitglieder der Familie Jospe, alle wurden deportiert und ermordet. Insgesamt waren es 62 jüdische Bewohner, die in diesem Haus lebten und schließlich den Tod fanden. Am Mittwochabend wurde ihrer gedacht und eine große Gedenktafel angebracht.

Das Schicksal der Familie Jospe
Bei seinem Aufenthalt in Berlin besuchte Raphael Jospe auch das Haus seiner Eltern - die Bozener Straße 3, nahe des Bayerischen Platzes. Sieben seiner Verwandten, die unweit davon in der Helmstedter Straße 23 lebten, konnten nicht emigrieren und starben in Auschwitz.Alle Bilder anzeigen
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15.04.2015 23:37Bei seinem Aufenthalt in Berlin besuchte Raphael Jospe auch das Haus seiner Eltern - die Bozener Straße 3, nahe des Bayerischen...

Insgesamt drei Jahre haben die Bewohner der Helmstedter Straße 23 recherchiert, um die Hintergründe der Personen ausfindig zu machen. Vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf erhielten die Nachbarn eine Liste mit 23 Namen von ehemaligen jüdischen Bewohnern. In einem Buch von 1987 fanden sie zudem eine Auflistung von deportierten jüdischen Bewohnern aus ihrem Haus. Diese war weitaus länger als die aus dem Bezirksamt.

War die Helmstedter Straße 23 ein Judenhaus?

„Ab diesem Zeitpunkt haben wir uns immer häufiger gefragt, ob unser Haus ein so genanntes Judenhaus war – also eines, in das ausschließlich Juden eingewiesen wurden, nachdem sie ihre Wohnungen verloren hatten“, erklärt Bewohnerin Birgit von Pflug. Wenn Nachbarin Serebrinski nun durch ihre Wohnung geht, kommt ihr der Gedanke, dass in jedem Zimmer mehrere Personen gelebt haben müssen. Ein Haus um die Ecke zum Beispiel, die Bamberger Straße 22, war ein "Judenhaus". Hier hat während der Nazizeit zum Beispiel die Journalistin und Buchautorin Inge Deutschkron gelebt und ihre Erfahrungen in dem Buch "Ich trug den Gelben Stern" sowie in einer großen Rede im Bundestag.eindringlich geschildert.

Der Spaziergang führt die Jospes auch zum Bayerischen Platz.
Der Spaziergang führt die Jospes auch zum Bayerischen Platz.Foto: Thilo Rückeis

Zu Raphael Jospe hatten die Nachbarn während ihrer Recherche Kontakt aufgenommen. Jospe, der in Jerusalem als Professor arbeitet, half, Informationen zu seinen Verwandten zusammenzutragen. Bei einem Spaziergang mit der Quartiersführerin Gertrud Schröder am Mittwochvormittag sieht Jospe auch das Haus in der Bozener Straße, in dem seine Eltern bis zu ihrer Emigration gelebt haben. Der kleine Mann mit dem weißen Bart und der braunen Kippa ist fasziniert von der Architektur, den hohen Decken und den Doppelfenstern. „Wo genau haben meine Eltern gelebt? Wie ist mein Vater von hier in die Synagoge gekommen?“

Zur Hochzeit 1935 kamen noch SS-Offiziere - als Freunde

Jospe hat viele Fragen, nicht auf alles haben die Nachbarn Antworten. Jospe erzählt von seinem Vater Alfred, der im Konzentrationslager Sachsenhausen mehrere Wochen interniert war, ausgerechnet ein Zuhälter habe ihm dort das Leben gerettet. Seine Mutter habe den Vater im Konzentrationslager besuchen wollen, erst danach sei ihr klar geworden, wie dumm das eigentlich gewesen war. Und Jospe erzählt auch, dass bei der Hochzeit seiner Eltern 1935 noch SS-Offiziere, Freunde der Mutter, anwesend waren - wenig später wäre das undenkbar gewesen.

Durch die Erzählungen seiner Eltern sind auch Jospe die Schrecken des Nationalsozialismus nahe gekommen. Doch etwas später beim Kaffeetrinken sagt er einen Satz, der den Nachbarn der Hausgemeinschaft sehr wichtig sein muss. Er sei „ergriffen davon, was die Leute im Haus, die jüngere Generation, getan haben.“ Dafür fühle er nichts als Wertschätzung. Jospe lächelt.

Stolpersteine: Es waren eine und einer und eine und einer und noch einer ...
Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den Nazis ermordet in Auschwitz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Mike Wolff
28.04.2014 14:15Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den...

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