Berlin bessert sich - im Kiez : Lob des Hundebesitzers

Per Gesetz sollen Herrchen und Frauchen in Berlin zu mehr Rücksichtnahme gebracht werden. Doch viele Hundehalter disziplinieren sich offenbar schon gegenseitig.

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Zeichnung und Aufnäher zum Thema Hundekot in Berlin: Ein Berliner Bär tritt in einen Hundehaufen. Ein Hund kackt und genießt damit die Hauptstadt, Carpe Berlin!
Künstlerische Aufarbeitung eines existenziellen Berliner Themas, hier von Fons Hickmann und Carpe Berlin. Aber auch gern von...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Vor mir auf dem Weg – breiter Bürgersteig, Berliner Straße, schönebergnahes Wilmersdorf – läuft ein Mensch mit Tarnfleckhose, Rucksack, Kippe und Hund. Fehlen noch Bierpulle und Handy, um das Berliner Ensemble zu komplettieren. Des Menschen bester Freund macht sich bereit fürs Geschäft, fürs große Geschäft. Vorm Geschäft, mitten auf der Ladenzeile. Was wird das jetzt? Ein Fanal der Berliner Scheißegal-Haltung? Ein Dokument der Rücksichtslosigkeit? Ein Statement gegen Gentrifizierung? Und sprech ich den jetzt an? Riskier ich Krawall? Lass ich mich als Blockwartnazi beschimpfen? Das wird sicher wieder unerfreulich... Ermüdend.

Der Hund löst sich, wie es im Fachjargon heißt. Und routiniert zieht Herrchen aus der Tarnfleckhosentasche ein Beutelchen. Darin verschwindet, schwupps, das Kotgebirge (der Hund ist kein Kleiner). Und ordnungsgemäß wird das Beutelchen im orangefarbenen Mülleimer entsorgt, ein paar Schritte weiter. Der Blamierte bin ich mit meinen Klischees im Kopf. Da hilft dann auch kein Lächeln für den zu Unrecht Verdächtigten mehr.

Ich erkenne meine Berliner nicht wieder

Der Mann ist kein Einzelfall. Ich, in der Szene nicht gerade als Herrchenfreund bekannt, muss mich korrigieren. Zumindest bei uns im Kiez, im Bayerischen Viertel, erkenne ich meine Berliner nicht wieder. Ich leiste hier öffentlich Abbitte und stimme es an: das Lob des Hundebesitzers. Des rücksichtsvollen Hundebesitzers, wie ich schleunigst ergänzen möchte. Denn es gibt auch die anderen immer noch und nicht in geringer Zahl, wie sich täglich an Straßenbäumen und anderswo, gestern auch mal wieder direkt vor dem Spielplatz, beobachten lässt.

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Gassi-Cam: Berlin aus Hundesicht
Gassi-Cam: Berlin aus Hundesicht

Aber es hat sich was getan im Kiez. Der Beutelchenträger werden immer mehr. Es ist ein einziges Aufnehmen und Eintüten, fast. Was ist passiert? Der Streit um das Hundeverbot am Schlachtensee? Des Senators „Bello-Dialog“ mit dem Bürger? Das neue Hundegesetz mit Beutelchendabeihabepflicht, das daraus hervorging und bald in Kraft treten soll? Das Volksbegehren für mehr Anstrengungen gegen Hundehaufen, das die engagierten Menschen von „Stadt & Hund“ anschieben wollten? (Auch wenn es nicht die nötigen Stimmen zusammenbekam, wie mir die Initiatoren sagen, aber immerhin den einen oder anderen zum Nachdenken brachte.) Oder vielleicht sogar – ein Traum – das segensreiche Wirken von Journalisten, die nicht nur das weite Weltgeschehen kommentieren, sondern sich im Berliner Alltag umtun?

Womöglich von all dem ein bisschen, aber ausschlaggebend scheint mir dann doch nicht die Politiker-, Initiativen- und Journalistenpädagogik, sondern etwas anderes, viel nachhaltigeres zu sein: der soziale Druck in der Szene. Ein Verdacht, der sich im Gespräch mit den freundlichen Hundebesitzern von nebenan erhärtet: Sie haben es satt, in unserer Stadt wegen des Fehlverhaltens anderer als menschgewordene Rücksichtslosigkeit dazustehen. Sie wollen nicht länger schräg von ihren Mitbürgern angeguckt werden. Von Leuten wie mir, die beim Herannahen von Herr und Hund aus langjähriger Erfahrung erst einmal nichts Gutes erwarten. Vor allem, wenn man mit Kindern unterwegs ist. Und deshalb haben die vielen rücksichtsvollen Hundebesitzer offenbar damit begonnen, auf die wenigen rücksichtslosen einzuwirken. Ernste Gesprächen unter Gassigehern! Bitte fühlen Sie sich auch von dieser Stelle dazu ermutigt.

Reste von Unhöflichkeitsbewusstsein

Und selbst in den anderen, den Liegenlassern, rumoren offenbar Reste von Unhöflichkeitsbewusstsein. Warum wohl sonst kommen sie erst im Schutze der Dunkelheit? Am helllichten Tag sieht man fast niemanden mehr auf der Straße, der nicht aufliest. Ein Nachbar erzählte mir von einem, der erst einmal die Balkons und Fenster der umliegenden Häuser mit Blicken abtastet, bevor er Bello sein Geschäft machen und es dann sich selbst überlässt. Auch der Mann hat gedanklich schon einen wichtigen Schritt hinter sich gebracht, lernt aber offenbar noch.

In etwa wie jene Kiezbewohner, die das Häuflein zwar eintüten, das Beutelchen dann aber am Baum abwerfen. Meine Hoffnung: Nicht aufgeben! Sie schaffen auch diesen letzten Schritt noch! Üben!

Und das mit dem Anleinen im Park, das kriegen wir auch noch hin.

Dieser Text erschien auch in der Rant-Rubrik auf den Mehr-Berlin-Seiten des gedruckten Tagesspiegels.

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