Berliner Kindheit im Bayerischen Viertel : Zwischen Buchläden und Brutzel-Stübchen

Er selbst lebt längst in Kreuzberg, doch seine Schwester zog mit Familie zurück ins Bayerische Viertel. Tagesspiegel-Redakteur Tilmann Warnecke schreibt eine Hommage an den Kiez einer Berliner Kindheit.

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Kindheitserinnerungen am Ententeich: Unser Autor Tilmann Warnecke mochte vor allem den etwas anderen U-Bahnhof Rathaus Schöneberg - sicher einer der schönsten in Berlin.
Kindheitserinnerungen am Ententeich: Unser Autor Tilmann Warnecke mochte vor allem den etwas anderen U-Bahnhof Rathaus Schöneberg...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Ahnung, die Geschichte „meines“ Viertel könnte eine Besondere sein, beschlich mich mit elf oder zwölf Jahren. Ich las „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr. Mir war noch nicht ganz klar, dass die Autorin die Tochter des großen Berliner Theaterkritikers Alfred Kerr ist und der Roman autobiographisch die Familiengeschichte erzählt. Aber die Emigration der Erzählerin, das durch die Nazis erzwungene Exil der jüdischen Familie beeindruckte mich tief. „Die Kerrs haben bei uns ganz in der Nähe gewohnt“, bemerkte meine Mutter irgendwann fast beiläufig. „Einmal über die Kreuzung, in der Bamberger Straße.“ Und auch wenn die Kerrs irgendwann in den Grunewald umgezogen waren, wie meine Mutter weiter erzählte, beschäftigte es lange meine Fantasie, womöglich doch irgendwo das rosa Kaninchen finden zu können. Jenes Lieblingskuscheltier der Erzählerin, das sie in Berlin zurücklassen musste und das die Nazis schnell konfiszierten.

Eine Jugend im Bayerischen Viertel: In den Achtzigerjahren, als ich dort aufwuchs, prägten die dramatischen Umbrüche der ersten Jahrhunderthälfte den Alltag eines Kindes natürlich nicht mehr all zu sehr. Anders als heute gab es auch noch keine Stolpersteine und man konnte die Geschichte des Viertels auch noch nicht in einer Ausstellung in der Zwischenebene des U-Bahnhofs Bayerischer Platz und im Café Haberland auf dem neuen Bahnhofsgebäude nachvollziehen. Nach 1900 vom Kaufmann Salomon Haberland errichtet, zog es schnell Künstler, Intellektuelle, Ärzte, Rechtsanwälte, also das gehobene Bürgertum an. Die damals entstandenen Häuser sind selbst für Berliner Verhältnisse prachtvolle Altbauten.

Albert Einstein, Erwin Piscator, Arno Holz, Erich Fromm beim Spaziergehen

Meine Schwester und mich faszinierte daran vor allem, dass die Hintertür unserer Wohnung früher einmal der Eingang für die Dienstboten gewesen sein sollte. In der Kammer neben der Küche hatten diese sogar geschlafen! Ich nahm meinen Eltern ein wenig übel, dass sie die Kammer nicht so schön wie die Familie über uns hergerichtet hatten. Die hatten dort ein winziges Hochbett installiert, was man sich gut als Dienstbotenkoje ausmalen konnte. Stundenlang spielten wir hier mit den Nachbarskindern und imaginierten uns in andere Welten.

Zentrum des Viertels ist der Bayerische Platz, von dem all die nach passenden Städten benannten Straßen ausgehen: Die Münchner, Aschaffenburger, Landshuter, Salzburger, Innsbrucker, Meraner Straße. In den Zwanzigerjahren müssen sich Albert Einstein, Erwin Piscator, Arno Holz und Erich Fromm beim Spaziergehen getroffen haben, sie alle wohnten damals hier (Alfred Kerr und seine Familie waren schon früher in den Grunewald weitergezogen). Teile des Platzes wurden im Zweiten Weltkrieg zerbombt, noch heute wirkt er mit seiner Mischung aus erhaltenen Altbauten, 50er-Jahre-Häuser, einstöckiger Ladenzeile und kleiner Grünanlage etwas mitgenommen.

Ein besonderer U-Bahnhof am Rathaus Schöneberg

Kinder haben dafür keine Augen. Meine erste Assoziation mit dem Bayerischen Platz ist vielmehr die Pommes-Bude mit dem schönen Namen „Brutzel-Stübchen“, direkt neben dem imposanten weißen Eingangsgebäude zur U-Bahn. Manchmal durften wir dort mit unserem Vater einkehren. Pommes mit Ketchup für uns – jedes Mal ein Hit, was viel darüber sagt, wie einfach Siebenjährige kulinarisch ticken. Die richtige Attraktion für Kinder war (und ist) jedoch der große Volkspark am Rande des Viertels, der Schöneberg und Wilmersdorf miteinander verbindet. Der Spielplatz am Rias-Funkhaus: schon damals wirkte er riesig, obwohl er längst nicht die Abenteuer-Landschaft von heute war. Auf der Minigolf-Bahn feierte die halbe Klasse ihren Geburtstag. Die auf den ersten Blick harmlosen Abhänge vereisten im Winter und wurden zu superschnellen Rodelbahnen.

Besonders liebte ich als kleines Kind den Ententeich am Rathaus Schöneberg. Das lag nicht so sehr an den Tieren, für die ich mich als Stadtkind nie richtig erwärmen konnte. Umso mehr begeisterte mich die U-Bahn, die an der Stelle kurz aus der Erde auftaucht und hinter Fensterscheiben gut sichtbar für alle Spaziergänger an der Station Rathaus Schöneberg hält. „Wir warten noch eine U-Bahn ab, ja?“, quengelte ich oft. Meine Eltern müssen sich manchmal gewünscht haben, die BVG möge endlich ihre Drohungen wahr machen, die dort verkehrenden Linie 4 mit ihren wenigen Stationen einzustellen.

"In fünf Minuten in der Stadt" - an Ku'damm oder Schloßstraße

Später verlagerten sich unsere Wege. Ausgehtechnisch sah es im eigenen Viertel eher öde aus. Anders als es der Mythos vom wilden West-Berlin suggeriert, beschränkte sich der durchschnittliche Teenager auf wenige Clubs. Fürs „Rock It“, wo man drei Freigetränke bekam, wenn man bis Mitternacht da war, fuhren wir nach Neukölln. Zum „Ecstasy“, dessen Beliebtheit mir heute nicht mehr ganz erklärbar ist, reichte immerhin ein längerer Fußmarsch in die Schöneberger Hauptstraße. Überhaupt waren die Wege nicht so lang in der West-Berliner Innenstadt. „Man ist in fünf Minuten mit der U-Bahn in der Stadt“, pflegte meine Mutter über die Vorzüge des Viertels zu sagen. „In der Stadt“ bedeutete: Am Ku'damm oder in der Steglitzer Schloßstraße. Genau das hatte der Erfinder des Bayerischen Viertels ja gewollt, und so funktioniert es bis heute wunderbar: Eine ruhige Wohngegend, die gleichwohl zentral liegt. Nahe dran am Trubel, ohne selber trubelig zu sein.

Von den Schrecken, die mit der NS-Machtübernahme über das Viertel mit seinen vielen jüdischen Bewohnern hereinbrachen, zeugen seit Anfang der Neunziger Jahre die „Orte des Erinnerns“: An Straßenlaternen befestigte Schilder, die auf die schrittweise Entrechtung der Juden in der NS-Zeit hinweisen. „Lebensmittel dürfen Juden in Berlin nur nachmittags von 4-5 Uhr einkaufen. 1940“, heißt es etwa an der Laterne vor dem kleinen Shop, in dem ich auf dem Weg zur U-Bahn manchmal einen Schokoriegel kaufte. Ich weiß noch, wie die Erinnerungstafeln mich anfangs verstörten, obwohl ich da längst nicht mehr ein naiver Elfjähriger war.

"Orte des Erinnerns" im Bayerischen Viertel
Unter dem Titel "Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel: Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung von Berliner Juden in den Jahren 1933 bis 1945" entstand rund um den Bayerischen Platz in Schöneberg Anfang der 1990er-Jahre ein ungewöhnliches Denkmal.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: Kitty Kleist-Heinrich
05.06.2014 08:35Unter dem Titel "Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel: Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung...

Die jüngste Berliner Geschichte scheint dagegen fast spurlos am Viertel vorbeigegangen zu sein. Geändert hat es sich über die Jahre allenfalls im Kleinen, was sich gut an den kleinen Geschäften ablesen lässt, die die Gegend prägen. Die „Schuhpflege des Westens“, die einst ein brummiger Meister führte, haben inzwischen zwei Schusterinnen übernommen. Sie kümmern sich so rührend um meine kaputten Absätze und durchgelaufenen Sohlen, dass ich ihnen noch immer meine Schuhe zur Reparatur bringe, obwohl ich längst in Kreuzberg wohne. Erst im letzten Jahr zog im ehemaligen Netto eine große Filiale der Bio-Company ein: Die Biomarktisierung des Viertels setzte spät ein. Zu spät für „Kartoffel-Krohn“, einem kleinen Gemüsehändler mit einer imposanten Auswahl an Kartoffeln. Es roch dort immer sehr modrig, so ungefähr müsse es auch auf dem Land riechen, stellte ich mir als Kind vor.

Amazon und das schlechte Gewissen

Schon vor langem ging auch der ehrwürdige Berliner Optiker Ruhnke insolvent, in dessen Filiale ich mit meine erste Brille bekam und später trotzdem durch den Sehtest für den Führerschein fiel. Apollo-Optik ersetzte ihn. Den Sportladen, in dem meine Schwester und ich gleichzeitig unsere ersten Torwarthandschuhe kauften (auf lange Sicht hatte es meine Schwester mehr mit Mannschaftssportarten als ich), ersetzte ein Frauenfitnessstudio.

Die Buchhandlungen am Bayerischen Platz dagegen trotzen den Ketten dieser Welt. „Unsere“ war immer der „Bücherwurm“, wahrscheinlich weil er näher an der Wohnung meiner Eltern liegt als der noch umtriebigere „Buchladen Bayerischer Platz“, den es seit 1919 gibt und in dem einst Albert Einstein und Gottfried Benn Kunden waren. Der „Bücherwurm“ hat mir vom ersten Enid-Blyton-Band über das Agatha-Christie-Gesamtwerk bis zum „Steppenwolf“ von Hermann Hesse so ziemlich die gesamte Lektüre meiner Jugend beschafft. Mit schlechtem Gewissen gehe ich dort heute vorbei, schließlich ist es so viel bequemer, bei Amazon zu kaufen. Aber wenn ich ab und an doch wieder ein Buch bestelle, erkennt mich die Buchhändlerin und fragt, für wen in der Familie das Buch bestimmt sei: Nicht, dass sie es aus Versehen meiner Mutter mitgibt, obwohl es ein Geschenk für sie sein soll.

Gut gebrüllt, Löwe: Unser Autor Tilmann Warnecke auf dem Bayerischen Platz.
Gut gebrüllt, Löwe: Unser Autor Tilmann Warnecke auf dem Bayerischen Platz.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Meine Eltern wohnen noch immer im Bayerischen Viertel, meine Schwester ist mit ihrer Familie inzwischen wieder dort hingezogen. Erst kürzlich waren wir alle gemeinsam auf dem großen Spielplatz im Volkspark. Aus den Eltern sind Großeltern geworden, aus den Kindern Mutter und Onkel. Meine Nichten rutschten auf unserer alten Rutsche; sie ist als fast einziges Spielgerät von früher erhalten geblieben.

Ach ja, und die Pommes-Bude am Bayerischen Platz hat die Zeiten überdauert. Zwischenzeitlich briet sie in einem Behelfscontainer, der U-Bahnhof wurde ja schick neu hochgezogen, Apeccino und das Café Haberland sind hinzugekommen. Einen dringenden Wunsch von mir hat die BVG erfüllt: Das „Brutzel-Stübchen“ hat auch nach der Wiedereröffnung sein Plätzchen im Bahnhof.

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Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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