Bildhauerin Renée Sintenis : „Die Tiere stehen mir näher als die Menschen“

Sie schuf den Berlinale-Bären: Das Georg-Kolbe-Museum feiert die Bildhauerin Renée Sintenis mit einer großen Ausstellung.

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Der Berlinale-Bär.
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Daphne ist in der griechischen Mythologie eine Nymphe, die sich auf der Flucht vor Apollon in einen Lorbeerbaum verwandelt. Renée Sintenis hat den Augenblick der Verwandlung in einer hinreißenden, fast lebensgroßen Skulptur festgehalten. Daphne, eine junge Frau von überschlanker, knabenhafter Gestalt, reckt ihre Hände himmelwärts, sie erinnert an eine lodernde Flamme. „Die ganze Gestalt schwebt, als sei sie aufgehängt am Kreuz ihres Schicksals“, schrieb 1930 eine Kritikerin. „Aus ihr spricht alles, Leid und Lust und Entsagung.“

Die Daphne, von der ein Exemplar im New Yorker Museum of Modern Art steht, gehört zu den Prunkstücken einer großartigen Ausstellung, mit der das Georg-Kolbe-Museum die Berliner Bildhauerin zu ihrem 125. Geburtstag ehrt. Renée Sintenis war nach dem Ersten Weltkrieg zu einer der erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen aufgestiegen. Bekannt wurde sie mit zumeist kleinformatigen, in Bronze und Silber gegossenen Tierfiguren, um die sich die Sammler rissen. Sie sei „eine gute Geschäftsfrau“ und beziehe „Einnahmen, um die sie mancher Bankdirektor beneidet“, befand eine Zeitschrift Mitte der zwanziger Jahre. Die 1,79 Meter große Künstlerin wirkte mit ihrem Bubikopf und der höchst androgynen Erscheinung wie die Inkarnation der Neuen Frau der Weimarer Republik. Pressefotos zeigten sie in ihrem Studebaker, auf ihrem Pferd Horaz oder beim Ku’dammbummel im Herrenanzug. Sie gehörte zu den meistfotografierten Frauen der Zwischenkriegszeit, warb für Uhren und die Zigarettenmarke Batschari.

Eine der meistfotografierten Frauen der Weimarer Republik. Sintenis 1927 mit ihrer Skulptur „Großer Bock“.
Eine der meistfotografierten Frauen der Weimarer Republik. Sintenis 1927 mit ihrer Skulptur „Großer Bock“.Foto: picture-alliance / akg-images

Sintenis, 1888 in Schlesien geboren und aufgewachsen in Neuruppin, hatte ihre Karriere nach einem abgebrochenen Studium an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums als Bildhauermodell begonnen. Sie posierte unter anderem für Georg Kolbe. 1913 präsentierte sie drei Gipsplastiken in der Berliner Herbstausstellung der „Freien Secession“. Ihren Durchbruch hatte sie dem Galeristen Alfred Flechtheim zu verdanken, mit dem sie seit 1920 zusammenarbeitete. „Flechtheim angelte am See / sich kleine Tiere von Renée“, dichtete der gemeinsame Freund Joachim Ringelnatz. Sie stellte in Paris, London und New York aus, Hemingway kaufte eine Boxerfigur von ihr. Die Bildhauerin sei ein „Mittelpunkt des ultramodernen Künstlerlebens“, urteilte die Zeitschrift „Der Querschnitt“. Doch wohlgefühlt hat sich Sintenis in dieser Rolle nicht. Sie neigte zur Melancholie und gestand: „Die Tiere stehen mir näher als die Menschen.“

Die Jahr zehren an ihr, lassen die Wangenknochen immer stärker hervortreten

Das Kolbe-Museum zeigt mehr als hundert ihrer Plastiken, die Hälfte des Gesamtwerks. Zu den eindrucksvollsten Exponaten gehören die Selbstporträts, die Renée Sintenis zwischen 1916 und 1944 von sich geschaffen hat. Es sind Masken und Köpfe, auf denen die Künstlerin immer weltabgewandter und introvertierter erscheint. Die Jahre zehren sichtbar an ihr, lassen die Wangenknochen immer stärker hervortreten. Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 markiert für Sintenis einen tiefen biografischen Einschnitt.

Gedenktafel für die Bildhauerin Renée Sintenis in der Innsbrucker Straße 23.
Gedenktafel für die Bildhauerin Renée Sintenis in der Innsbrucker Straße 23.Foto: OTFW/Wikipedia

Sie wird aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, ihr jüdischer Galerist Flechtheim geht ins Exil. Im Vorfeld der Ausstellung „Entartete Kunst“ werden ihre Plastiken und Grafiken aus Museen und Sammlungen aussortiert.Den Nationalsozialisten gilt Sintenis, die jüdische Großeltern hat, als „mindestens Halbjüdin“. Nachdem im November 1942 ihr Ehemann, der Maler Emil Rudolf Weiß, stirbt, muss die Bildhauerin damit rechnen, deportiert zu werden, sollte ihre Abstammung publik werden. Doch sie bleibt bis Kriegsende unbehelligt, muss auch nicht den „Judenstern“ tragen. Dafür sorgt – wie die Sintenis-Biografin Silke Kettelhake recherchiert hat – ein mächtiger Beschützer, Hans Hinkel, der „Sonderbeauftragte für Kulturpersonalien“ im Propagandaministerium.

In der Kunst von Renée Sintenis ist von der Angst nichts zu spüren. Nach dem Krieg beginnt sie, antikisierende Knabenfiguren zu modellieren, schöne junge Körper, die eine gewisse Biederkeit ausstrahlen. Sie wohnt bis zu ihrem Tod im Jahr 1965 mit ihrer Haushälterin und Lebensgefährtin Magdalena Goldmann in einer Wohnung an der Innsbrucker Straße Bayerischen Viertel, wird mit Preisen und Ehrungen überhäuft und zur Professorin an der Berliner Hochschule für bildende Künste ernannt. 1956 entsteht ihre populärste Figur, ein stehender Bär mit erhobenen Tatzen, der fortan als Trophäe bei den Berliner Filmfestspielen vergeben wird. Willy Brandt überreicht John F. Kennedy bei dessen Berlin-Besuch eine Kopie, größere Exemplare werden an der Autobahn aufgestellt. Am Ende ihres Lebens ist aus der Boheme-Künstlerin eine Berlin-Botschafterin geworden.

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