Bildhauerin Renée Sintenis : Eine aus der Stadt der Frauen

Sie schuf den Berlinale-Bären und trotzte den Nazis: Eine Biographie würdigt die Bildhauerin Renée Sintenis. Werke von ihr werden im Ephraim-Palais in der Ausstellung "Berlin - Stadt der Frauen" gezeigt.

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Eine der meistfotografierten Frauen der Weimarer Republik. Sintenis 1927 mit ihrer Skulptur „Großer Bock“.
Eine der meistfotografierten Frauen der Weimarer Republik. Sintenis 1927 mit ihrer Skulptur „Großer Bock“.Foto: picture-alliance / akg-images

Der Riss geht mitten durchs Leben, durch den Alltag, durch die Worte. Am 26. April 1941 berichtet Renée Sintenis einer Freundin von einer Bombennacht in ihrer Wohnung in der Kurfürstenstraße 126: „Unsere Scheiben sind heil geblieben, trotzdem einem der Luftdruck bald die Rippen eingedrückt hat. Ungefähr zu gleicher Zeit hat sich unten im Haus eine jüdische Familie mit Gift umgebracht. Es wurde erst morgens entdeckt, aber ich bin die ganze Nacht gewandelt, weil es zusammen mit dem anderen Brandgeruch so anders roch. So waren sie alle tot und das ist ja auch das Beste.“ Gleich der nächste Satz des Briefes handelt von Haferflocken und den Schwierigkeiten, im Krieg das richtige Vogelfutter für einen Wellensittich zu bekommen, „Hauptbestandteil ist sicher Hirse, so viel kann ich erkennen“.

Die scheinbare Kälte, mit der diese eigenwillig formulierten Zeilen vom Selbstmord einer jüdischen Familie zum Geplauder über Vogelfutter wechseln, mag zynisch wirken, fast barbarisch. In Wahrheit lauert hinter den Worten Angst. Sintenis hatte eine jüdische Großmutter, sie galt den Nazis als „mindestens Halbjüdin“. Nachdem ihr Mann, der Maler Emil Rudolf Weiß, im November 1942 starb, musste die Bildhauerin damit rechnen, deportiert zu werden, sollte ihre Abstammung publik werden. Aber Sintenis, das hat ihre Biografin Silke Kettelhake in den Archiven herausgefunden, besaß einen mächtigen Fürsprecher: Hans Hinkel, den „Sonderbeauftragten für Kulturpersonalien“ im Propagandaministerium.

„Anfragen in Judenfragen an mich!“, notierte der Goebbels-Vertraute schon 1937 auf einem Telegramm, in dem ein Parteigenosse die Künstlerin als Jüdin denunziert hatte. Sintenis blieb unbehelligt, sie musste später auch keinen „Judenstern“ tragen. Der NS-Funktionär hielt offenbar bis zum Kriegsende seine schützende Hand über sie. Warum er das tat? „Darüber kann man nur spekulieren“, sagt Kettelhake. „Vielleicht gefielen ihm ihre Bronzen.“

Freund Ringelnatz, ewig abgebrannt

Als „Riesin mit dem Kleintierzoo“ war die beinahe zwei Meter große Bildhauerin verulkt worden, als sie mit ihren Kleinplastiken, die Rehe, Pferde oder Bären zeigten, zu einer der bestverdienenden Künstlerinnen der Weimarer Republik aufgestiegen war. Mit ihrer androgynen Ausstrahlung und dem Bubikopf verkörpert sie geradezu idealtypisch die „Neue Frau“ der Zwischenkriegsära. Sie fährt einen Studebaker, reitet auf ihrem Hengst Horaz durch den Grunewald und verkehrt in den Künstler- und Literatenzirkeln des Romanischen Cafés. Ihrem ewig abgebrannten Schriftstellerfreund Joachim Ringelnatz schenkt sie Anzüge und überredet ihn zur Malerei.

Der Berlinale-Bär.
Der Berlinale-Bär.promo

Mit Hitlers Machtantritt 1933 folgt kein jäher Absturz, sondern eher, so die Biografin Kettelhake, „das Hinübergleiten in eine Depression“. Viele Freunde emigrieren, die Sintenis vereinsamt zunehmend und zieht sich zurück. Eben noch eine der meistfotografierten Frauen Deutschlands betritt sie ihre Wohnung nun am liebsten über den Dienstboteneingang. Ihr Mann erhält Einladungen mit der Bitte, doch ohne seine jüdische Ehefrau zu kommen. Das Jahreseinkommen der Künstlerin sinkt von 8000 auf 3000 Reichsmark, eine zwar nicht mehr rekordverdächtige, aber doch noch beachtliche Summe. Kettelhakes gerade erschienenes Buch mit dem Untertitel „Berlin, Boheme und Ringelnatz“ ist die erste umfassende Biografie über die Sintenis. Zu den Verdiensten des Bandes gehört es, mit großer Akribie das Leben dieser Frau in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu schildern.

Nazi-Kunstpolitik ohne Stringenz

Denn da die Kunstpolitik des Regimes keiner stringenten Linie folgte, waren die Arbeiten der Sintenis gleichzeitig verfemt und hochgeschätzt. So wird die Bildhauerin zwar im Mai 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, doch ihre für die Berufsausübung unabdingbare Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer behält sie. Ihren jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim zwingt man ins Exil, aber sein ehemaliger Mitarbeiter Curt Valentin darf den devisenträchtigen Verkauf von Sintenis-Werken in die Schweiz und USA organisieren. Ihre Plastiken und Grafiken werden im Vorfeld der Ausstellung „Entartete Kunst“ zwar aus öffentlichen Sammlungen aussortiert, am Ende aber – anders als Bilder von Dix, Grosz oder Schlemmer – nicht zerstört, sondern zurückgegeben. Und noch 1935 ist Sintenis bei einer Schau in der Münchner Pinakothek vertreten, die unter anderem von Goebbels kuratiert wurde.

Das Leben der Renée Sintenis erzählt von einer gegen die Regeln ihrer Zeit ertrotzten Emanzipation. 1888 in Schlesien geboren und in Neuruppin aufgewachsen, beginnt sie 1905 eine Ausbildung in der Klasse für „dekorative Plastik“ an der Berliner Kunstgewerbeschule. Sie muss das Studium abbrechen, als ihr Vater das Schulgeld nicht mehr aufbringen will, und soll mit Stenografiekursen auf eine Zukunft als „Tippmädchen“ vorbereitet werden. Doch Renée – ihr Geburtsname lautete Renate – rebelliert.

Gedenktafel für die Bildhauerin Renée Sintenis in der Innsbrucker Straße 23.
Gedenktafel für die Bildhauerin Renée Sintenis in der Innsbrucker Straße 23.Foto: OTFW/Wikipedia

Sie lässt sich, ein Affront, beim Friseur für Geld ihren langen Zopf abschneiden und verdient den Lebensunterhalt als Modell beim Bildhauer Georg Kolbe. 1913 zeigt sie erstmals drei Statuetten in der Berliner Herbstausstellung. Ihre zerbrechlich anmutenden Figuren wirken wie ein Gegengift zum Pomp der wilhelminischen Staatskunst. Kritiker loben die „ätherisch-graziöse Wirkung“, auch der Dichter Rainer Maria Rilke ist begeistert. Emil Rudolf Weiß, als Typograf eine Berühmtheit, gibt die junge Bildhauerin ohne Abitur und Hochschulabschluss als seine Entdeckung aus und führt sie in die vornehme Berliner Gesellschaft ein.

Eine Art Wiedergutmachung nach dem Krieg

„Sie war ein bisschen seine Musterpuppe“, sagt die Biografin Kettelhake über das Verhältnis der Sintenis zu ihrem späteren Ehemann. Weiß hat der Künstlerin hymnische Gedichte gewidmet und sie immer wieder gemalt. Nach seinem Tod zieht sie sich noch weiter ins Privatleben zurück, nach 1945 zieht sie mit ihrer Haushälterin in eine Wohnung in die Innsbrucker Straße, wo sie die letzten beiden Jahrzehnte ihres Lebens verbringt.

Bis zu ihrem Tod 1965 wird Renée Sintenis mit Ehrungen geradezu überhäuft, es ist eine Art Wiedergutmachung. Ihre Bärenfiguren werden an Autobahnen von und nach Berlin aufgestellt und zur Berlinale-Trophäe gemacht. Sie bekommt eine Professur, das Große Bundesverdienstkreuz und den „Ritter der Friedensklasse“ des Ordens Pour le Mérite. Zur Verleihung mag die Bildhauerin, ganz aufmüpfige Berlinerin, nicht nach Bonn reisen: „Ich gehe nicht nach dem Westen. Er kann zu mir kommen.“

Vom 17. März bis zum 18. August zeigt das Stadtmuseum Berlin im Ephraim-Palais in der Ausstellung "Berlin - Stadt der Frauen" auch Werke von Renée Sintenis. Einen Ausstellungsbericht finden Sie hier.

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