Biographie : Alice und Siegfried Tradelius aus der Jenaer Straße

Eine von der Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf erstellte Biographie von Alice und Siegfried Tradelius, für die in der Jenaer Straße 21 im Bayerischen Viertel Stolpersteine verlegt wurden.

Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den Nazis ermordet in Auschwitz. Foto: Mike WolffWeitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
28.04.2014 14:15Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den...

Alice Tradelius, geborene Cohn kam am 8. April 1887 in Biniew, Posen, zur Welt. Ihre Eltern Johanna geb. Schweitzer und Bruno Cohn stammten aus Krotoschin, Posen, und wohnten spätestens seit 1906 in Berlin, das Adressbuch gibt den Beruf von Bruno Cohn als „Kaufmann“ an. Alice blieb ihr einziges Kind. Wie und wann sie Siegfried Tradelius kennen lernte bleibt unklar, vielleicht über die jüdische „Berthold-Auerbach-Loge“, bei der Alice Kassiererin war. Sie heiratete Siegfried am 15.März 1910 in Charlottenburg. Siegfried Tradelius war am 2. Juni 1880 in Woldenberg (Neumark) als ältester von später neun Geschwistern geboren worden. Sein Vater Moritz Tradelius wird im Berliner Adressbuch erstmals 1906 auch als Kaufmann bezeichnet, mit Wohnsitz in der Wielandstrasse 4; in Woldenberg besaß er eine Papiermühle. Alice und Siegfried hatten zwei Töchter: Am 27. Mai 1911 wurde ihre Tochter Hilde geboren, zehn Jahre später, am 15. Januar 1921, die zweite Tochter, Ellen. Das Ehepaar wohnte bis Anfang der 30er Jahre in der Motzstrasse 75. Etwa 1931 zog die Familie in die Jenaer Strasse 21.

Siegfried Tradelius hatte ein Textilgeschäft „Tüllen, Spitzen, Strickwaren“, zunächst in der Rossstrasse 4 (heute in „Fischerinsel“ umbenannt), zuletzt in der Markgrafenstrasse 33, Ecke Mohrenstrasse. Während des ersten Weltkrieges war er im Feld und Alice Tradelius führte das Geschäft und arbeitete auch später in der Firma mit. 1919 gründete Siegfried Tradelius eine Gesellschaft zusammen mit seinem Bruder Ulrich und nannte die Firma fortan „Siegfried Tradelius & Co“. Sie vertrieben weiterhin Kurzwaren und Stoffe und stellten auch Kinderkleidung her. Die Firma arbeitete viel für den Export, u.a. nach Südafrika, Norwegen und Schweden.

Alice und Siegfried Tradelius gehörten der jüdischen Reformgemeinde an. Sie verstanden sich als deutsche Staatsbürger und lehnten zunächst eine Emigration trotz der nationalsozialistischen Verfolgung ab. Auch dann, als 1934 ihre Tochter Hilde, inzwischen verheiratete Deutsch, verhaftet wurde, weil sie antifaschistische Flugblätter gedruckt und verbreitet hatte. Dank eines im Nationalsozialismus gut vernetzten Anwalts erhielt Hilde Deutsch „nur“ ein Jahr Gefängnis und konnte nach ihrer Entlassung 1935 nach Schweden zu ihrem Mann Kurt Deutsch fliehen, der ein Jahr zuvor rechtzeitig Deutschland hatte verlassen können. Später änderte er seinen Familiennamen in Kurt Singer, um seine Familie in Deutschland zu schützen. Die Eltern Alice und Siegfried besuchten das junge Ehepaar im Januar 1936 in Stockholm, kehrten dann aber nach Deutschland zurück. Ein Auswanderungsplan nach Palästina wurde wieder fallen gelassen. „Ich mag mich nicht mehr umstellen & ich möchte in Deutschland mein Leben beenden“ hatte Siegfried Tradelius in einem Tagebuch notiert.

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1938 bekam Siegfried Tradelius Probleme mit der Zollfahndungsstelle wegen „Devisenvergehens“, eine Anschuldigung, derer sich die Nationalsozialisten gegenüber Juden sehr oft bedienten. Am 29.9. wurde Tradelius „aufgrund einer Denunziation unseres Mädchens Klara“ verhaftet, am nächsten Tag wieder freigelassen. Klara Hansen, seit 1935 im Dienst der Tradelius, hatte bereits 1936, als Alice und Siegfried ihre Tochter in Stockholm besuchten, gegen sie Anzeige wegen „Flucht“ erstattet. Am 4. Juli 1938 erschien sie wieder – „unaufgefordert“, wie das Vernehmungsprotokoll festhält – bei der Polizei und zeigte ihre Dienstherrschaft wegen angeblichen Geldtransfers nach Holland an. Am 29. Oktober wurden Alice, Siegfried und dessen Bruder Ulrich festgenommen, auch der in Hamburg ansässige Bruder Günther, der schon vorher verhört worden war, wurde dort verhaftet. Siegfried und Ulrich kamen am 4. November in das Untersuchungsgefängnis Moabit.

Alice kam nicht mehr in Untersuchungshaft: in der Nacht zu ebendiesem 4. November nahm sie sich das Leben in ihrer Zelle im Polizeigefängnis in der Alexanderstrasse 10. Die Akten vermerken, dass sie dort „tot aufgefunden“ wurde. Sie war fast täglich verhört worden und wurde immer wieder mit neuen Anschuldigungen und mit Zeugenaussagen gegen sie und ihren Mann konfrontiert, um sie in Widersprüche zu verwickeln. „Sie war den Aufregungen nicht mehr gewachsen“ notierte ihr trauernder Ehemann. „Dieser furchtbare Schlag war das Schlimmste was mich treffen konnte“. Auf der Gefangenenkarte Siegfried Tradelius’, laut der er am 4.11.38 um 15:00 Uhr in das Untersuchungsgefängnis Moabit überführt wurde, ist er bereits als Witwer registriert. Siegfried und Ulrich wurden am 21. November auf Kaution von der Haft verschont: 20000 RM für beide. Die Kautionssumme war mit Hilfe von Verwandten und Freunden zusammen gekommen, da sie als Juden nur noch begrenzt über ihr Vermögen verfügen konnten. Zu bereits bestehenden diskriminierenden Abgaben wie die „Reichsfluchtsicherheitssteuer“ war nach der Pogromnacht vom 9. November noch die „Judenvermögensabgabe“ als sog. „Sühneleistung“ in Höhe von 25% des Vermögens hinzugekommen.

Die eigentliche Verhandlung fand im Mai 1939 statt. Siegfried Tradelius wurde vorgeworfen, zusammen mit seinen Brüdern Ulrich und Günther, Geld ins Ausland verschoben oder zu verschieben versucht zu haben. Bei Siegfried ging es um 750.- RM. Außerdem habe er schon früher größere Summen sowie Wertpapiere ins Ausland „verbracht“, was er „energisch in Abrede“ stellte, heißt es im Bericht des Zollinspektors. Bedauernd fügt dieser hinzu: „Seine Überführung in dieser Hinsicht war nicht möglich.“ Siegfried Tradelius wurde zu 4 Monaten Haft und 5000.- RM Strafe verurteilt. Dieses vergleichsweise „milde“ Urteil wartete er nicht mehr ab. Am 4. Januar 1939 reiste er mit einem von Tochter Hilde besorgten falschen Pass nach Belgien aus und erreichte seine Kinder – auch Ellen war seit 1938 in Schweden – am 10. Januar in Stockholm. Dort ist er am 25. August 1943 in der Emigration gestorben.

Sein Bruder Ulrich war ebenfalls mit Ehefrau Grete und den 15 und 11 Jahre alten Kindern Hans und Steffi am 4.1.39 nach Belgien geflüchtet. Sie konnten jedoch der Verfolgung nicht entkommen. Grete und Steffi wurden 1942 in das SS-Sammellager im belgischen Mechelen interniert und am 1. September 1942 in Auschwitz ermordet. Ulrich Tradelius kam schon 1940 in die französischen Lager Saint Cyprien und Gurs und wurde im August 1942 von Drancy aus auch nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sein Todesdatum ist nicht bekannt. Sein Sohn Hans kam ebenfalls 1940 in das Lager Gurs und kam am 23. August 1940 vermutlich im Krankenhaus Perpignan aufgrund einer im Lager ausgebrochenen Typhusepidemie ums Leben.

Günther Tradelius gelang es noch 1941, offenbar legal, nach Chicago zu emigrieren. Seine Frau Katharina, geb. Lappe, blieb jedoch zurück und wurde im Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet.

Zwei weitere Schwestern von Siegfried Tradelius, Edith, verheiratete Zappert, und Ilse, verheiratete Kaminsky, wurden von den Nationalsozialisten ermordet, sowie auch Ilses Mann, Kurt Kaminsky. Bruder Walter emigrierte bereits 1936 nach Frankreich, sein Schicksal bleibt ungeklärt – den Krieg überlebte er auch nicht. Fritz, der Jüngste, war bereits im Ersten Weltkrieg gefallen, Lucie schon 1926 gestorben. Ihr Mann, Leo Wald, wurde 1942 in Treblinka umgebracht. Nur Schwester Emmi, verheiratete Spiro, starb erst 1962 - sie lebte schon vor 1933 in Lateinamerika.

Alice und Siegfried Tradelius’ Tochter Hilde Singer starb im Alter von 102 Jahren kurze Zeit vor der Berliner Stolpersteinverlegung für ihre Eltern in New York. Die zweite Tochter, Ellen Dahlberg lebt – 92-jährig – in Stockholm.

Quellen:
Akten des Landesarchivs Berlin
Adressbücher von Berlin
Angaben der Nachkommen

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