Bombenkrieg in Berlin 1945 : Bombenexplosion im U-Bahnhof Bayerischer Platz - Zeitzeugen gesucht

Am 3. Februar 1945, am Tag des schwersten Luftangriffs auf Berlin, starben 63 Menschen bei einer Bombenexplosion im U-Bahnhof Bayerischer Platz. Viel ist darüber nicht berichtet worden. Die Kiezseite Bayerisches Viertel sucht Zeitzeugen.

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U-Bahnhof Bayerischer Platz im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg 1946.
Der U-Bahnhof Bayerischer Platz ein Jahr nach Kriegsende.Foto aus dem Buch "100 Jahre Schöneberger U-Bahn" von Jan Gympel

Die Fahrgäste verharrten in den beiden Zügen, die zur gleichen Zeit im U-Bahnhof Bayerischer Platz hielten. Der Luftalarm war ausgelöst, doch es machte keinen Sinn, den U-Bahnhof zu evakuieren, weil es im zuvor schon zerstörten Areal um den Platz ohnehin keine Schutzräume mehr gab. Als Luftschutzkeller taugte allerdings auch der U-Bahnhof nicht. Zu dünn war die Decke, die den Tunnel der Schöneberger U-Bahn vom Platz direkt darüber trennte. 63 Menschen starben an jenem 3. Februar 1945, dem Tag des schwersten Luftangriffs auf Berlin, bei der Bombenexplosion im U-Bahnhof Bayerischer Platz. Insgesamt tötete der amerikanische Angriff, der vor allem der Stadtmitte galt, mehrere tausend Menschen innerhalb kürzester Zeit. Insgesamt waren durch alliierte Luftangriffe auf Berlin Zehntausende Tote zu beklagen - genau lässt sich deren Zahl nicht benennen. In anderen deutschen Städten wie Hamburg oder Dresden war die Zahl der Opfer des Zweiten Weltkriegs vermutlich noch höher als in Berlin.

Im Vergleich zum Ausmaß des Schreckens sind dessen Zeugnisse gering. In seinem Essay "Luftkrieg und Literatur" beschreibt der Schriftsteller W.G. Sebald den Mangel an literarischen Verarbeitungen des Bombenkriegs als Symptom "von vorbewussten Prozessen der Selbstzensur", als "individuelle und kollektive Amnesie" oder als "mit einer Art Tabu behaftetes Familiengeheimnis, das man vielleicht nicht einmal sich selber eingestehen konnte". Eine öffentliche Debatte sei im Nachkriegsdeutschland lange schon deshalb unmöglich gewesen, "weil ein Volk, das Millionen von Menschen in Lagern ermordet und zu Tode geschunden hatte, von den Siegermächten unmöglich Auskunft verlangen konnte über die militärpolitische Logik, die die Zerstörung der deutschen Städte diktierte". Schon während des Kriegs "soll es sehr selten nur vorgekommen sein, dass jemand Klage führte über die jahrelange Destruktionskampagne der Alliierten. Die Deutschen seien "mit stummer Faszination ... der sich vollziehenden Katastrophe gegenübergestanden".

"Ernst, stumm und feierlich warten sie darauf, dass man ihre Toten ausgräbt"

Dazu passt, was Ruth Andreas-Friedrich, Widerstandskämpferin und Helferin jüdischer Mitbürger, nach dem Luftangriff in ihr Tagebuch schrieb: "Als ich an der Schadensstelle vorübergehe, halte ich befremdet inne. Was für ein sonderbarer Volksauflauf? Männer, Frauen, Kinder dicht aneinandergedrängt. Sie senken die Köpfe und schweigen. Sie schweigen lange. Sie rühren sich nicht vom Fleck. Ernst, stumm und feierlich warten sie darauf, dass man ihre Toten ausgräbt. Ihre Schwestern, ihre Brüder oder Mütter. Aus dem zehn Meter tiefen Krater, den heute morgen um elf eine Luftmine in den U-Bahn-Schacht gerissen hat."

Für dasselbe Datum notiert die Journalistin Ursula von Kardorff in ihren - im Rückblick verfassten - "Berliner Aufzeichnungen": "Warum stellt sich niemand auf die Straße und schreit 'genug, genug', warum wird niemand irrsinnig? Warum gibt es keine Revolution? Durchhalten, blödsinnigste aller Vokabeln. Also werden sie durchhalten, bis sie alle tot sind, eine andere Erlösung gibt es nicht."

Die Schrecken aufgeben und vergessen machen

Auch für die Wissenschaft stellt Laurenz Demps, Herausgeber des vor einem Jahr erschienenen Buchs "Luftangriffe auf Berlin" fest: "Nur in sehr wenigen Abhandlungen wird in groben Umrissen und Konturen die Wirkung dieser alliierten Luftangriffe auf die Bevölkerung dargestellt." Erst spät und dann vor allem durch Jörg Friedrichs 2002 erschienene Studie "Der Brand" seien die zivilen Opfer ins Blickfeld gerückt, zuvor ging es in der einschlägigen Literatur vorrangig um "die strategischen und taktischen Bedingungen des Luftkrieges sowie eine minutiöse Schilderung von Luftkämpfen".

Oder noch prägnanter formuliert: "Es sind unzählige Werke verfasst worden, die über lange Zeit das Ziel hatten, die Schrecken aufzugeben und vergessen zu machen." Selbst die Berichte über die Menge der Opfer sind nicht vertrauenswürdig: Laurenz Demps zitiert Quellen mit verschiedensten, weit auseinanderliegenden Zahlen und hält selbst rund 2000 Todesopfer an dem Tag in Berlin für realistisch. Dafür gibt es eine minutiöse Aufzeichnung über die Dauer des Fliegeralarms: Er begann um 10.27 Uhr und endete um 12.16 Uhr. 939 amerikanische Flugzeuge waren im Einsatz.

Jörg Friedrich, Günter Grass und ein Backfisch im Bombenkrieg

Erst nach der Jahrtausendwende änderte sich die Perspektive. Dafür steht nicht nur Jörg Friedrichs umstrittenes Buch, sondern auch Günter Grass' im selben Jahr veröffentlichter Roman "Im Krebsgang" oder das TV-Drama "Dresden" von 2005 - bis hin zu Anekdotischem wie zuletzt etwa "Ein Backfisch im Bombenkrieg", dem Tagebuch eines Berliner Teenagers. Die "Kriegskinder" begannen zu sprechen und schließlich fanden sogar einige "Kriegsenkel" zu sich selbst.

Mein Ziel hier im Kiezblog ist es, lokale Geschichte zu rekonstruieren und dazu gehört ein traumatisches Ereignis wie die Bombenexplosion im U-Bahnhof Bayerischer Platz 1945, das Ruth Andreas-Friedrich so eindringlich wie knapp beschrieben hat, über das aber bislang nur wenig veröffentlicht wurde. Der Einstieg dieses Texts etwa beruht auf dem empfehlenswerten Buch "100 Jahre Schöneberger U-Bahn", in dem Autor Jan Gympel die "Berliner Verkehrsblätter" von 1968 zitiert. Auch in Biographien über den im Bayerischen Viertel wohnenden und als Arzt praktizierenden Dichter Gottfried Benn wird der Bombenangriff beschrieben. Benn überlebte im Bunker des nahegelegenen Schöneberger Rathauses.

Ich würde gern mehr über jenen Tag im Februar und über die Bombenangriffe auf das Bayerische Viertel erfahren und für meine Leser aufschreiben. Bitte melden Sie sich, wenn Sie sich daran erinnern können und davon erzählen wollen. Bitte helfen Sie auch bei der Suche nach Zeitzeugen. Sie erreichen mich am besten unter der Email-Adresse bayerischesviertel@tagesspiegel.de. Auch über Hinweise auf weitere bereits veröffentlichte Berichte, Bilder und Dokumente sowie Unveröffentlichtes zum Thema bin ich dankbar.

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Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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