Buchladen Bayerischer Platz : Das Lesen ist wie die Liebe

Der Buchladen Bayerischer Platz ist eine der kleinen Buchhandlungen, die den gefräßigen Ketten widerstanden haben. Und er ist mehr als nur ein Laden.

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Inhaberin Christiane Fritsch-Weith im Buchladen Bayerischer Platz.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Alle Klappstühle sind besetzt, bis in den letzten Winkel. Heute Abend hängt der halbe Kiez an den Lippen von Christiane Fritsch-Weith. Die Buchhändlerin stellt neue Bücher vor. Sie sitzt an einem kleinen weißen Holztisch. Zu ihren Füßen kniet ihr Mann und stellt das Mikrofon ein. Ihr Bruder macht Fotos. An der Tür lässt ihr Sohn Kunden ein, die sich die Nase am Schaufenster plattgedrückt haben. Wenn alle ein bisschen zusammenrücken, passen ein oder zwei mehr in die vollgestopfte Buchhandlung.

Christiane Fritsch-Weith greift ein Buch nach dem anderen vom Stapel neben sich. Sie schwenkt sie wie Trophäen. Ein guter Krimi! Ein faszinierendes Sachbuch! Ein unbekannter junger Autor! „Dieses Buch hier ist etwas für Sie und für Sie!“ Sie deutet auf zwei Stammkunden in der ersten Reihe. Christiane Fritsch-Weith ist so leidenschaftlich, so überzeugend, dass man von einer wilden Lust ergriffen wird, einen Bücherstapel zu schnappen und in die schwarze Nacht der Grunewaldstraße zu fliehen, um sich ins Bett zu legen und bis zum Morgengrauen die Seiten zu verschlingen.

Der Buchladen Bayerischer Platz feiert in diesem Jahr seinen 95. Geburtstag. Benedikt Lachmann, ein jüdischer Intellektueller, gründete ihn 1919. Für ihn war Bildung ein Grundrecht, sein Buchladen führte auch eine Leihbibliothek. 1937 trat Lachmann seine Buchhandlung an einen arischen Angestellten ab. War er gezwungen worden, das Geschäft unter Wert zu verkaufen? Die dunkle Geschichte dieser Übergabe bleibt ein Geheimnis. Lachmann wird nach Lodz deportiert, wo er stirbt. Im Jahr 1975 übernimmt Christiane Fritsch-Weith die Buchhandlung. Sie ist 25 Jahre alt, hat zwei kleine Kinder und eine Menge Ideen im Kopf.

Fast vier Jahrzehnte später ist der Buchladen Bayerischer Platz immer noch da, unverrückbare Säule im Kiez. Ein kleiner Laden, der auf den ersten Blick nach nichts aussieht. Keine Liliensträuße auf edler Theke. Keine tiefen Lederfauteuils, in die man mit einem Latte Macchiato und einem Bestseller versinken kann. Stattdessen willkürlich angebrachte Neonlampen an der Decke, ein abgenutzter Teppichboden mit den Spuren der Jahre und der umgekippten Prosecco-Gläser. Christiane Fritsch-Weith gibt nicht viel auf die Innenausstattung: „Die Kunden sind konservativ. Man will nicht in seine Kneipe kommen und jemand hat alles verändert.“ Einziges Zugeständnis: die knallrote Espressomaschine, die ein Lieferant der Buchhandlung zu einem Jubiläum geschenkt hat. Sie thront neben den Wörterbüchern.

Der Buchladen Bayerischer Platz ist eine der kleinen Buchhandlungen, die den gefräßigen Ketten widerstanden haben, den Supermärkten, in denen man Bücher verkauft, die man nicht gelesen hat und nicht wirklich liebt. Die Verlagsvertreter beklagen sich seit Jahren, dass die Buchhändler nicht mehr lesen, dass sie häufig nicht wissen, was sie ihren Kunden da eigentlich verkaufen. Socken oder Gedichte, das ist Jacke wie Hose. Nicht so bei Christiane Fritsch-Weith. Man fragt sich, woher diese kleine schlanke Frau ihre überbordende Energie nimmt – immer gut gelaunt, immer bereit, ihre kleine Holzleiter hochzuspringen, um auf dem obersten Regalbrett einen Schatz zu heben, immer hat sie Geduld mit Kindern, die sich nicht entscheiden können, und mit alten Damen, die ihr tausend Fragen stellen.

Wenn ein Kunde sie um Rat fragt, horcht Christiane Fritsch-Weith ihn von Kopf bis Fuß ab, versucht, sich in sein Leben zu versetzen, seine Gedanken zu lesen. Ein Teenager mit Beatlesfrisur, hängenden Schultern und einem Ausdruck von „kein Bock“ stößt die Ladentür auf. Er wird von seinem Vater begleitet. Der Vater findet, dass es an der Zeit ist, die Comics aufzugeben, um sich endlich bildungsbürgerlicher Lektüre zu widmen. Salinger, Conrad, warum nicht Thomas Mann! Der Junge duckt sich und wirft einen freudlosen Blick auf die Lieblinge des Hauses, wie sie in ihren farbigen Umschlägen die Regale bevölkern. Mit einem Blick hat Christiane Fritsch-Weith die Bedrohlichkeit der Lage erfasst: Ein potenzieller Leser muss gerettet werden. Sie ignoriert das Plädoyer des Vaters. Sie nimmt den Sohn mit in die hinterste Ecke des Ladens. Sie nimmt ihn ernst. Und in zehn Minuten ist alles gelaufen: Mit einem Comic und drei für sein Alter geeigneten Romanen zieht er ab. Joseph Conrad wird erscheinen, wenn die Zeit dafür reif ist, verspricht Christiane Fritsch-Weith. Da ist sie sich ganz sicher. Das Lesen ist wie die Liebe, man darf nichts erzwingen.

Schon immer war Christiane Fritsch-Weith eine begeisterte Leserin. Ihr Vater war Vertreter für den Fischer Verlag. Und er war sparsam: Er zerschnitt die Prospekte der Verlagshäuser zu Toilettenpapier. Im Bad setzte das kleine Mädchen das Puzzle zusammen und entdeckte die Welt der Schriftsteller. Seitdem liest sie ständig. Abends mindestens eine Dreiviertelstunde, im Bett vor dem Einschlafen. Morgens am Frühstückstisch. Sonntags ebenfalls. Aber die schönste Zeit des Jahres sind für sie die Sommerferien, vier Wochen unter einem Lindenbaum im Garten eines großen Hauses in Frankreich. „Wegen der 50 Bücher, die ich mitnehme, muss ich mit dem Auto fahren. Im Flugzeug müsste ich zu viel für das Übergepäck bezahlen. Was ich zum Anziehen mitnehme, ist mir nicht so wichtig.“

Im Buchladen Bayerischer Platz bestehen die Käufer zu 90 Prozent aus Stammkunden. Und wenn Frau Bayer sich wochenlang nicht blicken lässt, ist ihre Buchhändlerin die Erste, die sich deshalb Sorgen macht. Viele kommen vorbei, um sich ein wenig zu unterhalten, wenn sie Sorgen haben. Die Buchhändlerin hat im Viertel eine soziale Funktion. Und Christiane Fritsch-Weith kümmert sich um ihre Kunden. Sie begrüßt sie mit Namen, wenn sie die Ladentür öffnen. Für die Ältesten ist bei Lesungen immer ein Platz in der ersten Reihe reserviert. Jeden Donnerstag erhalten 900 Abonnenten pünktlich um 7:06 Uhr den illustrierten Literaturkurier als Mail. Lesetipps, Ankündigungen von Lesungen, Hinweise auf Literatursendungen und als Bonbon eine hübsche Anekdote aus dem Buchladen. Auch die gut sortierte Internetseite ist zu empfehlen.

Im Lauf der Jahre haben die Berliner Autoren ein enges Band zu dem Buchladen geknüpft. Sie bilden einen liebevoll umsorgten Hof. Monika Maron ist Stammgast, Nachbarin und Favoritin. Zu den Protegés zählt Jakob Hein ebenso wie Eva Menasse, Katja Lange-Müller und Michael Kumpfmüller. Karl Schlögel zelebriert hier die Premiere jedes seiner Bücher. Die Schriftsteller wissen, dass sie in diesen exklusiven Zirkel aufgestiegen sind, wenn ihr Buch mehrere Wochen auf der Theke ausgestellt wird, da, wo die Kunden ihr Portemonnaie zücken.

Nur eine Sache bedauert Christiane Fritsch-Weith. Und zum ersten Mal verdüstert sich ihr Gesicht: „Es gibt Engel in meinen Regalen, Bücher, die ich nicht wahrnehme. Das ist das riesige Drama. Und ich empfinde Schuld gegenüber diesen wunderbaren Autoren.“ Die Buchhändlerin von Schöneberg senkt den Kopf und man glaubt sie erröten zu sehen.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke.

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