Bundeskanzler 1989 in Schöneberg : Helmut Kohl und der Rathaus-Chor

Als Helmut Kohl und andere Politiker am 10. November 1989 am Rathaus Schöneberg die Nationalhymne anstimmten, ging der Gesang im „ Pfeifen und Brüllen aggressiver Wiedervereinigungsfeinde“ unter, schrieben wir unlängst. Unser Leser Wolf Svedese sah die Dinge anders.

Wolf Svedese
309082_0_d7925167.jpg
Massen versammelten sich vor dem Rathaus Schöneberg, um die Reden von Willy Brandt, Walter Momper, Hans-Dietrich Genscher und...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn ich in Ihrem Bericht über das Momper-Diepgen-Traditionstreffen lese, dass der „Rathaus-Chor“ am 10. November 1989  im „Pfeifen und Brüllen aggressiver Wiedervereinigungsfeinde“ erstickt wäre, muss ich mich schon sehr wundern.

Ich hatte in der Nacht des Mauerfalls nicht geschlafen. Am Nachmittag hörte ich im Radio kurz von der Kundgebung am Rathaus Schöneberg. Damals wohnte ich vielleicht 15-Fußweg-Minuten entfernt. In Erinnerung an viele Ereignisse dort lief ich hinüber, stand ganz vorne. Die Absicherungen waren improvisiert. Es waren gerade einmal ein paar Hamburger Gitter, kaum Polizei. Selbst für damalige Verhältnisse war das wenig. Und die Mikrophone standen auf dem Treppenpodest, nicht auf dem Balkon! Alles wirkte herrlich improvisiert und bescheiden.

Niemand wusste, wer neben Walter Momper noch kommen würde. Wahrscheinlich noch Willy Brandt, aber sonst? Die Stimmung war merkwürdig indifferent. Um angekündigte Freunde heranzuholen, musste ich mich mit der Nachbarschaft gut stellen, um meinen Platz ganz vorne wiederzuerlangen. Die Kontaktaufnahme wirkte wunder, und das Reden miteinander begann. Als „Seelen-Striptease“ ist das, was passierte, noch ungenügend beschrieben. Das übliche eher aggressive Berliner Publikum war mir ja nichts Neues, aber plötzlich wurde miteinander über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg „geschwisterlich“ geredet. Unterschiedliche politische Ansichten waren eher egal, weil wir alle über den Mauerfall glückselig waren.

Es war insofern ein Erlebnis in der Masse, das für mich einmalig geblieben ist. Kein Hass, kein Rechthaben, keine endgültigen Wahrheiten, nur gemeinsame Glückseligkeit. Es wurde ausgetauscht, was seit der Nacht erlebt wurde, mit wem schon ein Wiedersehen erfolgt war, was sich noch ereignet hatte; es wurden darüber gesprochen, wie unterschiedlich der Mauerbau und die Mauerjahre erlebt worden waren.

Walter Momper wurde mit „Walter“-Rufen gefeiert

Nur rosarote Wölkchen? – Oh nein! –  Einige wenige schimpften, besonders ein Herr, der über den „SPD-AL-Verbrechersenat“ herfiel, erlangte Aufmerksamkeit. Da er aber keine Argumente feilbot, hatte sich das sehr schnell erledigt. Inzwischen war der Platz voll, von der einen oder anderen Ecke waren Aufwallungen mitzubekommen. Es war richtig dunkel geworden, und Ungeduld kam auf. Als der politische Tross dann endlich heraustrat, waren die Reaktionen des Auditoriums ambivalent. Beifall und verhaltener Jubel wichen den Pfiffen, als Kanzler Helmut Kohl ganz zu sehen war. Die Mienen der Herren aber wirkten, mit Ausnahme von Genscher, alles andere als entspannt.

Walter Momper jedoch traf sofort die Stimmung der Anwesenden, er wurde mit „Walter“-Rufen gefeiert, nicht wie die Nacht an der Mauer noch mit „Mompi“! Nach Blick auf das Mauer-Elend ließ er den „Tag der Freude“ leben, und er überließ das, was passierte, ganz betont dem „Volk der DDR“. Genau das, der Tag des „Wiedersehens“, aber fand allseits um uns herum und im gesamten Auditorium große Zustimmung. Die Wiederbegegnung der Menschen war sein Thema ohne jede Oberlehrer-Attitüden gegenüber der DDR. Momper zeigte sich mit dem, was an dem Tag war, zufrieden.

„Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen!“

Brandt – heftig gefeiert – knüpfte dort an, obwohl er in vielem weiter ausholte. Es war sein „Heimspiel“! Während der Rede wirkte Brandt schlagartig viel gelassener, und er fand – wie üblich – in seinen Ausführungen zu emotional bewegenden Höhepunkten. Einer davon war das Eigenzitat: „Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen!“  Unvergessen auch ist mir sein Appell, dass ein Stück von diesem Monstrum seinetwegen stehen bleiben sollte. Die Bemerkungen um mich herum waren aber ein wenig vielfältiger. Die Mauer würde sicher „versilbert“, das wären außerdem „viele schöne Grundstücke“, vielleicht gleich ’ne  „neue Stadtautobahn“? Die Nüchternen wiegelten ab, empfahlen Abwarten, aber viel gelacht wurde trotzdem. Unvergessen auch, dass Brandt auf das Nazi-Regime als eigentliche Ursache der Teilung hinwies und dafür Riesenbeifall bekam. Genschers Ausflug ins Thema der „Deutschen Nation“ hinderte ihn nicht, sich ebenfalls mit allen „Vorschriften“ der DDR gegenüber zurückzuhalten. Das erhielt ihm zu Recht den herzlichen, teils ebenfalls emphatischen Beifall. Dort auf dem Treppenpodest stand eher eine Art „SPD-FDP-Koalition“, und Eberhard Diepgen guckte noch finsterer drein als Jürgen Wohlrabe. Unsere Konzentration ließ nach, es wurde wieder mehr miteinander geredet als zugehört. Genscher aber holte die Aufmerksamkeit zurück, als er neue Grenzöffnungen mitteilte, darunter „The Bridge of Spys“, die Glienicker Brücke. Allen drei gemein aber war es zu betonen, das da ist im Moment „deren Ding“!

Der Mauerfall aus Sicht unseres Foto-Chefs Kai-Uwe Heinrich
309054_0_cf8380c3.jpgWeitere Bilder anzeigen
1 von 65Alle Fotos: Kai-Uwe Heinrich
09.11.2016 14:21Unser Tagesspiegel-Foto-Chef, Kai-Uwe Heinrich, hat in der Nacht des Mauerfalls und am Tag danach fleißig fotografiert.

Zu den „Parolen von gestern“ (Brandt) kehrte mit brachialer Unsensibilität jedoch der Herr Bundeskanzler Kohl zurück. Mit seinem Auftritt war die Entspanntheit flöten, ein frenetisches Pfeifkonzert setzte ein. Nein, das war so auch nicht sonderlich höflich, und noch heute ärgert es mich selber ungeheuer! Diese Pfiffe und Zwischenrufe freilich ebbten nicht ab, sondern steigerten sich mit jedem einzelnen von Kohls Sätzen. Die Stimmung war schlagartig völlig gekippt! Es ereignete sich eine klassische Eskalation. Und das hatte unmittelbare Ursachen.

Das Brüllen und die Pfiffe von „Wiedervereinigungsgegnern“? Das hat nun mit den erlebbaren Gegebenheiten sehr wenig zu tun! Es ging um das Hier & Heute, und dem Kommenden sahen wir alle mit Zuversicht und Neugierde entgegen. Da war die „Wiedervereinigung“ gar kein Gedanke! Kohl als „Wiedervereinigungsfreund“ jedoch machte polternd und bärbeißig Parteipolitik!

Auch das war eine Facette von West-Berlin

 Der „Rathaus-Chor“, mit dem niemand mitsang, war nur der Epilog einer rüden Brüskierung der meisten versammelten Menschen durch Helmut Kohl. Für das, was die Versammelten wirklich bewegte, hatte der Kanzler keinerlei Gespür. Nach dem Chor verabschiedete ich mich von meiner Freundin und den anderen, weil ich noch eine Sitzung mit Kollegen hatte. Dort – und das war geradezu eine Steigerung der Ironie – sprach niemand den Mauerfall an, so dass ich es letztlich auch nicht tat. Auch das war eine Facette von West-Berlin.

Monate später war die ursprüngliche Harmonie des 10. November endgültig vorbei. „Wessi“ und „Ossi“ waren aufrechte Kampfbegriffe geworden, mit der „Währungsunion“ und dem „Beitritt“ hatte die alltägliche Stimmung in West-Berlin durchaus ambivalente bis feindselige Züge angenommen. Es ging eben auch an die eigene Brieftasche. Im Nachhinein scheint es, als hätte der „Wiedervereiniger“ Kohl vor dem Rathaus Schöneberg auch die emotionalen Weichen gestellt.

Im Zuge großer Jubiläen aber sollte der Blick auf das reale Geschehen nicht gänzlich von interessegeleiteten Auswahlverfahren getrübt werden.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite (leider derzeit noch nicht auf unserer mobilen Seite) oder per Email an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de. Zum Twitterfeed über das Bayerische Viertel geht es hier. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #BayerischesViertel

 

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

39 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben