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BVG-Neubau im Bayerischen Viertel : Geschichte und Gegenwart im Café Haberland

Zur Einweihung des "Café Haberland" im U-Bahnhof Bayerischer Platz und dessen Ausstellung über das jüdische Leben im Kiez sind die Urenkel von Salomon Haberland, dem Gründer des Bayerischen Viertels und Namensgeber des neuen, gläsernen Kaffeehauses, angereist.

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Weithin sichtbar: Eine historische Kiezkarte als Glasmalerei an der Südseite des Pavillons auf dem neuen U-Bahnhofsgebäude am Bayerischen Platz. Im September 1914 eröffnete das neue Kiez-Café, das mit seinem Namen an die Gründerfamilie des Bayerischen Viertels erinnert.
Weithin sichtbar: Eine historische Kiezkarte als Glasmalerei an der Südseite des Pavillons auf dem neuen U-Bahnhofsgebäude am...Foto: Markus Hesselmann

Ralf Hermanns wählte einen ortskundigen, aber doch überraschenden Vergleich: "Hier treffen sich die U-Bahn-Linien, hier sollen sich auch Menschen aller Religionen treffen." Es solle nicht nur um jüdisches Leben gehen im neuen "Café Haberland", sagte der 81-jährige Urenkel von Salomon Haberland, dem Gründer des Bayerischen Viertels. Ralf Hermanns war zur Eröffnung des Glaspavillons auf dem neuen U-Bahnhofsgebäude am Bayerischen Platz aus Schweden angereist, wohin die jüdische Familie Haberland während der Nazizeit emigriert war.

Auch seine Schwester Renate Gynnerstedt, 84, kam aus Stockholm zum großen Ereignis im Bayerischen Viertel, über dessen jüdisch geprägte Geschichte eine multimediale Ausstellung im neuen Café im U-Bahnhof Bayerischer Platz Auskunft gibt. Renate Gynnerstedt erzählte, wie glücklich ihre Mutter Edith Hermanns in den Neunzigerjahren war, als die Haberlandstraße - oder zumindest ein Teil von ihr - nach der Umbenennung durch die Nazis vom Bezirk rückbenannt wurde. Und dass aus Deutschland, dem Land des Schreckens, ein Land als Vorbild geworden sei. Es gebe in dieser Hinsicht "kein Land wie Deutschland, keine Stadt wie Berlin und keinen Bezirk wie Schöneberg".

Renate Gynnerstedt, 84, Urenkelin von Salomon Haberland, Gründer des Bayerischen Viertels, kam aus Stockholm zur Eröffnung des "Café Haberland" am Bayerischen Platz. Ihre Familie war in der Nazizeit nach Schweden emigriert. Sie erzählte, wie glücklich ihre Mutter Edith in den Neunzigerjahren war, als die Haberlandstraße - oder zumindest ein Teil von ihr - nach der Umbenennung durch die Nazis rückbenannt wurde. Und dass aus Deutschland, dem Land des Schreckens, ein Land als Vorbild geworden sei. Es gebe in dieser Hinsicht "kein Land wie Deutschland, keine Stadt wie Berlin und keinen Bezirk wie Schöneberg".
Renate Gynnerstedt, 84, Urenkelin von Salomon Haberland, Gründer des Bayerischen Viertels, kam aus Stockholm zur Eröffnung des...Foto: Markus Hesselmann

Monica Geyler-Bernus vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart, die für die Konzeption der Ausstellung zuständig ist, erläuterte, wie es gelang, Ausstellung und Kaffeehausatmosphäre zu integrieren - und dabei kein bisschen nostalgisch vorzugehen. Was tun die Menschen heute im Café? Das war die Leitfrage. Viele lesen immer noch Zeitung, Printkrise hin und her. "Die Zeitungen, die aufgereiht an der Wand hängen, das kennen wir doch zum Beispiel aus dem 'Café Einstein'." Statt Tageszeitungen aber laden im "Café Haberland" wie Zeitungen aufgezogene Geschichtsmagazine zur Lektüre.

Von den Schöneberger Sängerknaben bis David Bowie - und Techno?

Auch mit Kopfhörern im Café zu sitzen, sei in Zeiten des Smartphones inzwischen üblich, erklärte Monica Geyler-Bernus weiter. Da ist der Schritt zu Kopfhörern, über die sich die Gäste auch anhand von akustischen Dokumenten und Features informieren können, nicht weit. Sowie Musik zum Kiez, von den Schöneberger Sängerknaben bis David Bowie, der tatsächlich kurz im Bayerischen Viertel gewohnt hat. Techno wäre mit Blick auf den legendären Club "Turbine Rosenheim" auch noch angebracht.

Und vier Bildschirme jeweils inmitten eines runden Tisches aufgestellt erinnern doch durchaus an Laptops, mit denen viele Café-Gäste heute ausgestattet sind. Schon kommen auch bewegte Bilder ins Spiel, Filme, die unter anderem der RBB aus seinem Berlin-Archiv zur Verfügung gestellt hat. Und alles spielt sich an Tischen ab, an denen Kaffee und Kuchen serviert werden. "Dass Gastronomie und Ausstellung sich so verbinden, ist einmalig", sagte Monica Geyler-Bernus.

Am Mittwoch gab es bereits eine "Voreröffnung"

Der Gast des „Brutzelstübchens“ am U-Bahnhof Bayerischer Platz staunte: „Das wird ja richtig schick hier!“, entfuhr es ihm beim Blick auf das neue Eingangsgebäude des Schöneberger Bahnhofs an den Linien U4 und U7. Doch es geht um weit mehr als nur eine Verschönerung. Von einem „Ort des Gedenkens und der Begegnung“ sprach die Tempelhof-Schöneberger Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) am Mittwoch bei der Voreröffnung. „Von hier aus werden die Anwohner Impulse für ihren Kiez geben“, sagte BVG-Chefin Sigrid Nikutta.

Ralf Hermanns, Urenkel von Salomon Haberland, mit der früheren Bezirksbürgermeisterin Elisabeth Ziemer.
Ralf Hermanns, Urenkel von Salomon Haberland, mit der früheren Bezirksbürgermeisterin Elisabeth Ziemer.

Darüber hinaus hofft Berlins ehemalige Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing, die in der Nähe wohnt und Schirmherrin des Projekts ist, wegen der neuen Dauerausstellung über das jüdische Leben im Bayerischen Viertel auch auf mehr Touristen.

Für die Öffentlichkeit ging es dann am Freitag um 19 Uhr los, als die Ausstellung im „Café Haberland“ im neuen Glaspavillon für alle öffnete. Außerdem luden 50 Händler, Gastronomen und andere Geschäftsleute aus der Umgebung bis 22 Uhr zum „Langen Freitag“ ein und lockten den ganzen Tag lang mit Sonderangeboten, Verkostungen, Musik, Lesungen und weiteren Aktionen. Da auch das Wetter gut war, kam nicht nur im Café, sondern auch drumherum auf den Liegestühlen, Sesseln und Bänken Promenadenstimmung mitten im Kiez auf. Bis zum späten Abend waren Café, Terrasse und der Platz um den Bahnhof herum gut gefüllt.

Die Kaffeebar des Apeccino im Erdgeschoss.
Die Kaffeebar des Apeccino im Erdgeschoss.Foto: Mike Wolff

Die Bürger nahmen ihren Bahnhof und ihr Kaffeehaus in Besitz. Eins habe das Projekt gezeigt, sagte Schirmherrin Fugmann-Heesing: "Wir Bürgerinnen und Bürger können etwas bewegen." Man dürfe halt nicht nur warten, sondern müsse die Dinge so wie die Bürger vom Bayerischen Platz, die selbst den Anstoß für den Bahnhofsneubau gaben, in die Hand nehmen. "Vier Jahre von der Idee bis zur Eröffnung", fügte Angelika Schöttler an, das sei doch eine gute Zeit. Die Bürgermeisterin wünschte dem Projekt "viel Erfolg und keinen Vandalismus".

Das Café, sowohl den kleinen Bereich unten im Empfang als auch das eigentliche Café Haberland oben im Pavillon betreibt die Firma Apeccino, deren Kerngeschäft eigentlich Messe-Catering ist. Die treibende Kraft hinter dem Bürgertreff sind die Vereine „Quartier Bayerischer Platz“ und „Wir waren Nachbarn“. Mehr als 35 Mitglieder wollen die Schau ehrenamtlich betreuen und Besuchern für Fragen zur Verfügung stehen. Außerdem will der Quartiersverein jährlich zehn weitere Kulturveranstaltungen im Café organisieren. Dieses öffnet täglich bis 22 Uhr .

Historische Bilder im Aufgang zum Café Haberland.
Historische Bilder im Aufgang zum Café Haberland.Foto: Markus Hesselmann

2,2 Millionen Euro haben die Berliner Verkehrsbetriebe investiert, die Lottostiftung steuerte 195 000 für die Begegnungsstätte bei. Der Vorgängerbau war 1971 entstanden, als die Linie U7 gebaut wurde, und sollte eigentlich saniert werden. Dann aber erwies sich alles als so marode, dass die BVG im Frühjahr zum Abriss schritt.

Ein Aufzug kommt allerdings erst 2016

Im Zwischengeschoss darunter zeigt ein Wandfries seit 2013 Bilder aus der Geschichte des Viertels. Ein Fahrstuhl aber fehlt noch. Laut BVG-Bauchef Uwe Kutscher hatte das Gebäude Vorrang. Der Aufzug entstehe auf dem Mittelstreifen der Grunewaldstraße, der verbreitert werde, eine Linksabbiegerspur müsse weichen. Dafür sei noch ein Genehmigungsverfahren notwendig. Voraussichtlich könne der etwa 1,5 Millionen Euro teure Aufzug erst 2016 in Betrieb gehen.

Eine Baustelle ist noch der kleine Vorplatz vor dem Imbiss an der westlichen Seite des Bahnhofsgebäudes. Wie ein Modellbild am Bauzaun zeigt, entstehen dort Rundbeete, auf deren Rand man auch sitzen kann.

Jetzt auch erste Bilder vom geplanten Aufzug am U-Bahnhof Bayerischer Platz
Simulation des Aufzugs, der ab 2016 von der Grunewaldstraße aus in den U-Bahnhof Bayerischer Platz führen soll.Weitere Bilder anzeigen
1 von 76Simulation: BVG
12.03.2015 17:53So soll er aussehen, der Aufzug am U-Bahnhof Bayerischer Platz, den die BVG im kommenden Jahr endlich einbauen will. Dazu muss die...

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Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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