Der Film "Die Wohnung" : Scham und Schweigen

Der Regisseur Arnon Goldfinger aus Tel Aviv hat ein Tabu gebrochen: Er erzählt in einem Dokumentarfilm das Unsagbare – die Geschichte einer Freundschaft zwischen einer Judenfamilie und einer Nazifamilie. Und bringt damit Israel ganz neu zum Sprechen.

von und Tel Aviv
Familienroman. Arnon Goldfinger mit seiner Mutter Hannah vor dem Haus in Berlin-Charlottenburg, in dem sie bis zu ihrem zweiten Lebensjahr gewohnt hatte. Foto: Thilo Rückeis
Familienroman. Arnon Goldfinger mit seiner Mutter Hannah vor dem Haus in Berlin-Charlottenburg, in dem sie bis zu ihrem zweiten...

Die Vergangenheit hat die Jalousien heruntergelassen. Sie wohnt im dritten Stock eines beigefarbenen Hauses auf der Gordon Street, an stürmischen Tagen kann man von hier aus das Meer rauschen hören. An diesem Januartag scheint die Sonne in Tel Aviv, aber die Jalousien hängen so tief, dass sie kein Licht, keinen Blick hindurchlassen.

Der Mann, der die Vergangenheit zuletzt besucht und Licht in ihre Räume gebracht hat, sitzt einige Blocks weiter am Rabin Square in einem Café. Er hat den hintersten Tisch in dem länglichen Raum gewählt. Seine Miene ist ernst, seine Bewegungen – wenn er den Stuhl zurechtrückt oder seine Tasse nimmt – sind langsam, seine Augen wandern dafür umso schneller durch das Café. Immer wieder treten Menschen zu ihm heran. Eine Frau mit einer grünen Jacke will ihm die Hand schütteln, die Kellnerin überbringt einen Zettel mit der handgeschriebenen Nachricht eines anderen Gasts. Dass es elektrisierend gewesen sei, dass man den Blick keine Sekunde habe abwenden können, steht da und zum Schluss: „Danke für diese Erfahrung.“ „Wow“, sagt der Mann, „wow“ und faltet den Zettel sorgsam zusammen.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein geschrieben. Arnon Goldfinger hat über das Unsagbare einen Film gemacht, er ist seine zweite Regiearbeit und heißt „Hadira“, zu Deutsch: „Die Wohnung“. Im September 2011 lief er in Israel an und hat sich seitdem zu einem der erfolgreichsten israelischen Dokumentarfilme überhaupt entwickelt. Morgen kommt er in die deutschen Kinos – und ist untrennbar verbunden mit diesem Land. „Die Wohnung“ erzählt eine allgemein menschliche, aber auch eine deutsch-israelische Geschichte. Es geht um Schweigen, Schuld und Schmerz, um Täter und Opfer und deren Angehörige, und wie ihr Leben immer wieder von der Vergangenheit verdunkelt wird.

Vor knapp 80 Jahren, im Frühjahr 1933, brachen vier Menschen zu einer Reise auf. Von Berlin aus fuhren sie nach Italien, bestiegen in Triest die „Martha Washington“ und legten ab nach Palästina. Die Fotos, die entstanden, erwecken den Eindruck einer Vergnügungsfahrt – Taubenfüttern in Venedig, Horizontblicke an Deck, Freunde unter sich. Dabei war der eine, Leopold von Mildenstein, Nazi und sollte 1935 Judenreferent im SD-Hauptamt und Chef von Adolf Eichmann werden. Der andere, Kurt Tuchler, war Jude, einer der führenden deutschen Zionisten und wanderte schließlich aus.

Als Tuchlers Enkel Arnon Goldfinger 2006 die Wohnung seiner inzwischen verstorbenen Großeltern in der Gordon Street entrümpelt, findet er zwischen bestickten Handschuhen und alten Goethe-Ausgaben einen Artikel Mildensteins über diese Reise – veröffentlicht in Goebbels’ Propaganda-Blatt „Der Angriff“, übertitelt mit: „Ein Nazi reist nach Palästina“. Warum seine Großeltern mitfuhren, wird den Regisseur die nächsten vier Jahre beschäftigen. Die Frage führt ihn von Tel Aviv bis nach Wuppertal, er sucht die Antwort bei seiner Mutter Hannah Goldfinger und bei Mildensteins Tochter Edda Milz.

Eine einfache Erklärung halten Historiker bereit. Zu Anfang ihrer Herrschaft waren sich die Nazis noch uneins über das, was sie als „Judenproblem“ bezeichneten. Einige befürworteten eine Massen-Emigration der Juden nach Palästina, wollten davon aber profitieren: So erlaubte das 1933 geschlossene Ha’avara-Abkommen Juden, einen Teil ihres Vermögens in Form von deutschen Waren nach Palästina auszuführen. „Welche Zukunft hat dieses Land? Ist hier die Lösung der Judenfrage gefunden?“, stand dazu passend über Mildensteins Artikel, seine Antwort fiel wohlwollend aus. Das war im Sinne eines Zionisten wie Kurt Tuchler, der mitfuhr, um Mildenstein positiv zu beeinflussen. Aber auch weil er seiner Frau Gerda das Land seiner Träume zeigen wollte. Warum aus den Reisegefährten Freunde wurden, Mildensteins Tuchlers sogar zum Zug brachten, als sie 1936 emigrierten, sie sich nach dem Krieg schrieben und besuchten, obwohl Gerda Tuchlers Mutter im KZ umgekommen war, darauf ist die Antwort schon schwerer zu finden. Sie geht über bloße Geschichtswissenschaft hinaus und dafür tief in die Familiengeschichte hinein.

Arnon Goldfinger wurde 1963 im Osten Tel Avivs geboren. Er lebt auch heute noch in der Stadt, mit seiner Frau und zwei Kindern. Wann immer er in seiner Kindheit seine Großeltern besuchen ging, hatte er das Gefühl, Israel zu verlassen, obwohl er nur ins Zentrum der Stadt fuhr. Zu Hause, unter seinen Freunden, war er ein echter Sabre, ein gebürtiger Israeli. Bei den Tuchlers dagegen saß er zwischen hohen Bücherregalen und aß Apfelstrudel, und manchmal merkte er mit Schrecken, dass er außer Geschenken auch ein bisschen Deutschsein zurück in den Osten der Stadt brachte: Bei Fußballspielen freute er sich über die Siege der deutschen Mannschaft, verheimlichte das aber vor seinen Freunden.

Einmal sprach er seine Oma auf diese seltsame Verbundenheit mit dem Feind an: Warum sie und der Großvater immer in Hotels in Deutschland Urlaub machten, wo, statistisch betrachtet, bestimmt auch einige Nazis seien. „Weil wir mit den Menschen so viel gemeinsam haben“, antwortete sie. „Die Liebe zum Theater zum Beispiel oder zur Literatur und Geschichte.“ – „Welche Geschichte“, fragte ihr Enkel, und die Großmutter antwortete ihm, sie sprächen mit den anderen Hotelgästen stets nur über die deutsche Geschichte vor ’33 und nach ’45, „wir wollen sie ja nicht beschämen.“ Aber auch gegenüber ihrer eigenen Familie schwieg Gerda Tuchler über die Nazizeit. So erfährt ihre Tochter Hannah Goldfinger erst durch die Recherchen des Sohnes, dass ihre Großmutter im KZ umgekommen ist. Die Szene, wie er es ihr sagt, zählt zu den bewegendsten des Films. „Sie haben einfach nichts erzählt“, sagt Hannah Goldfinger hilflos. „Und wir haben nicht gefragt.“

Der israelische Psychologe Dan Bar-On hat diesem Phänomen sein wissenschaftliches Leben gewidmet. Er stellte fest, dass in vielen Familien von Schoah-Opfern eine Art Schweigegelübde galt. „Über den Holocaust spricht man nicht“, lautete, ähnlich wie in Täterfamilien, die unausgesprochene Übereinkunft. Zum einen lag das an etwas, was Wissenschaftler das „Schuldgefühl der Überlebenden“ nennen: Warum ist man selbst davongekommen, wenn so viele andere gestorben waren? Zum anderen war das Schweigen Bar-On zufolge dem israelischen Selbstbild geschuldet, das sich genau wie das Land im Aufbau befand. Kampfeslust und Heldentum gehörten dazu, Leiden und Schmerz dagegen nicht und Anhänglichkeit gegenüber dem Täterland Deutschland schon gar nicht.

Dass Goldfinger dieses Tabu nun gebrochen hat, macht ihn zum neuen Helden in Israel, sein Film hat kathartische Wirkung dort: An einem Freitagabend im Januar erscheinen in der Cinematheque in Tel Aviv 280 Menschen, um den Film zu sehen, dabei läuft er schon seit vier Monaten. Selten sieht man im Kino so viele silbrig-weiße Köpfe wie hier. Gekommen sind die Großeltern, die bislang geschwiegen haben, und mit dabei haben sie die Kinder und Kindeskinder, die nie gefragt haben. Und endlich muss keiner mehr das Schweigen aus eigener Kraft brechen; der Film stiftet das Gespräch.

Für seine Familie machte Goldfinger eines Abends eine private Vorführung, „das war sehr interessant, vielen Dank“, sagten seine Verwandten danach und verschwanden. „Ich dachte: entweder sie hassen mich jetzt oder der Film ist einfach langweilig.“ Am nächsten Morgen klingelte Goldfingers Telefon das erste Mal um fünf vor acht – und hörte den ganzen Tag nicht mehr auf. Am Nachmittag rief dann auch – und darauf hatte Goldfinger am meisten gewartet – seine Mutter an.

„Der Film war nicht leicht für mich, aber ich habe es für Arnie getan, und es hat uns einander nähergebracht“, sagt Hannah Goldfinger und sieht zu ihrem Sohn hinüber. Es ist Juni, die beiden sind zum Filmstart nach Berlin gekommen. Sie sitzen in einem Hotel in Charlottenburg und sehen sehr gegensätzlich aus: Sie hat eine akkurate Frisur, er nur strubbelige Haare, er trägt grau-schwarze Allzweckkleidung, sie eine Komposition in Blau, bei der sogar die Schuhe farblich passen.

Das Gespräch will Hannah Goldfinger auf Englisch führen, nur einen Satz sagt sie auf Deutsch, und das fast akzentfrei: „Ein Todesfall ist kein Trauerfall.“ Das hat ihr Vater immer gesagt, inzwischen ist er mehr als 30 Jahre tot, aber eigentlich, sagt die Tochter, habe sie sein Leben erst durch die Fragen ihres Sohns entdeckt. Dass sie damit nicht allein ist, merkt sie an den Menschen, die sie im Bridgeclub oder Supermarkt ansprechen. „Wir wissen auch nicht, was unsere Eltern im Krieg erlebt haben“, sagen sie ihr. Es gibt aber auch andere, die erzählen, sie hätten nach dem Film sofort etliche Unterlagen vernichtet, damit ihre Geheimnisse nie entdeckt würden. Darüber lachen Mutter und Sohn an diesem Tag in Berlin. Sie haben die Lebenslügen hinter sich gelassen.

Aber es geht in Goldfingers Film nicht nur um die Familie Tuchler, sondern auch um die Mildensteins. Arnon Goldfinger besucht deren Tochter Edda Milz mehrere Male in Wuppertal. Im Filmteam finden danach manche, er sei zu hart mit ihr umgegangen, auch bei einer Probevorführung in Berlin kritisiert eine Zuschauerin Goldfingers Verhalten ihr gegenüber. Problematisch ist aber vielleicht weniger das, was er zu ihr sagt, als das, was er ihr verschweigt. Zwar ist sein Film ein Plädoyer für Offenheit, doch löst er das Edda Milz gegenüber nicht ganz ein. Als Milz sagt, ihr Vater sei, weil er ein Freund der Juden war, aus dem SD-Hauptamt entlassen worden und danach auf Distanz zum Regime gegangen, widerspricht Goldfinger ihr nicht direkt, lässt dafür aber die Bilder gegen sie sprechen: Vor laufender Kamera präsentiert sie die Mildenstein’sche Ahnentafel und erläutert, wie weit sie die Familie zurückverfolgen kann. Später steht sie mit ihrem Mann in einem Schrebergarten, biederdeutsches Ambiente, Kameraschwenk auf eine Deutschlandfahne. Erst ganz am Ende konfrontiert Goldfinger Edda Milz mit Bundesarchiv-Dokumenten über ihren Vater. Aus ihnen geht hervor, dass er 1938 im Reichspropagandaministerium eingestellt wurde, als Referent in der Abteilung Auslandspresse – vielleicht kein Karrieresprung, aber sicherlich kein Bruch mit dem System. Wie Edda Milz damit umgehen wird, bleibt offen im Film.

2012 reist Goldfinger erneut zu ihr nach Wuppertal. Sie soll den Film vor jedem anderen in Deutschland sehen. Ob sie jedoch verstand, was der Regisseur ihr da im Wohnzimmer zeigte, bezweifelt ihr Mann Harald Milz. Am Telefon erzählt er, dass seine Frau an Alzheimer erkrankt sei. „Arnon hatte Glück, dass er sie noch filmen konnte.“ Über die Besuche Goldfingers habe sie sich immer gefreut, „das Gefühl war: Da kommt der Enkel von Freunden ihrer Eltern“, sie habe ja sehr an ihrem Vater gehangen. Er selbst habe anfangs nicht verstanden, dass da ein richtiger Film entstehe, auch jetzt fragt der 81-Jährige noch einmal nach: Ob er in die Kinos komme? „Oh“, sagt er am Ende, „meine Frau war die ganze Zeit im Zimmer, das habe ich gar nicht gemerkt.“ Ständig laufe sie durch das Haus und finde sich nicht mehr zurecht in ihrem Leben.

Etwa 530 Kilometer entfernt in Berlin fährt Hannah Goldfinger an diesem Tag noch einmal in ihr altes Leben. In Vorbereitung auf das EM-Fußballspiel am Abend wehen überall schon die deutschen Fahnen, ihr Sohn wird es sich ansehen, natürlich, sagt er, sei er für Deutschland. Vor dem Haus in der Hektorstraße 12 in Charlottenburg steigt Hannah Goldfinger aus dem Taxi aus. Im Vorgarten blühen die Stiefmütterchen. Hier hat Hannah Goldfinger gelebt, bis sie zwei Jahre alt war. Erinnerungen hat sie nicht, aber manchmal, sagt sie, bekomme sie Lust, noch einmal in Berlin zu wohnen. Nicht für immer, aber für ein, zwei Monate in die Vergangenheit zurückzukehren, das fände sie schön.

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