Der Kiez des Schauspielers : „Otto Sander war ein herzlicher Mensch“

Otto Sander wäre am 30. Juni 75 Jahre alt geworden. Zum Geburtstag des Schauspielers eine Geschichte über seinen Kiez, veröffentlicht zu Sanders Tod 2013.

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Otto Sander (1941 - 2013)Weitere Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
12.09.2013 14:09Otto Sander (1941 - 2013)

Da, wo er wohnte, ist Berlin nett, unaufgeregt, eventarm und hypefrei. Otto Sander sah, wenn er sein Zuhause verließ, hohe alte Bäume und ein paar Altbaufassaden der nüchternen Art. Die Jenaer Straße in der Nähe des Bayerischen Platzes liegt in einem Viertel, dessen Bausubstanz im Zweiten Weltkrieg gelitten hat – stillen Charme hat sie trotzdem. Otto Sander hat diesen Charme auf seine Weise weiterverbreitet, geht man nach dem, was die Leute in seinem Kiez so über ihn sagen.

Enia Gervasio, die Chefin des „Merenda“, hat gleich Tränen in den Augen, als sie von Sanders Tod hört. Seit zehn Jahren kennt sie ihn, das „Merenda“ war die räumlich nächste gastronomische Anlaufstelle für den Schauspieler, der in so einigen Bars und Restaurants viel Zeit verbracht hat, auch in der „Paris Bar“ in der Kantstraße, wo ein Schild am Tresen an ihn erinnert. Zwei Minuten von oder bis daheim, über Granitgehwegplatten, unter Linden, die jedes Jahr den Frühsommerduft in der Stadt herbeizaubern. „Hier hat er Päuschen gemacht“, sagt Enia Gervasio. Das „Merenda“ firmierte als Feinkostladen, aber es ist eher kleines Restaurant, Bar, Café. Den perfekten Espresso gibt es für 1,30, und für sechs Euro isst man Gemüse mit Pecorino. Otto Sander muss hier oft zu Gast gewesen sein – Enia Gervasio kann sich an die erste Begegnung mit ihm nicht erinnern, „es ist so lange her“, sagt sie.

„Ein guter, herzlicher Mensch“ – das ist das Erste, was ihr zu ihm einfällt. Nichts von Großschauspielerattitüde, Künstlerarroganz oder Promiwahn, Otto Sander hat im „Merenda“ ein bisschen Kraft getankt, einen Cappuccino getrunken oder ein Wasser, er hat, so Enia Gervasio, erzählt, woran er arbeitet – und er hat für seine Rollen gelernt, „ganz leise vor sich hin“, sagt sie, ein Gast unter anderen, der kein großes Aufhebens von sich machte. So haben ihn auch andere Nachbarn und Leute aus dem Kiez in Erinnerung. Der Zigarettenhändler in der Güntzelstraße nickt wissend, wenn man ihn auf Otto Sander anspricht, verweigert aber jede Antwort auf die Frage, ob der Schauspieler sich bei ihm mit Rauchwaren eingedeckt habe.

Sein Kiez, seine Bar. Otto Sander lebte im Bayerischen Viertel. Im „Merenda“-Bistro erzählte er der Chefin, woran er arbeitet.
Sein Kiez, seine Bar. Otto Sander lebte im Bayerischen Viertel. Im „Merenda“-Bistro erzählte er der Chefin, woran er arbeitet.Foto: Mike Wolff

In dem Haus in der Jenaer Straße, wo Sander mit seiner Frau Monika Hansen in der zweiten Etage wohnte, sagt ein Nachbar, Otto Sander habe mitgefeiert, wenn ein Hoffest war – und er habe niemandem vermittelt, dass er oder sie es gerade mit einem echten Bühnen- und Filmstar zu tun habe. Im Gegenteil, er habe sich gefreut, wenn man ihn ansprach – und dann sei er schnell ins Erzählen gekommen. Manchmal habe er sich auch Kinderbücher geliehen, um seiner kleinen Enkelin vorzulesen – gern mit Bildern, um nicht so viel lesen zu müssen, erinnert sich der Nachbar. Keine Pose, eine nette Art, das passt zu dem, was Enia Gervasio an ihrem Stammkunden so schätzte. Dass er schwer krank war, bekamen seine Nachbarn nur dem Augenschein nach mit. Noch vor einer Woche sei er mit dem Rollator unterwegs gewesen, heißt es. Vor dem Haus, in dem er lebte, wurde eine Rose abgelegt, später kommen dann noch weitere und auch Kerzen hinzu.

„Hier hat er Päuschen gemacht“, erzählen die Nachbarn. U nd für seine Rollen gelernt, „ganz leise vor sich hin“, sagt die Barchefin Enia Gervasio.
„Hier hat er Päuschen gemacht“, erzählen die Nachbarn. U nd für seine Rollen gelernt, „ganz leise vor sich hin“, sagt die...Foto: Mike Wolff

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Sein Stammplatz. Ein kleines Schildchen am Tresen der Paris-Bar erinnert an Otto Sander.
Sein Stammplatz. Ein kleines Schildchen am Tresen der Paris-Bar erinnert an Otto Sander.Foto: Mike Wolff

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