Ehrenbürgerschaft für Kennedy : Bin ich ein Berliner?

2017 wird John F. Kennedys hundertster Geburtstag gefeiert. Bis dahin soll er Ehrenbürger in der Stadt sein, für die der US-Präsident seinen berühmtesten deutschen Satz gesagt hat. Das findet die CDU. Posthum geht so etwas eigentlich nicht, einzige Ausnahme war bisher Marlene Dietrich.

von
Auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses sprach Kennedy seinen legendären Satz.
Auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses sprach Kennedy seinen legendären Satz.Foto: Rolf Goetze/Stadtmuseum Berlin

Was verbindet Oberst Stauffenberg, Ernst Reuter, Hildegard Knef, Erich Honecker, John F. Kennedy und Günther Schabowski? Sie haben sich in den Augen vieler Zeitgenossen unterschiedlich und "hervorragend", worüber anhand der diversen Biografien sicher zu streiten wäre, „um die Stadt verdient gemacht“, und sind heute trotzdem keine Berliner Ehrenbürger.

Honecker hatte die seltene Würdigung 1982 sogar erhalten, sieben Jahre später freilich aberkannt bekommen. Für Stauffenberg, den exekutierten Hitler-Attentäter, mag sich vielleicht keiner getraut haben, so was zu beantragen; zumal die Regeln vorschreiben, dass man Ehrenbürger nur zu Lebzeiten wird. Vier daran geknüpfte Vergünstigungen machen ausschließlich zu Lebzeiten Sinn: Man wird vom Senat zu Events eingeladen, darf sich für eine Galerie im Parlament porträtieren lassen, erhält gratis das Amtsblatt und ein BVG-Jahresticket, zuletzt allerdings auch ein Ehrengrab.

Einzig Marlene Dietrich, der Weltstar, erlangte bisher posthum den Genuss des Bürgerrechts honoris causae. Als zweite Ausnahme wurde 2003 vor seinem 50. Todestag der viel geehrte Ernst Reuter, Regierender zur Luftbrückenzeit, diskutiert und verworfen. Jetzt aber meldet sich der CDU-Abgeordnete Danny Freymark aus Hohenschönhausen mit der Idee, John F. Kennedy zur Vorbereitung auf dessen 100. Geburtstag (2017) den bislang 116 Berliner Geehrten hinzuzufügen.

Freymark begründet den Vorschlag mit Kennedys „Ich-bin-ein-Berliner“- Satz. Er führe öfter Gruppen durchs Parlament, die ihn fragen, warum der US-Präsident nicht Ehrenbürger sei. Er wisse keine Antwort, zumal Bush senior und Reagan die Ehrung erhalten hätten. Mit dem formalen Verweis auf die Lebzeiten-Regelung wolle er sich nicht abfinden. Es gehe ihm nicht darum, ein Ranking aufzumachen: also zu beweisen, dass Kennedy mehr für die Stadt getan habe als Ernst Reuter und mindestens so viel wie die Dietrich.

Kennedy stellte sich bewusst auf Berlins Seite

Er wolle keineswegs durch eine Spaß-Idee Aufmerksamkeit erreichen. Er stehe zu seinen Wurzeln in der DDR, sei geschichtsbewusst und „fokussiert“ auf diesen außergewöhnlichen Staatsmann und dessen „trauriges Ende“. Anders als Günter Schabowski, dessen folgenschwerer Satz vom 9. November 1989 („Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“) nur ein unfreiwilliger „Unfall“ gewesen sei, habe Kennedy sich durch sein Bekenntnis in einer gefährlichen Situation mit der Roten Armee bewusst auf Berlins Seite gestellt.

Kennedy in Berlin
50 Jahre ist es her, dass John F. Kennedy den historischen Satz "Ich bin ein Berliner" auf dem Balkon des Rathaus Schönebergs, dem damaligen Sitz des Regierenden Bürgermeisters, sprach.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Rolf Goetze/Stadtmuseum Berlin
26.06.2013 08:5750 Jahre ist es her, dass John F. Kennedy den historischen Satz "Ich bin ein Berliner" auf dem Balkon des Rathaus Schönebergs, dem...

Gebührt denn nicht vielmehr, wenn ausgerechnet jener Satz tatsächlich so wirkmächtig war, dem Redenschreiber der Ruhm? Das sieht Freymark pragmatisch: Ehrungen gingen auch sonst eher an den Chef, nicht an den Redakteur, der unter jenem arbeite. Er wolle mitnichten eine Würdigungs-Inflation begründen, fürchte auch keine Präzedenzfälle: Ehrenbürgerschaft müsse in ihrer „Sinnbildlichkeit“ begriffen werden, um an wichtige Personen zu erinnern. Aber ist JFK in Berlin nicht bereits Patron für einen zentralen Platz, ein Museum, eine Schule, eine Ehrenbürgerschaft der Freien Universität? Das spornt den 30-Jährigen erst recht an: Gerade da fehle die Ehrenbürgerschaft noch „als das i-Tüpfelchen“.

Promi-Parade oder aufrichtige Ehrung

Dass, wie Freymark denkt, die Ehrenliste ein realistisches Who is who relevanter Promis darstellen könnte, hat mit den Zufällen politischer Lorbeer-Streuung wenig zu tun. Viele Geehrte sind bald schon zu (Un)Recht vergessen worden; an anderen ist diese Glorie irgendwie vorbeigeschrappt. 2002 rief der Parlamentspräsident einer Künstlerin nach: „Sie war selbst ein Stück Berlin und hatte seit Jahrzehnten einen festen Platz in den Herzen der Berliner. Ohne sie ist unsere Stadt ärmer geworden.“

Ins Pantheon mit Marlene hat es für Hilde Knef nicht gereicht, aber immerhin für einen Platz, eine Straße: im schönen Schöneberg und - Anno 2003 zumindest so von der dortigen SPD vorgeschlagen - in Kleinmachnow.

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

6 Kommentare

Neuester Kommentar