Ein Stolperstein für Susanne Lehmann : Ihre Heimat, das war Deutschland

Doch die Nazis nahmen ihr nicht nur das Zuhause, sondern auch das Leben. Im Bayerischen Viertel wird für Susanne Lehmann nun ein Stolperstein verlegt. Ihr Urenkel, der israelische Regisseur Arnon Goldfinger, gab mit seinem Film "Die Wohnung" den Anstoß.

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Susanne Lehmann (1879 - 1942)
Susanne Lehmann (1879 - 1942)Foto: privat

Sie war ihrer Rettung schon so nah. 1937 besucht Susanne Lehmann ihre Tochter Gerda Tuchler in Palästina. Gerda ist mit ihrem Mann Kurt, der ein überzeugter Zionist ist, und der kleinen Tochter Hannah ausgewandert, und sie bittet ihre Mutter inständig, auch zu bleiben. Doch Susanne Lehmann sieht die karge Landschaft, das harte Leben, umarmt ihre Tochter und fährt in die Heimat zurück.

Ihre Heimat, das ist Deutschland, das ist die Innsbrucker Straße im Bayerischen Viertel in Berlin. Doch die Nazis werden ihr nicht nur das Zuhause, sondern auch das Leben nehmen. Im Jahr 1942 wird Susanne Lehmann nach Riga deportiert und stirbt dort.

Nun wird vor der Innsbrucker Straße 55 ein Stolperstein für Susanne Lehmann verlegt, jetzt am Freitag, den 23. Mai, morgens um 9 Uhr. Nachbarn und alle Interessierten sind herzlich willkommen.. Mit dabei ist auch ihr Urenkel Arnon Goldfinger, und ohne ihn würde es den Stein, das Gedenken an Susanne Lehmann nicht geben. Er ist derjenige, der die Erinnerung an die Berlinerin geweckt hat.

Arnon Goldfinger ist Regisseur, und den Filmstoff seines Lebens fand er in seiner eigenen Familie. Seine preisgekrönte Dokumentation „Die Wohnung“, die 2011 in die Kinos kam, beginnt damit, dass Goldfinger zusammen mit seiner Mutter Hannah und anderen Verwandten eine Wohnung in Tel Aviv auflöst. Es ist das Zuhause Gerda Tuchlers. Die intensive Beschäftigung mit den Hinterlassenschaften ihres Lebens wird für Goldfinger zu einer Reise in die Vergangenheit, zumal Gerda Tuchler über die Nazis, über Deutschland, über den Tod ihrer Mutter nie geredet hat. Wie so viele aus der Generation. Sie wollten nach vorne schauen, ein Land aufbauen, stark sein.

Der Stolperstein für Susanne Lehmann, der am Freitag, den 23. Mai, morgens um 9 Uhr vor dem Haus Innsbrucker Straße 55 im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg verlegt wird. Nachbarn und alle Interessierten sind zu der Zeremonie herzlich willkommen.
Der Stolperstein für Susanne Lehmann, der am Freitag, den 23. Mai, morgens um 9 Uhr vor dem Haus Innsbrucker Straße 55 im...Foto: privat

Arnon Goldfinger bricht mit seinen Recherchen also eine Art Schweigegelübde, auch in seiner eigenen Familie. Zu den stärksten Szenen des Films zählt der Moment, in dem seine Mutter Hannah erfährt, wie ihre Großmutter Susanne gestorben ist. „Sie haben einfach nichts erzählt“, sagt Hannah Goldfinger hilflos. „Und wir haben nicht gefragt.“

Hannah Goldfinger ist in diesen Tagen auch in Berlin. Sie wird ihren Sohn zur Stolpersteinverlegung begleiten. Sie sagt, sie sei ihm dankbar. Sie habe ihre Großmutter eigentlich erst durch ihn kennengelernt.

Susanne Lehmann, im Jahr 1879 geboren, war das dritte von vier Kindern, ihre Eltern waren aus Polen nach Berlin gekommen. Sie heiratete den Vertreter Heinrich Lehmann. Von ihren Flitterwochen in Italien erzählte sie später, das Heinrich ständig mit dem Tenor Enrico Caruso verwechselt worden sei. 1908 kommt die Tochter Gerda zur Welt. Als Heinrich Lehmann stirbt, zieht Susanne Lehmann sie alleine groß. sie erlebt auch noch die Geburt ihres Enkelkindes Hannah in Berlin, dann emigrieren Gerda, ihr Mann und das kleine Mädchen nach Palästina. Susanne Lehmanns Besuch dort ist das letzte Mal, dass sie Tochter und Enkelin sieht. Wieder in Berlin angekommen schickt sie jeden Monat einen langen Brief nach Palästina, nie ohne ein kleines Geschenk für Hannah.

Hannah und Arnon Goldfinger im Film "Die Wohnung".
Hannah und Arnon Goldfinger im Film "Die Wohnung".Foto: promo

Ende 1938 klingen die Briefe dann zunehmend verzweifelt. Susanne Lehmann weiß nun, dass ihr Zuhause keines mehr ist, sie will emigrieren, versucht nach England, nach Italien zu kommen, bittet auch ihre Tochter um Hilfe. Gerda Tuchler tut alles, was sie kann, schickt Geld, korrespondiert mit Rechtsanwälten, am 25. November 1941 bekommt sie dann eine Postkarte von ihrer Mutter aus Berlin. “Bin immer noch in der alten Wohnung. Gesund. Gott wird helfen.” Danach hat sie nie wieder etwas von ihrer Mutter gehört.

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Stolpersteine: Es waren eine und einer und eine und einer und noch einer ...
Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den Nazis ermordet in Auschwitz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Mike Wolff
28.04.2014 14:15Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den...

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