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Einladung in die Paulskirche : Marcel Reich-Ranicki hätte das gefallen

Weil eine Bezirksverordnete sich spontan für eine Gedenktafel für Marcel Reich-Ranicki aussprach, lud Andrew Ranicki, der Sohn des Literaturkritikers, sie zur Gedenkveranstaltung in die Frankfurter Paulskirche ein.

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Marcel Reich-Ranicki (1920 - 2013)
Marcel Reich-Ranicki (1920 - 2013)Foto: dpa

"Ich bin gerührt", sagt Christiane Timper. Andrew Ranicki, der Sohn des vor einem Jahr verstorbenen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, hat die Charlottenburg-Wilmersdorfer Bezirksverordnete nach Frankfurt am Main in die Paulskirche eingeladen. An dem geschichtsträchtigen Ort fand am 1. Juni eine Gedenkveranstaltung zu Ehren Reich-Ranickis statt. Am 2. Juni wäre er 94 Jahre alt geworden.

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann hielt in der Paulskirche die Begrüßungsrede. Es sprachen außerdem die Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, Ruth Klüger und Rachel Salamander sowie Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", für die Marcel Reich-Ranicki lange Jahre tätig war. Die Lyrikerin Ulla Hahn und die Autorin Felicitas von Lovenberg lasen aus Reich-Ranickis Autobiographie "Mein Leben" und aus eigenen Werken.

Ulla Hahn trug unter anderem das Gedicht "Gertrud Kolmar" vor über die Berliner Lyrikerin, die in Auschwitz ermordet und zuvor von den Nazis gezwungen worden war, in einem so genannten Judenhaus im Bayerischen Viertel zu leben. Für Gertrud Kolmar liegt heute ein Stolperstein in der Münchener Straße.

Auch Andrew Ranicki, Professor für Mathematik an der Universität Edinburgh, gedachte seines Vaters in einer Rede. „Ich möchte meinem Vater dafür danken, dass er es vermocht hat, die deutsche Verachtung und den Hass für ihn in Hochachtung und Liebe zu verwandeln“, sagte er.

Warum er die Bezirksverordnete aus Charlottenburg-Wilmersdorf dazu einlud? "Gute Idee!", hatte Christiane Timper, die für die SPD in der BVV sitzt und unter anderem in der bezirklichen Gedenktafelkommission mitwirkt, spontan gesagt, als ich sie angerufen und für eine Tagesspiegel-Geschichte gefragt hatte, ob denn schon eine Plakette für Marcel Reich-Ranicki an dessen früherem Wohnhaus in der Güntzelstraße geplant sei. Sie werde das Thema gleich in der nächsten Sitzung vorbringen, versprach Christiane Timper. "Die Reaktion hätte meinen Vater bestimmt gefallen", sagte Andrew Ranicki. Und deshalb schickte er ebenso spontan eine Einladungskarte an die resolute Bezirksverordnete.

Marcel Reich-Ranicki und seine Familie
Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt Texte und Bilder, von denen wir einige hier in unserer Online-Bildergalerie veröffentlichen dürfen. Los geht es mit einer Zeichnung, die das nicht immer einfache Verhältnis des Kritikers zum Rhetorikprofessor zum Thema hat. Andrew Ranicki war sehr interessiert herauszufinden, von wem die Zeichnung ist, die seinem Vater so gut gefiel, denn sie "hing mindestens 30 Jahre lang in seinen Arbeitszimmer zu Hause in Frankfurt". Nach kurzer Facebook-Diskussion war klar: Das Porträt der beiden Tänzer hat Hilke Raddatz für das Satiremagazin "Titanic" gezeichnet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Copyright: Hilke Raddatz
21.11.2016 15:09Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt...

Der junge Marcel Reich-Ranicki hatte in der Güntzelstraße 53 gewohnt. 1938 wurde er von den Nazis in der so genannten Polenaktion nach Warschau deportiert. In seiner Autobiographie beschreibt Reich-Ranicki sowohl sein von Kultur erfülltes Leben in Berlin als auch seine Zeit im Warschauer Getto, das er und seine Frau Teofila nur mit Glück und Geschick sowie der Hilfe eines polnischen Paares überlebten.

Christiane Timper und die bezirkliche Gedenktafelkommission mussten dann übrigens gar nicht mehr tätig werden, denn die Plakette für Marcel Reich-Ranicki war „längst in Arbeit“, wie die Vorsitzende des „Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin“, Christine Fischer-Defoy, auf meinen Tagesspiegel-Text hin schrieb. Der Senat habe das Museum mit dem Programm „Berliner Gedenktafeln“ betraut.

Am 6. August verlegt der Künstler Gunter Demnig um 15.50 Uhr zwei Stolpersteine vor dem Wohnhaus Güntzelstrasse 53, um der Eltern Marcel Reich-Ranickis, David und Helene Reich, zu gedenken. Sie wurden im August 1942 in Treblinka vergast. Am 12. September, fast ein Jahr nach dem Tod seines Vaters, wird Andrew Ranicki dann zu einer Zeremonie an den Stolpersteinen sowie zur Enthüllung der Gedenktafel selbst in die Güntzelstraße 53 kommen. Hellmuth Karasek, Marcel Reich-Ranickis Kollege aus dem "Literarischen Quartett", der auch in der Paulskirche bei der Gedenkveranstaltung dabei war, wird eine Ansprache halten. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit spricht ein Grußwort. Christiane Timper kommt bestimmt auch.

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