Erich Kästner und Berlin : Emil und die Detektive: Treffpunkt Reklamesäule

"Kästners Berlin" heißt das neue Buch des "Berlinologen" Michael Bienert, in dem er sich auf die Spur Erich Kästners setzt. Hier eine Leseprobe, in der es um den Kiez von "Emil und die Detektive" rund um den Prager Platz geht.

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Postkartenblick in die Prager Straße.
Postkartenblick in die Prager Straße.Foto: ZLB

An der berühmtesten Plakatsäule Berlins wird mal wieder ein Film gedreht. „Forever young“ ist groß auf dem hohen Zylinder an der Trautenaustraße, Ecke Bundesallee, plakatiert. Davor haben sich ein Kamera- und ein Tonmann aufgebaut, zwei weitere Männer mit Schminketupfern im Gesicht und eine Fernsehredakteurin, die energisch Anweisungen gibt.

Redakteurin: „Sie verstecken sich bitte hinter der Litfaßsäule, während Ulli hier vorne aus dem Buch vorliest. Auf das Stichwort kommen Sie bitte zu ihm.“

Berlinologe: „Welches Stichwort?“

Redakteurin: „Ulli, lies mal vor.“

Ulli: „In der Trautenaustraße, Ecke Kaiserallee, verließ der Mann im steifen Hut die Straßenbahn. Emil sah’s, nahm Koffer und Blumenstrauß, sagte zu dem Herrn, der die Zeitung las: ‚Haben Sie nochmals verbindlichen Dank, mein Herr!‘ und kletterte aus dem Wagen.“

Berlinologe: „Und dann komme ich hinter der Säule hervor, alles klar.“

Redakteurin: „Ulli begrüßt Sie und ihr beide schlendert in Richtung Nikolsburger Platz und unterhaltet euch über das Buch, gemacht?“

Berlinologe und Ulli: „Gemacht.“

Es klappt nicht gleich beim ersten Versuch. Der hinter der Litfaßsäule versteckte Berlinologe lugt zu früh aus seinem Versteck. Beim zweiten Versuch stimmt der Zeitpunkt. Der Fernsehreporter Ulli Zelle und sein Interviewpartner laufen heftig gestikulierend zum Nikolsburger Platz, der Kameramann hinterher. Er ist zufrieden, ebenso die Redakteurin, die sich den Ortstermin ausgedacht hatte.

Noch eine Einstellung am Nikolsburger Platz, dann ist schon alles im Kasten. Der Kameraassistent tupft die Schminke aus dem Gesicht des Berlinologen, dann kurvt der Kleinbus mit dem Fernsehteam zur nächsten Location. Der Berlinologe kehrt zurück zu der Litfaßsäule und schaut sie sich ganz genau an. Mit ihrem Kranz eingebauter Lichtspots sieht sie ziemlich neu aus. Sicher kein historisches Exemplar. Was solls. Hauptsache, sie steht genau da, wo eine Litfaßsäule stehen muss, um an Walter Triers Buchcover für Emil und die Detektive zu erinnern.

Zwei Jungs hinter einer Litfaßsäule, die mit den Augen gespannt einen grünen Mann mit überdimensionalem Hut verfolgen. Eine Szene, die so im Roman gar nicht vorkommt! Zwar wird eine Litfaßsäule an der Straßenecke erwähnt, aber als Versteck dient Emil und seinem neuen Freund Gustav ein – verschwundener, auf historischen Postkarten jedoch erkennbarer – Zeitungskiosk.

Erich Kästner vor dem Cafe Carlton am Nürnberger Platz, Geisberg- Ecke Nürnberger Straße, eine Zeit lang Kästners bevorzugtes Schreib-Café. Michael Bienert hat sich in seinem Buch "Kästners Berlin" auf die Spuren des Schöpfers von Emil und die Detektive und vieler anderer in Berlin spielender Bücher gesetzt. Hier eine Galerie mit Bilder aus dem im Verlag Berlin-Brandenburg erscheinenden Buch, Untertitel: "Literarische Schauplätze".
Erich Kästner vor dem Cafe Carlton am Nürnberger Platz, Geisberg- Ecke Nürnberger Straße, eine Zeit lang Kästners bevorzugtes...Foto: Deutsches Literaturarchiv

Jede Kunstform hat ihre besonderen Spielregeln und Möglichkeiten, einen Sachverhalt möglichst wirkungsvoll darzustellen. Der kongeniale Buchillustrator Walter Trier entschied sich für die elegant stilisierte Reklamesäule als Blickfang. Wie ein Ausrufezeichen steht sie da! Mit wenigen Federstrichen platzierte Trier die zylindrische Plakatsäule auf dem Straßenpflaster, einer knallgelben monochromen Fläche, die den Buchumschlag zum Leuchten bringt.

Zwei Straßenecken weiter, an der Prager Straße 6–10, ist dieses Motiv groß auf die Wand einer Kindertagesstätte gemalt. Dort hängt zudem eine Gedenktafel, die an Kästners erste Berliner Unterkunft als möblierter Herr bei der Witwe Ratkowksi erinnert. Doch Vorsicht! Bei dem, was auf Gedenktafeln in Berlin steht, sollte man immer misstrauisch sein, so auch hier: Zwei der Jahreszahlen auf der Tafel sind falsch.

Wie sah das Haus aus, in dem Kästner seit August 1927 wohnte und das die Adresse Prager Straße 17 trug? „Heute gelänge es nur noch Archäologen, die Gegend zu rekonstruieren“, schrieb Kästner um Weihnachten 1944 an einen Freund, da hatten Bombenangriffe die Straßen zur Unkenntlichkeit verwüstet. Der Schock angesichts der Zerstörung wird nacherlebbar beim Blick auf eine Postkarte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg; der Blick geht vom Prager Platz in die Prager Straße hinein und zeigt eine gepflegte Allee mit repräsentativen Gründerzeithäusern auf beiden Seiten. Die Nummer 17 war wahrscheinlich das erste Gebäude auf der linken Seite hinter dem Eckhaus.Diesen detektivischen Rückschluss legen die Berliner Adressbücher nahe.

Wenn der aufstrebende Journalist und Schriftsteller Erich Kästner das Haus verließ, sich nach links drehte und die Prager Straße bis zu ihrem anderen Ende hinaufspazierte, steuerte er geradewegs auf das Café Carlton am Nürnberger Platz zu, sein zweites Zuhause. Davon gleich mehr im folgenden Kapitel. Wenn er sich nach rechts wandte und über den Prager Platz die Kaiserallee (heute Bundesallee) ansteuerte, dann passierte er an der Ecke Trautenaustraße eine Filiale der Darmstädter und Nationalbank. Dort hatte Kästner ein Konto. Heute tanken Autos auf dem Eckgrundstück.

Erich Kästners Berlin
Erich Kästner vor dem Cafe Carlton am Nürnberger Platz, Geisberg- Ecke Nürnberger Straße, eine Zeit lang Kästners bevorzugtes Schreib-Café. Michael Bienert hat sich in seinem Buch "Kästners Berlin" auf die Spuren des Schöpfers von Emil und die Detektive und vieler anderer in Berlin spielender Bücher gesetzt. Hier eine Galerie mit Bilder aus dem im Verlag Berlin-Brandenburg erscheinenden Buch, Untertitel: "Literarische Schauplätze".
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22.11.2014 23:09Erich Kästner vor dem Cafe Carlton am Nürnberger Platz, Geisberg- Ecke Nürnberger Straße, eine Zeit lang Kästners bevorzugtes...

Als Kästner 1929 aus der Prager Straße wegzog, behielt er das Konto bei der Bankfiliale in der Kaiserallee 200. Sicherheitshalber parkte er während der Wirtschaftskrise seine nicht unbeträchtlichen Einnahmen auf mehreren Konten verschiedener Institute, um sich gegen den Totalverlust durch einen Bankenzusammenbruch oder Kontensperrungen zu schützen. So kam es zu einer Zufallsbegegnung auf der Kaiserallee, die Kästner am 29. November 1931 im Berliner Tage blatt unter der Überschrift Wiedersehen mit Emil schilderte. Im Sommer sei er zu seiner alten Bankfiliale gefahren, um dort 50 Mark abzuheben. Anschließend setzte er sich ins Café Josty an der Straßenecke gegenüber. Ein Mann am Nebentisch kam ihm seltsam bekannt vor, ein Mann mit steifem Hut: der Schauspieler Fritz Rasp. Auf der Straße kletterte ein Junge mit Koffer und Blumenstrauß aus der Straßenbahn 177. Der Autor war mitten in die Dreharbeiten zu dem Kinofilm Emil und die Detektive geraten!

Doch darf man das für bare Münze nehmen? Sollte Erich Kästner, der am Drehbuch beteiligt war und den Entstehungsprozess des Films wachsam verfolgte, gar nichts davon gewusst haben, dass sein Buch an Originalschauplätzen verfilmt wurde? Zum Glück haben wir die Tagesrapporte des Autors, die täglich nach Dresden verschickten Briefchen und Postkarten an „Muttchen“. Demnach war Kästner schon am 25. Juli 1931 eine Stunde lang Zeuge von Dreharbeiten am Bahnhof Zoo gewesen: „Es war so langweilig, das Dabeistehen! Ehe allemal so eine Einstellung gedreht ist, kann man einschlafen.“ Sechs Tage später wurde er dann aber tatsächlich überrascht: „Heute kam ich zufällig am Café Josty dazu – weil ich auf der Danatbank 100 M bekam – wie Emil von der Straßenbahn kletterte und zwischen den Autos stand, mit dem Blumenstrauß, und dann zum Kiosk ging. Komisch ist das, wenn man so seinen eigenen Figuren begegnet!“ Stärker als für die Zeitung hat Kästner die Begebenheit später für die Romanfortsetzung Emil und die drei Zwillinge fiktionalisiert: Vom Bankkonto ist dort nicht mehr die Rede und der Autor wird als Störenfried vom Kameramann weggescheucht.

Postkartenblick auf den Nikolsburger Platz und die Trautenaustraße.
Postkartenblick auf den Nikolsburger Platz und die Trautenaustraße.Foto: ZLB

Wer sich als Literaturdetektiv durch Kästners Berlin bewegt, muss mit allem rechnen. Was geflunkert klingt, könnte sich tatsächlich so zugetragen haben. Was ganz sachlich, realistisch erzählt wird, ist vielleicht doch nur Erfindung. An manchen Orten ist Kästners Berlin sofort wiederzuerkennen, anderswo wie ausradiert. Den vielfältigen Beschriftungen der Stadt ist nicht zu trauen. Ein Berlinologe weiß nie genau, was ihn erwartet, wenn er einmal anfängt zu fragen: Wie stehen Text, Autor und Stadt miteinander in Beziehung? Das macht die Recherche allerdings auch ziemlich unterhaltsam.

Kästners Berlin ist ein schwer zu erschöpfendes Thema, weil dieser Autor die Stadt besonders intensiv bewohnt und beschrieben hat. Das Hauptaugenmerk dieses Buches gilt den Schauplätzen der viel gelesenen Romane. Es sind auch andere Zugänge denkbar, über das journalistische Werk oder das riesige Netzwerk von Bekanntschaften und Liebschaften, die Erich Kästner mit Berlin verbanden. Stoff für einen tausendseitigen gelehrten Wälzer ist vorhanden, in dem gewaltigen Nachlass Kästners im Deutschen Literaturarchiv gibt es noch viel zu entdecken. Alleine die Bibliografie des niederländischen Kästner-Forschers Johan Zonneveld, ihm sei für diese Pioniertat gedankt, umfasst rund 2 500 Seiten. Da der Berlinologe neben Kästner auch noch ein paar andere Autoren und Themen spannend findet, hat er sich beschränkt. Richtschnur waren die ganz praktischen Erfahrungen bei der Arbeit mit Kästners Texten auf der Straße, als literarischer Cicerone in Berlin. Von den literarischen Schauplätzen ausgehend, öffnen sich gezielt Aussichten auf die Arbeit des Theaterkritikers, des Feuilletonisten, des Lyrikers, des Filmautors und in Erich Kästners Biografie.

Die Absicht dieser topografischen Nachforschungen, das sei hier klargestellt, besteht nicht darin, Erzählungen und Fiktionen auf eine außerliterarische Realität zurückzuführen. Es handelt sich mehr um ein Spiel, das hilft, die Stadt und ihre Literatur, vielleicht auch den Autor Erich Kästner, im Detail genauer kennen zu lernen. Mit Texten durch die Stadt zu flanieren, ist eine fröhliche Wissenschaft – und ganz sicher im Sinne Kästners, dem der alltägliche Gebrauchswert seiner Texte so sehr am Herzen lag: „Ein Autor, der von Geschriebenem Wirkung erhofft, kann sich nichts Schöneres wünschen, als dass die Leser Literatur mit Wirklichkeit identifizieren und verwechseln.

"Kästners Berlin. Literarische Schauplätze" von Michael Bienert erscheint im Verlag Berlin-Brandenburg. Wir danken für die freundliche Erlaubnis, diese Leseprobe samt Bildergalerie zu veröffentlichen.

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