Erinnerung an den Holocaust : Ein Stolperstein für Gertrud Kirsch

Besuch am Stolperstein der Mutter: Helga Kirsch floh 1939 aus ihrer Heimatstadt Berlin vor den Nazis nach London. Ihre Mutter Gertrud blieb zurück und wurde von den Nazis ermordet.

Josie Le Blond
Der Stolperstein für Gertrud Kirsch in der Wilmersdorfer Güntzelstraße 62.
Der Stolperstein für Gertrud Kirsch in der Wilmersdorfer Güntzelstraße 62.Foto: F. Siebold/berlin.de

Es ist ein grauer Berliner Sonntagmorgen. Auf einem Gehweg in Wilmersdorf stehen drei Menschen im Nieselregen. Sie kommen aus London, jetzt haben sie ihr Ziel erreicht: eine kleine Bronzeplatte, subtil zwischen die Pflastersteine eingefügt. Ein Stolperstein, das einzige Denkmal an eine frühere Bewohnerin dieser Straße, Gertrud Kirsch.

Helga Lemer lässt ihren Blick hinauf wandern zum zweiten Stock der Güntzelstraße 62. Hier wohnte die mittlerweile 94-Jährige Ende der 30er Jahr zusammen mit ihrer Mutter, bevor sie wegen der Nazis nach Großbritannien flüchtete. In London war sie allein. Ihre Mutter Gertrud Kirsch blieb in Berlin und wurde 1942 von der Gestapo gefangen.

Eine kleine Gruppe von Nachbarn ist jetzt gekommen, um der Familie von Gertrud Kirsch ihre Aufwartung zu machen. "Warum ist ihre Mutter nicht auch geflohen?" fragt eine Dänin, die heute in der Güntzelstraße wohnt. "Sie wusste doch, was passieren würde?" Helga Lemer schüttelt den Kopf. "Ohne die richtigen Papiere konnte sie Deutschland nicht verlassen. Meine Mutter dachte, dass sie eine Fluchtmöglichkeit gefunden hätte, aber die Dokumente sind nie angekommen." Nach diesen Worten ist die Gruppe einen Moment lang sehr still.

"Die Nazis versuchten, jede Spur ihrer Opfer zu vernichten"

Wie viele, viele andere Juden wurde Helgas Mutter Gertrud nach ihrer Gefangennahme 1942 von den Nazis nach Riga deportiert. Nach einer dreitägigen Zugfahrt unter widrigsten Bedingungen wurde sie im Wald von einer SS-Einsatzgruppe erschossen und namenlos in einem Massengrab beerdigt. Mehr als siebzig Jahre lang war der Name Gertrud Kirsch offiziell nur noch in den sorgfältig notierten Akten der Nazi-Behörden verzeichnet. So blieb es bis zum vergangenen April. Damals beantragten ihre Nachkommen, ein Stolperstein möge vor ihrem letzten Wohnsitz in den Boden eingelassen werden. "Hier wohnte Gertrud Kirsch, geb. Löwenberg, 1895" lautet jetzt die Inschrift auf der viereckigen Platte, "deportiert 15.8.1942, ermordet 18.8.1942".

Helga Lemer mit dem Koordinator des Stolpersteinprojektes in Charlottenburg-Wilmersdorf, Helmut Lölhöffel. Auf dem Stolperstein für Helga Lemers Mutter, Gertrud Kirsch, liegen Rosen.
Helga Lemer mit dem Koordinator des Stolpersteinprojektes in Charlottenburg-Wilmersdorf, Helmut Lölhöffel. Auf dem Stolperstein...Foto: Josie Le Blond

"Ich habe erst letztes Jahr überhaupt von diesen Stolpersteinen gehört", sagt Gertruds Enkeltochter Barbara Anders. An diesem Novemberwochenende ist sie jetzt zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Berlin gekommen, um das Denkmal an ihre Großmutter zum ersten Mal zu besuchen.

"Die Nazis versuchten, jede Spur ihrer Opfer zu vernichten", erzählt Helmut Lölhöffel, Koordinator des Stolpersteinprojektes in Charlottenburg-Wilmersdorf, der gesammelten Gruppe. Die Platten, die sich mittlerweile überall in Europa befinden, seien dezentralisierte Denkmale, um die Namen der Nazi-Opfer und damit auch die Erinnerung an sie an ihre letzten Wohnsitze zurückzubringen.

Als Helga Lemer jetzt zum ersten Mal seit 74 Jahren wieder die Güntzelstraße 62 betritt, erkennt sie sofort den verzierten Hausflur, den Art-Deko-Aufzug, die Balkone und die Buntglastüre. Für die alte Dame ist das ein Schritt zurück in die Vergangenheit, in ihr Leben als junge Frau. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1937 zog Gertrud Kirsch mit ihrer damals 16 Jahre alten Tochter Helga in die Pension in der Güntzelstraße. In der Pension hätten damals mehrere Juden gelebt, die ihre Wohnung schon verkauft hatten und auf eine Flucht aus Deutschland hofften, erinnert sich Helga Lemer. Auf einer gerahmten Liste der ehemaligen Bewohner liest sie dann den Namen "G. Kirsch, Witwe".

Die als Jüdin erzogene Helga erinnert sich noch gut an den sozialen Abstieg ihrer Familie nach Hitlers Machtergreifung im Jahre 1933. "Ich hatte damals eine gute nichtjüdische Freundin. Als Hitler an die Macht kam, redete sie nicht mehr mit mir. Als ich sie gefragt habe, was los sei, erklärte sie mir, ihr Vater sei ein Nazi", sagt Helga.

Solche Erlebnisse und die tägliche Routine, "Heil Hitler" im Chor mit ihren Mitschülern grölen zu müssen, wurden für Helga zur Last. Im Mai 1935 bat sie um einen Wechsel an eine jüdische Schule. "Ich wollte mit anderen Juden zusammen sein", erinnert sie sich.

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