Erinnerungsbuch "Die Mossdorfs" : Geschichte mit Leerstelle

Eigentlich sollte auf dieser Kiez-Seite nicht unbedingt etwas über das Buch "Die Mossdorfs. Das Schicksal einer Berliner Familie im 20. Jahrhundert" erscheinen. Aber auf eine Szene darin soll kurz eingegangen werden.

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Buchcover "Die Mossdorfs. Das Schicksal einer Berliner Familie im 20. Jahrhundert" von Friederike Oeschger und Babette Radtke, erschienen im Verlag Hoffmann & Campe.
Erinnerungen einer Familie aus der Prinzregentenstraße, am Rande des Bayerischen Viertels.Foto: promo

Das Erinnerungsbuch "Die Mossdorfs. Das Schicksal einer Berliner Familie im 20. Jahrhundert" habe ich schon vor einiger Zeit gelesen, genauer gesagt im letzten Sommerurlaub. Christiane Fritsch-Weith, die Buchhändlerin vom Buchladen Bayerischer Platz, hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Ich fand das Buch ein bisschen enttäuschend ehrlich gesagt, die Menschen, um die es darin geht, blieben mir fremd und fern. Deshalb wollte ich eigentlich nichts darüber schreiben. Dabei spielt sich die Handlung dieser wahren Familiengeschichte größtenteils in der Prinzregentenstraße und damit am Rande des Bayerischen Viertels ab. Eigentlich müsste das Buch also ein Thema für den Kiezblog sein, in dem ich mich gern mit Erinnerung und Gedenken befasse.

Daran dachte ich immer mal wieder und als jetzt der Kollege Andreas Conrad eine seiner wunderbaren Tagesspiegel-Sonderseiten mit Berlin-Literatur ankündigte, setzte ich mich bewusst selbst unter Druck, denn wenn für das Printblatt etwas geplant wird, dann muss es zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Länge fertig sind. Ich sagte ihm also ein paar Zeilen zu dem Buch zu. Aber wirklich nur ein paar. Ich wollte nur kurz loswerden, was mich an dem Buch irritiert hatte, und hielt diese Irritation für mitteilenswert.

Fassungslos vor der ausgebrannten Synagoge

Besonders eine Szene aus diesem merkwürdig kühlen Buch war mir in Erinnerung geblieben. 10. November 1938: „Jetzt stand der Junge fassungslos vor der ausgebrannten Ruine des Gotteshauses, noch immer drang Qualm heraus.“ Der Junge, das war Carl Friedrich Mossdorf, damals 16 Jahre alt, später wie schon Vater Otto ein erfolgreicher Journalist. Das Gotteshaus, das war die Synagoge in der Prinzregentenstraße, eingeweiht 1930, zerstört in der Pogromnacht des 9. November 1938.

In „Die Mossdorfs“ wird anhand persönlicher Dokumente die Geschichte ("das Schicksal") einer deutschen, einer Berliner Familie von der Kaiserzeit bis zur Jahrtausendwende erzählt. Und diese Geschichte hinterlässt bei mir vor allem als Geschichte einer Leerstelle einen Eindruck. Über punktuelle Fassungslosigkeit hinaus sind darin kaum Reaktionen auf die Entrechtung und Deportation jüdischer Nachbarn überliefert. Dabei lebten die Mossdorfs in der Prinzregentenstraße, im jüdisch geprägten Kiez, am Rande des Bayerischen Viertels.

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Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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