Film über Georg Elsers Attentat auf Hitler : Rathaus Schöneberg als Nazi-Kulisse

Oliver Hirschbiegel dreht im Bayerischen Viertel einen Film über Hitler-Attentäter Georg Elser. Das Rathaus Schöneberg wird zum Reichssicherheitshauptamt.

Milena Menzemer
Der Regisseur Oliver Hirschbiegel (r.) inszenierte bereits vor zehn Jahren den Film "der Untergang". Für seinen neuen Film "Georg Elser - Es muss sein!" schlüpften die Schauspieler Burghart Klaußner, Christian Friedel und Johann von Bülow (v.l.n.r.) im Rathaus Schöneberg in historische Kostüme.
Der Regisseur Oliver Hirschbiegel (r.) inszenierte bereits vor zehn Jahren den Film "der Untergang". Für seinen neuen Film "Georg...Foto: Mike Wolf

Johann von Bülow trägt ein kleines Hakenkreuz am Revers. Auf einem Flur, von dem heute Verhörzimmer abgehen, tuschelt er mit dem streng links gescheitelten Burghart Klaußner – und ascht mit seiner Zigarette in den Hof des Rathauses Schöneberg. Cut. Regisseur Oliver Hirschbiegel drängt sich zwischen den Gestapochef und den Kripochef im Reichssicherheitshauptamt, um Tipps zu geben. Klappe, die nächste: Von Bülow raucht noch einmal. In dieser Woche dreht Oliver Hirschbiegel in Berlin Szenen für seinen neuen Film „Georg Elser – Es muss sein!“. Zehn Jahre nach „Der Untergang“ mit Bruno Ganz, widmet sich der Regisseur erneut der Nazizeit – diesmal dem missglückten Hitler-Attentat im Jahr 1939.

Hitler-Filme in Berlin
Regisseur Oliver Hirschbiegel (rechts) hat bereits „Der Untergang“ mit Bruno Ganz gedreht. Diesmal geht es um den ersten Hitler-Attentäter Georg Elser, gespielt von Christian Friedel (2.v.l.), hier mit Burghart Klaußner (links) und Johann von Bülow – gefilmt wurde im August 2014 im ...Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Mike Wolff
20.08.2014 08:40Regisseur Oliver Hirschbiegel (rechts) hat bereits „Der Untergang“ mit Bruno Ganz gedreht. Diesmal geht es um den ersten...

Heute besetzt die Filmcrew dafür Teile des Rathauses Schöneberg. Das ist der 28. Drehtag, der dritte Berlin-Tag – und das Bezirksamt Schöneberg-Tempelhof verwandelt sich zur Kulisse für das Reichssicherheitshauptamt, auf einmal entsteht eine Nazi-Hochburg im Bayerischen Viertel mit seiner jüdisch geprägten Geschichte. Das echte damalige Hauptamtsgebäude in der Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße) in Kreuzberg gehört heute zur Topographie des Terrors, dort hätten die Dreharbeiten nicht stattfinden können. So spazieren die Männer in den dunkelgrünen Uniformen durch die Gänge im ersten Obergeschoss des Rathauses.

Adolf Hitler ist heute nicht dabei

Eigentlich seien Dreharbeiten im Rathaus gar keine Besonderheit, sagt ein Wachmann. Tatsächlich bilden sich aber hinter vielen Zwischentüren und Ecken Mitarbeitertrauben, die den Uniformierten hinterherstaunen – und das obwohl Hitler selbst (Udo Schenk) gar nicht dabei ist. Der Betrieb im Bezirksamt läuft heute normal weiter. Selbst in den Zimmern, vor deren Fluren gedreht wird, wird gearbeitet.

Ab morgen, Mittwoch, sind die Mitarbeiter im Bezirksamt wieder ungestört. Die Crew dreht noch drei Tage in Berlin, aber nicht mehr im Rathaus, sondern in der Kantstraße. Dort wird die Hauptfigur Georg Elser in einem ehemaligen Gefängnisgebäude inhaftiert. Im Eichensaal des Flughafens Tempelhof wurde Elser in den vergangenen Tagen bereits verhört.

Georg Elser - "Sehender unter Blinden"

Etwa 20 Prozent aller Szenen sollen insgesamt in Berlin spielen. In Baden-Württemberg, Bayern und Südtirol liegen die anderen Drehorte. Der Film setzt beim Verhör an und springt von dort immer wieder in die Vorgeschichte zurück: Georg Elser – gespielt von Christian Friedel – war einer der ersten Männer, die in der deutschen NS-Geschichte Widerstand leisteten. „Ein Sehender unter Blinden“, sagt Produzent Boris Ausserer.

Am 8. November 1939, recht kurz nach Kriegsbeginn, ließ Elser eine Bombe im Münchner Bürgerbräukeller explodieren, direkt hinter dem Rednerpult von Hitler. Acht Menschen starben. Hitler überlebte, weil er das Pult 13 Minuten früher verließ als erwartet. Elser wollte in die Schweiz fliehen, wurde an der Grenze in Konstanz festgenommen. Arthur Nebe (Burghart Klaußner) und Heinrich Müller (Johann von Bülow) verhörten und folterten den Mann. 1945 wurde Elser im KZ in Dachau ermordet.

Bis zwei Uhr nachts gehen die Dreharbeiten im Rathaus Schöneberg.
Bis zwei Uhr nachts gehen die Dreharbeiten im Rathaus Schöneberg.Foto: dpa-Bildfunk/ Stephanie Pilick

Es ginge nicht darum, eine Heldengeschichte zu erzählen, sagt Boris Ausserer von der Produktionsfirma Lucky Bird Pictures, für die der Kinofilm mit rund sieben Millionen Euro Budget das erste Großprojekt ist. Man habe die Geschichte eines Dorfes darstellen wollen, das immer brauner wurde. Und die Geschichte eines Mannes, der sich an den Rand gedrängt fühlte. Elser sei kein typischer politischer Querulant gewesen, sagt der Berliner Drehbuchautor Fred Breinersdorfer. Im Gegenteil. Fünf Jahre hat er mit seiner Tochter Léonie-Claire ins Schreiben des Drehbuchs investiert, um die vielschichtige Persönlichkeit Elsers herauszuarbeiten. Breinersdorfer und die Produzenten begannen vor etwa sechs Jahren mit der Planung des Films, recherchierten die Geschichte, suchten Zeitzeugen in Königsbronn und Heidenheim. Anfang Juli begannen die Dreharbeiten.

Mit dem Film wolle man nicht direkt für den bewaffneten Widerstand plädieren, sagt Ausserer. Elser habe in Kauf genommen, dass viele Menschen starben. Das wolle man im Film nicht beschönigen. „Aber wir wollen eine Diskussion darüber entfachen, ob das richtig war.“ Der Hauptdarsteller Friedel ist sich selbst noch nicht sicher, welche Position er in dieser Diskussion einnehmen wird, ob er überhaupt eine Position einnehmen wird.

Im April 2015 – 70 Jahre nach Elsers Tod – startet der Film in den deutschen Kinos. Sofern sich der Drehplan nicht verschiebt. Burghart Klaußner ächzt heute jedes Mal, wenn er sich setzen muss. Der Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt leidet unter einem Bandscheibenvorfall.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite (leider derzeit noch nicht auf unserer mobilen Seite) oder per Email an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de. Zum Twitterfeed über das Bayerische Viertel geht es hier. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #BayerischesViertel

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

10 Kommentare

Neuester Kommentar