Flüchtlings-Diskussion im Café Haberland : Das Engagement der Ehrenamtlichen geht zurück

Im Café Haberland diskutierten Beteiligte über Flüchtlinge und Willkommenskultur. Bei vielen Helfern steigt der Frust.

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Der U-Bahnhof Bayerischer Platz und das Café Haberland.
Der U-Bahnhof Bayerischer Platz und das Café Haberland.Foto: Mike Wolff

An einer Fensterscheibe des Café Haberland, durch die man Richtung Rathaus Schöneberg blicken kann, steht der Spruch "Eine lebendige Nachbarschaft sehen, hören, lesen, erkunden". In Schöneberg hat sich im vergangenen Jahr, so wie in ganz Deutschland, diese Nachbarschaft verändert, sie ist gewachsen. 80.000 Flüchtlinge kamen 2015 nach Berlin, 50.000 davon wurden hier registriert und aufgenommen, ein großer Teil allein in den letzten vier Monaten des Jahres. "Wir schaffen das", hatte die Kanzlerin im Sommer als Parole ausgegeben, der Satz hallt den meisten noch in den Ohren.

Das Quartier Bayerischer Platz hat sich Merkels Losung zu Herzen genommen und versucht, sie greifbarer zu machen. "Wie schaffen wir das?" lauten deshalb die Leitfrage und der Titel des Diskussionsabends im Café Haberland über dem U-Bahnhof am Bayerischen Platz. Die Frage könnte praktischer kaum gestellt sein, und deshalb sind es auch Leute aus der Praxis, die sich darüber austauschten.

Viele konkrete Probleme wurden benannt

Da ist Dieter Glietsch, der von 2002 bis 2011 Polizeipräsident von Berlin war und seit letztem September Staatssekretär für Flüchtlingsfragen im Senat ist. Von der anderen Seite des Problemkomplexes kommt Ali Agidi. Der Iraker hat früher in Bagdad gelebt, hatte dort ein Medizinstudium abgeschlossen. 2015 kam er nach Berlin, über die Balkanroute. Hier kam er in einem ehemaligen Hostel unter, heute lebt er in einer WG. Dabei geholfen haben ihm Ehrenamtliche. Eine von Ihnen ist Ingke Brodersen, die als dritte Diskutantin an der Runde teilnimmt. Sie ist es auch, die besonders deutlich von den Problemen aus der Praxis berichten kann. Und auf der Liste finden sich einige sehr konkrete Punkte:

- Es sei oft schwierig, Flüchtlingskinder in Schulen unterzubringen. Oft wiesen die Sekretariate schon am Telefon ab. Manche Schulleiter blockten ab, bevor nicht eine umfassende Gesundheitsüberprüfung vorliege.

- Zur Beschulung gebe es schlicht keine klare Anweisung der zuständigen Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, die Klarheit und Verbindlichkeit schaffen könnte.

- Brodersen forderte ein Infopaket für Flüchtlinge, in denen sie über das deutsche Schulsystem informiert werden. Viele würden denken: Zehn Jahre Schule, danach könnten sie Medizin studieren.

- Es brauche zudem ein Erst-Info-Paket für Flüchtlinge, in dem sie über Punkte wie Bildung, Wohnen, Arbeiten aufgeklärt werden. Und zwar in einer verständlichen Sprache formuliert, ohne Beamtensprech.

- Jungen Menschen, die nicht mehr schulpflichtig sind, werde keine ausreichende Beratung angeboten, wie sie ins Berufsleben einsteigen könnten.

- Schon bei der Registrierung sollen Kompetenzen und Qualifikationen erfasst werden, um eine spätere Vermittlung zu erleichtern.

- Die Vermittlung von Wohnungen dauere zu lang. Ehrenamtliche berichteten von Fällen, in denen die Behörden zwölf Wochen gebraucht hätten, um ihr Okay zu geben. Die Zusage des Vermieters sei bis dahin längst hinfällig gewesen.

Die Behäbigkeit der behördlichen Vorgänge wird an dem Abend oft kritisiert. Moderatorin Annette Fugmann-Heesing, ehemalige Finanzsenatorin von Berlin, spricht von "viel Frust über den Sand im Getriebe" und die schlechte Kommunikation. Eine Frau aus dem Publikum wird deutlich: "Das ist viel Blabla, was der Senat von sich gibt."

Glietsch steht an diesem Abend sprichwörtlich zwischen den Stühlen. Er repräsentiert die Behörden, die hier angegangen werden, gibt sich aber offen für Kritik. Er sagt: "Es gibt beim Lageso kaum einen Prozess, der nicht beschleunigt werden könnte." Dann betont er, vieles dort sei schon verbessert worden, einiges auf einem guten Weg: "Wir haben schon viele Prozesse verändert, aber wir müssen auch die Beamtenmentalität ändern. Das dauert." Konkrete Zusagen kann er nicht machen, er verspricht aber, die Probleme und Anregungen mitzunehmen und an die zuständigen Stellen heranzutragen. Noch einmal.

Wo Berlin seine Flüchtlinge unterbringt
Inmitten von Einfamilienhäusern ist ein hellgraues Containerdorf an der Venusstraße in Altglienicke entstanden.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Soeren Stache/dpa
21.07.2016 10:43Inmitten von Einfamilienhäusern ist ein hellgraues Containerdorf an der Venusstraße in Altglienicke entstanden.

Bei vielen Beteiligten hat sich Frust angestaut

Und so bleibt von dem Abend vor allem der Eindruck, dass sich bei vielen Beteiligten Frust aufgestaut hat. Oft wurde zuletzt auch berichtet über sogenannte besorge Bürger, die wütend auf die Politik sind, sich abgehängt fühlen oder Angst vor Veränderungen haben. Deren Wut hat sich in den vergangenen Monaten vielfältig entladen. In Protestmärschen, Hetzreden im Internet, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt gegen Ausländer.

Und zunehmend gab es Meldungen über Auseinandersetzungen in Notunterkünften, weil dort zu viele Menschen zu lang auf zu engem Raum leben. Oft junge Männer, die keine Beschäftigung haben, weil sie nichts tun dürfen, ohne jede Privatsphäre, häufig traumatisiert von Krieg und Zerstörung in ihrer Heimat.

Was der Abend im Café Haberland neben den vielen Details besonders deutlich vor Augen führte: Der Frust derer steigt, die helfen wollen, die ehrenamtlich unterstützen und die ihre freie Zeit dafür aufwenden, um die Flüchtlinge in Deutschland zu integrieren. Brodersen sagt, das Engagement der Ehrenamtlichen gehe spürbar zurück. Und diejenigen, die helfen, resignieren immer mehr. Und ohne die läuft bei der Intergration von Flüchtlingen gar nichts, das gibt auch Glietsch zu. Nur einer an diesem Abend gibt sich möglichst zufrieden. Ali Agidi vermied es, ausführlich über Missstände zu klagen. Sein Schlusswort ist so bescheiden wie gewichtig: "Die Menschen am Lageso haben schon so lang gewartet. Ich hoffe, dass sich das ändert."

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