Gastkommentar : Eine Gottfried-Benn-Straße für Berlin

Nach Gottfried Benn, dem Dichter, Arzt und Berliner aus Leidenschaft, sollte endlich eine Straße benannt werden. Am besten im Bayerischen Viertel, das zu seinem ureigenen Kiez wurde. Ein Plädoyer der Gottfried-Benn-Gesellschaft. Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit!

Rainer Schmelzeisen
Arzt, Dichter, Kneipengänger: Gottfried Benn (1886 - 1956).
Arzt, Dichter, Kneipengänger: Gottfried Benn (1886 - 1956).Foto: dpa

Er saß, wenn die Witterung es zuließ, mit Vorliebe auf einer Bank des Bayerischen Platzes, eine Viertelstunde, manchmal länger - Gottfried Benn, einer der großen deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts. Seit 1937 wohnte er bis zu seinem Tod 1956 in unmittelbarer Nähe, in der Bozener Straße 20. In zwei Jahrzehnten war das Bayerische Viertel für den Berliner aus Leidenschaft, 1896 in Mansfeld/Prignitz geboren, zu seinem ureigenen Kiez geworden. Hier hatte er nach dem Ende des Krieges seine Frau Ilse, eine junge Zahnärztin kennen gelernt, hier wohnte Renée Sintenis, die bekannte Bildhauerin, mit der er befreundet war, hier lagen seine beiden Stammlokale, das "Dramburg" (heute "Robbengatter") und die Kneipe des Boxers Otto Flint, hier war er regelmäßiger Besucher der Buchhandlung am Bayerischen Platz.

Geht man heute durch die Straßen des Bayerischen Viertels, so erinnert manches noch an die Zeit, in der Gottfried Benn hier lebte. Wer nun allerdings meint, dass der zuständige Bezirk sich in den letzten 60 Jahren hätte durchringen können, eine Straße nach dem wohl bekanntesten Literaten dieses Viertels zu benennen, sucht vergebens. Mehrfache Initiativen sind in der Vergangenheit gescheitert, so die letzte der Gottfried-Benn-Gesellschaft e.V. aus den Jahren 2010/2011 anlässlich des 125. Geburtstages des Dichters. Auch das positive Votum des damaligen Kulturstaatssekretärs André Schmitz blieb folgenlos. Dabei zweifelt niemand an der Bedeutung Benns für die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Seine Werke, vor allem seine Gedichte wurden in viele Sprachen übersetzt, unzählige Dissertationen haben sich mit seinem Werk beschäftigt. Es vergeht auch heute keine Woche, kaum ein Tag, an dem nicht in irgendeiner Publikation Benn zitiert oder über ihn geschrieben wird.

Kiezkneipe schon zu Zeiten von Gottfried Benn: Das Robbengatter im Bayerischen Viertel
Im Namen der Robbe: Timo Hanschmann führt die Kiezkneipe Robbengatter im Bayerischen Viertel. Ein Lokal mit Geschichte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 20Foto: Kai-Uwe Heinrich
09.05.2014 21:02Im Namen der Robbe: Timo Hanschmann führt die Kiezkneipe Robbengatter im Bayerischen Viertel. Ein Lokal mit Geschichte.

Gegen die Benennung einer Straße nach Gottfried Benn wird häufig sein Verhalten bei der Machtübernahme der Nazis 1933 ins Feld geführt. Es ist nicht zu leugnen, dass der Dichter damals in Wort und Schrift eine sehr problematische Nähe zum Nationalsozialismus erkennen ließ, obschon er niemals Mitglied der NSDAP gewesen ist. Schon eineinhalb Jahre später aber distanzierte er sich von den neuen Machthabern, die ihn schließlich, 1938 sogar mit einem Publikationsverbot belegten. Nach dem Krieg war es Benn selbst, der in "Doppelleben" sein Verhalten um 1933 thematisierte, in einer Zeit also, in der die meisten Deutschen ihre eigene Beziehung zum Nationalsozialismus mit Schweigen bemäntelten.

In der Bozener Straße 20 wohnte Gottfried Benn und hatte dort auch seine Arztpraxis.
In der Bozener Straße 20 wohnte Gottfried Benn und hatte dort auch seine Arztpraxis.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Was also spricht im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts dagegen, dass Berlin endlich Flagge zeigt und eine Straße nach Gottfried Benn benennt, nach jenem Dichter, der 1951 den renommierten Georg-Büchner-Preis der Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt erhielt, dem 1953 der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verlieh? Das könnte im Bayerischen Viertel sein, zum Beispiel könnte der nördliche Teil der Bozener Straße umbenannt werden. Aber auch in den Bezirken Mitte, Kreuzberg und Charlottenburg hat Benn seine Spuren hinterlassen. Im Jahr 2016 bietet sich eine neue Gelegenheit - der 60. Todestag des Dichters: Gottfried Benn starb am 7. Juli 1956 in Berlin, wo er seit 1904 mit nur kleinen Unterbrechungen gelebt hatte und über das er im Sommer 1948, während der Blockade, schrieb: "... es ist die Stadt, deren Glanz ich liebte, deren Elend ich jetzt heimatlich ertrage ... und aus der mich nichts zu Emigration bewegen wird."

Prof. Dr. Dr. Reiner Schmelzeisen
1. Vorsitzender der Gottfried-Benn-Gesellschaft

Was meinen Sie liebe Leserinnen, liebe Leser? Sollte in Berlin eine Straße nach Gottfried Benn benannt werden? Und wenn ja, welche? Oder sind Sie dagegen? Warum? Kommentieren und diskutieren Sie mit! Nutzen Sie dazu bitte die einfach zu bedienende Kommentarfunktion etwas weiter unten auf dieser Seite.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite (leider derzeit noch nicht auf unserer mobilen Seite) oder per Email an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de. Zum Twitterfeed über das Bayerische Viertel geht es hier. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #BayerischesViertel

Folgen Sie dem Kiezblogger Markus Hesselmann bei Twitter

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

43 Kommentare

Neuester Kommentar