Gedenkmauer für Holocaust-Opfer : Löcknitz-Schüler erinnern an ermordete Juden aus dem Bayerischen Viertel

70 Jahre nach der Auschwitz-Befreiung wird der früheren jüdischen Bewohner des Bayerischen Viertels gedacht. Lehrer und Schüler der Löcknitz-Grundschule engagieren sich dafür. Nun erhalten sie wieder Besuch von einer Zeitzeugin. Nachbarn aus dem Kiez sind willkommen.

Mark Belkin
Stadtführerin Gudrun Blankenburg zeigt die Gedenkmauer zur Erinnerung an ehemalige jüdische Bewohner des Bayerischen Viertels auf dem Schulhof der Löcknitz-Grundschule.
Stadtführerin Gudrun Blankenburg zeigt die Gedenkmauer zur Erinnerung an ehemalige jüdische Bewohner des Bayerischen Viertels auf...Foto: Thilo Rückeis

Die meisten Kinder, die die Löcknitz-Grundschule besuchen, wissen bereits viel über das Thema Nationalsozialismus, das sonst meist erst in der 9. Klasse besprochen wird. Denn die Schule befindet sich im Bayerischen Viertel, das vor dem Zweiten Weltkrieg eines der jüdischen Zentren in Berlin gewesen ist. Auf dem Schulhof stand einst eine Synagoge, die den Krieg überstand, später jedoch abgerissen wurde, da die jüdische Bevölkerung ausblieb und die Synagoge ihre Funktion verlor. Deshalb haben die Schüler beschlossen, ein Projekt zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Bürger zu starten, und bauten eine Gedenkmauer.

So hat alles begonnen: Vor 20 Jahren hatte das Heimatmuseum Schöneberg Namen von mehr als 6000 jüdischen Bewohnern des Bayerischen Viertels veröffentlicht. Die damaligen Grundschüler interessierten sich sehr dafür und wollten dazu ein Projekt auf die Beine stellen, das lange erhalten bleibt und von vielen beachtet wird. Zufällig wurde zu dieser Zeit auf dem Schulgelände gebaut und es lagen überall Ziegelsteine. Durch eine Anregung des Künstlers Horst Hoheisel kam den ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Grundschule die Idee, eine Gedenkmauer aus Ziegelsteinen auf ihrem Schulhof zu bauen.

Sie beschrifteten die Mauer mit den Namen von Holocaust-Opfern, zu denen sie einen besonderen Bezug hatten wie zum Beispiel denselben Vornamen, den gemeinsamen Geburtstag oder dasselbe Haus, in dem sie leben. Dieses Projekt wurde immer größer und bildet heute ein Denkmal mit den Namen von 1097 Menschen. Mittlerweile ist es sogar Bestandteil von Stadtführungen. Dem Projekt und dem Engagement der Schüler und der Schulleiterin wurde viel Anerkennung zuteil: durch den bundesweiten Wettbewerb Demokratisches handeln, durch die Projektplattform Respekt Gewinnen und durch den internationalen Obermayer German-Jewish History Award.

"Orte des Erinnerns" im Bayerischen Viertel
Unter dem Titel "Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel: Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung von Berliner Juden in den Jahren 1933 bis 1945" entstand rund um den Bayerischen Platz in Schöneberg Anfang der 1990er-Jahre ein ungewöhnliches Denkmal.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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"Menschen, die man vergisst, sterben ein zweites Mal"

Die Löcknitzschüler haben ihrer Schule ein Motto gegeben, es ist ein jüdisches Sprichwort und steht in großer Schrift auf der Wand im Eingangsbereich der Schule: „Menschen, die man vergisst, sterben ein zweites Mal.“

An diesem Dienstag, 27 Januar, 70 Jahre nach der Befreiung der letzten Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz, wird es in der Schule von 10 bis 11 Uhr eine eigene Gedenkverstaltung geben. Die Kinder lesen die Namen der einstigen Kiez-Nachbarn vor. Auch Vertreter der Obermayer Foundation werden anwesend sein. Die Stiftung ehrt deutsche Bürger, die einen besonderen Beitrag leisten, um die jüdische Geschichte und Kultur ihrer Gemeinde zu erhalten.

Auch die Zeitzeugin Judith Blumenhein wird an der Veranstaltung teilnehmen. Sie ist schon seit Jahren der Schule verbunden - ihr Vater hat den 800. Stein in der Gedenkmauer erhalten. Er wohnte in der Bozener Straße 9, einer Sammelstelle für jüdische Bürger und wurde in das KZ Sachsenhausen deportiert. Ihm gelang die Flucht, jedoch wurde er entdeckt, gefasst und am 1. Januar 1939 bereits ermordet.

Die Gedenkveranstaltung ist öffentlich. „Selbstverständlich sind Nachbarn aus dem Kiez willkommen!“, sagt die Direktorin der Löcknitz-Grundschule, Christa Niclasen.

Diesen Beitrag hat Mark Belkin (14), derzeit Schülerpraktikant beim Tagesspiegel und insbesondere beim Kiezblog Bayerisches Viertel, recherchiert und geschrieben.

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Stolpersteine: Es waren eine und einer und eine und einer und noch einer ...
Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den Nazis ermordet in Auschwitz.Weitere Bilder anzeigen
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28.04.2014 14:15Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den...

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