Geschichte der Motzstraße : Emil und die Literaten

Stadtgeschichten, Kiezgeschichten, Lebensgeschichten. In unserer Serie folgen wir den Lebensadern Berlins. Heute: Bohemiens, Künstler und das Bürgertum – die Motzstraße spiegelt die urbane Gesellschaft wider.

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Motzstraße in Schöneberg: Schöneberg gilt als toleranter Bezirk, in der Motzstraße treffen so gut wie alle gesellschaftlichen Gruppen aufeinander.Alle Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
16.07.2010 12:13Motzstraße in Schöneberg: Schöneberg gilt als toleranter Bezirk, in der Motzstraße treffen so gut wie alle gesellschaftlichen...

Jede Straße hat irgendwo ihr geheimes Gedächtnis. Irgendjemanden gibt es, der immer schon da gewohnt hat, irgendeinen, die die Zeitungsschnipsel aufbewahrt, die Geschichten gehört hat. Das Gedächtnis unserer Straße heißt "motzbuch". Das ist eine Buchhandlung in der Motzstrasse, die einzige. Hier haben schon viele Autoren gelesen, auch der designierte Träger der Büchner-Preises Reinhard Jirgl, der hier Passagen aus "Die Unvollendeten" vortrug. Wilfried Hepperle führt den Laden allein, seit die Gründerin, seine Frau, Susanne Twardawa, vor zwei Jahren gestorben ist. Twardawa war es, die das Gedächtnis des Viertels einsammelte, in ihren kompakten, bebilderten Büchern über den Viktoria-Luise-Platz, den Nollendorfplatz und die Straße dazwischen. Die Motzstrasse. Auf deren anderthalb Kilometern mit Wohnhäusern, Platanen, Cafés und Läden hatte sich, ohne Absicht, das zwanzigste Jahrhundert gespiegelt, mit der Bohème am Nollendorfplatz, den russischen Exilanten wie Vladimir Nabokov, dem Edel-Esoteriker Rudolf-Steiner - er lebte zwei Häuser vom "motzbuch" entfernt - dem Kinderbuchautor Erich Kästner, der am anderen Ende der Straße wohnte, am Prager Platz.

Die Straße war - und ist - heterogen wie das Zeitalter, in dem sie ab 1900 ihre Dynamik entfaltet hatte. Als ihr wilder Quellpunkt galt der Nollendorfplatz, wo heute am U-Bahnhof in einem Wohnwagen Methadon an Fixer vergeben wird, wo in eine Sprachschule Hunderte junger Leute aus aller Welt "German" lernen und wo man, am Anfang der Motzstrasse, von E-Gitarren über Fahrräder, Möbel aus den Sechzigern und Biokost alles Mögliche kaufen kann. In den Zwanziger Jahren war hier das Zentrum eines Vergnügungsviertels. Zwischen mondänen Bars und Kneipen inszenierte Erwin Piscator am Metropol-Theater, das "Eldorado" in der Motzstrasse bot Travestie-Shows. Liberal ging es zu. Mit einer Glosse, überschrieben "Motzstrasse 38", mokierte sich Kurt Tucholsky 1919: "In einer Privatwohnung haben sich ein Mann und eine Frau bereit gefunden, Zuschauer bei einer Szene zu dulden, die sich sonst im allgemeinen privat abzuspielen pflegt. Aber nun Berlin - ! Aber nun die Biederen in allen Richtungen der Windrose! - Unerhört sei das! Und nun werde wohl nächstens der Himmel einfallen. Und was sage man. Und Babylon, die große. Und Sodom und Gomorrha, oder wie die Firma heißt. Und überhaupt. " Der Himmel ist nicht eingefallen. Dafür sorgten erst die Mörder, als sie 1933 an die Macht kamen. Razzien bereiteten dem Vergnügungsviertel ein Ende. In eben der Motzstrasse 38, von der Tucholsky schrieb, hatte auch der homosexuelle Journalist Diez Kriete sein Büro, der unter dem Namen Ludwig Bothe publizierte. Er und sein Partner wurden verfolgt und verschleppt. Man hat Kriete im KZ Sachsenhausen erschossen.

1870 benannt nach dem preußischen Finanzminister Friedrich von Motz, buchstabiert die Motzstraße Klassen und Strömungen der Zeit; würde man nur die Geschichte dieser Straße kennen, könnte man aus ihr die größere Geschichte destillieren. Auf der Mitte der Straße liegt der Viktoria-Luise-Platz, ein ovaler Park mit Blumen, Beeten, Brunnen und hoch schießender Fontäne, in den Gründerzeitbauten ringsumher gab es Aufzüge, Lieferanteneingänge, urbanen Luxus.

Hier trafen sich Erich Kästner und der junge Billy Wilder, um am Drehbuch für Kästners Kinderkrimi "Emil und die Detektive" zu arbeiten. Wilder wohnte von 1926 bis 1927 am Viktoria-Luise-Platz, billig, zur Untermiete. Seinem Biograf Hellmuth Karasek erzählte der alte Regisseur auf einem Spaziergang: "Dritter Stock. Familie York-Schulz. Eineinhalb Jahre. Ein winziges Zimmer mit düsterer Tapete. Wand an Wand mit einer ständig rauschenden Toilette.". Dort, verriet er auch, sei eines Nachts sei Herr Galitzenstein, Direktor der Maxim-Film, in Unterhosen in seinem Zimmer gestanden, geflohen aus dem Schlafzimmer der Nachbarin. Da musste der kompromittierte Mann dann Wilders erstes Drehbuch kaufen.

Schon der Emil-Film der Ufa war allerdings ein "Bombenerfolg", wie die "Lichtbühne" im Dezember 1931 schrieb. Sogar in London und New York zog er wie ein Magnet. Überall dort sah man die Motzstrasse, denn die Jungenbande, die den Dieb Grundeis jagt, verfolgt ihn durch diese Strasse, bis er am Nollendorfplatz in einem Hotel verschwindet. Dessen Vorbild war vermutlich das Hotel Koschel, heute Hotel Sachsenhof, wo neben dem Maler Oskar Kokoschka vor allem Else Lasker-Schüler logierte, nämlich mit ein paar Unterbrechungen vom Juli 1918 bis April 1933, als die jüdische Lyrikerin, die auf offener Straße von SA-Schlägern attackiert worden war, emigrierte. Über die Schweiz gelangte die "Psalmistin der deutschen Avantgarde", wie Walter Mehring sie nannte, nach Palästina und starb 1945 in Jerusalem. Viel später, 1996, hat Berlin sich entschlossen, den östlichen Teil der Motzstraße, den Teil zwischen Nollendorfplatz und Kurfürstenstraße, der zwischendurch Mackensenstraße hieß, in Else-Lasker-Schüler-Straße umzubenennen.

Die andere Seite der Geschichte, die man im Emil-Film noch nicht sah, ist überall in der Strasse präsent - auf den selten beachteten Gedenktafeln, wie der für die Schwulen und Lesben, ein Dreieck, angebracht am U-Bahnhof Nollendorfplatz. In rosa Stein gemeißelt liest man: "Totgeschlagen. Totgeschwiegen. Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus". Wie ein Strom aus Blech trennt die vierspurige Martin-Luther-Strasse den Homo- vom Heteroteil der Motzstrasse, wo Kästner und Wilder sich trafen. Dort wuchs damals ein Mädchen auf, das acht Jahre war, als "Emil" in die Kinos kam. Liane Berkowitz, Tochter eines russischen Kapellmeisters, schloss sich als Abiturientin der "Roten Kapelle" an, wurde 1942 von der Gestapo verhaftet und im August 1943 in Plötzensee hingerichtet. In der Haft bekam sie eine Tochter, die in einem NS-Heim ihr Leben verlor. Jetzt tobt in der Straße jeden Juni das schwul-lesbische Straßenfest - der beste Triumph über die Täter von damals.

Vorboten des NS-Regimes hatte es auch in der Motzstrasse gegeben. In Nummer 22 residierte von 1918 bis 1933 der jungkonservative Kreis um Alexander von Gleichen-Rußwurm und Arthur Moeller van den Bruck, Leiter den Juniklubs, ein Debattenzirkel, der sich aus Protest gegen den Versailler Vertrag und aus Skepsis gegen die Weimarer Republik gegründet hatte, allein Männern vorbehalten war und die völkisch-nationalistische Zeitschrift "Gewissen" herausgab, deren Redaktion unter derselben Motzstrassen-Adresse ansässig war. Im Februar 1921 stattet Thomas Mann dem Zirkel einen Besuch ab: "12 Uhr Frühstück in der Motzstrasse im Kreise der Leute vom `Gewissen`", notierte er in sein Tagebuch. Doch der Schriftsteller, eine Zeitlang Abonnent des " Gewissen", fiel dort wegen seiner Demokratiefreundlichkeit in Ungnade, die Zeitschrift vermeldete das am 23. Oktober 1922 unter der ironischen Kopfzeile " Mann über Bord". Im selben Jahr war Hitler Gastredner bei den Jungkonservativen, überzeugte jedoch angeblich nicht alle Anwesenden.

Ob der Klub Kontakte hatte zur Motzstrasse 17, dem Hauptquartier von Steiners anthroposophischen Logen? Das wissen sie auch im feinen "Café Steiner" nicht, am historischen Ort von anglophilen Schweizern betrieben. What a strange street! Thomas Mann setzte dem Milieu, dessen Anfänge er damals in Berlin mitbekam, in seinem Roman "Doktor Faustus" ein schonungsloses Denkmal, auch ein Gleichen-Rußwurm kommt darin vor, der Vetter des Berliners.

Bald nach Thomas Mann war ein weiterer großer Literat in Berührung mit der Motzstrasse gekommen. Ab September 1924 war das heutige Haus Nummer 64 - damals Nummer 31 - ein Jahr lang die Adresse von Vladimir Nabokov. Über die Majorswitwe Lepel, von der das Ehepaar Nabokov zwei Zimmer mietete, erklärte er, die könne selber gut einen Major abgeben, bei einem Schmetterlingsladen in der Motzstrasse ließ Nabokov, der passionierte Schmetterlingsforscher, eine seltene Motte präparieren, die er in Charlottenburg in einer Holztruhe entdeckt hatte. Heute lernen Leute in dem Gebäude mit der abgebeizten, hölzernen Jugendstiltür Yoga oder sie besuchen dort Ärzte, Anwälte, eine Plakette für Nabokov trägt das Haus nicht.

Alfred Döblin, der Autor von " Berlin Alexanderplatz", traf sich um 1925 herum in Cafés in der Motzstrasse mit Intellektuellen wie Ernst Bloch, Bertolt Brecht und Johannes R. Becher. Aus Amerika war 1929 der Geschichtsstudent Shepard Stone nach Berlin gekommen, und fand dort ein möbliertes Zimmer in der Motzstrasse 63, bei einem Arztehepaar, Dr. med. Julius Lewin und Frau. Stone kehrte 1933 zurück in die USA, arbeitet für die New York Times und war 1944 unter den ersten US-Soldaten, die in der Normandie landeten. Gleich nach dem Krieg beriet er die US-Besatzer beim Aufbau der freien Presse in der Bundesrepublik, ging dann zurück zur New York Times und kam 1974 noch einmal nach Berlin, wo er das Aspen Institut gründete. Seine deutschen Gasteltern aus der Motzstrasse hat er nie vergessen. Als er 1984 Ehrenbürger von Berlin wurde, erwähnte er sie in seiner Rede. Sie waren, sagte er, "jüdisch, stolz auf Deutschland und konnten sich nicht vorstellen, dass Hitler in dem Land von Goethe und Schiller je an die Macht kommen würde."

"Liebste Berolina!" hatte Kurt Tucholsky seine Glosse "Motzstrasse 38" beendet: "Stell dich wieder auf die Beine. Es sieht besser aus." Berlin musste erst in Trümmern liegen, um wieder auf die Füße zu kommen. Man hört hier heute auch wieder viel Russisch, besonders in der Motzstraße, allerdings weniger von Schriftstellern, als von Wirten, Kellnern und ziemlich interessant geschminkten Damen. Manche meinen vielleicht, der Zufall habe sie hierher gebracht. Der glaubt das selber nicht. Selbst wenn Katja Veselinova, die unlängst im Haus Nummer 52, ihr buntes Kindercafé eröffnet hat, nichtmal ahnte, dass Landsleute wie Nabokov hier waren, gehört die Russin doch in die Tradition gerade dieser Straße. Vollends ausgestorben sind hier nur die preußischen Militärs. Wenn in der Motzstrasse Militarylook getragen wird, dann von schwulen Subgruppen, die solches Outfit hier erwerben.

Auch die jüngere Geschichte hat in der Motzstraße herumgespukt. Mitte Mai 1978, drei Jahre, ehe Susanne Twardawa das "motzbuch" aufmachte, mietete ein Mitglied der "Bewegung 2. Juni" in der Motzstrasse 8 eine konspirative Wohnung an. Als der Mann gefasst war fand man in seiner Bleibe unter anderem einen Perückenkatalog und einen falschen Oberlippenbart - schade, dass kein Tucholsky da war, das zu kommentieren.

Heute leben übrigens Füchse hier. Stadtfüchse. Nachts schnüren sie über die Straße, unbeeindruckt von den Gästen an den Restauranttischen auf dem Trottoir. Wäre doch schön, sagt eine Freundin, wenn die Füchse die Wiedergänger der Bohèmiens und Künstler wären, die hier zu Hause waren.

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