Gisèle Freunds Briefe aus dem zerstörten Berlin : Wie von einem Friedhofsbesuch heimgekommen

Vier Briefe hat Gisèle Freund in der Nachkriegszeit an ihren Bruder Hans aus dem zerstörten Berlin geschrieben - ihrer Heimatstadt, in die sie nach ihrer Vertreibung aus Deutschland durch die Nazis eigentlich nie wieder zurückkehren wollte.

Christina Tilmann
Freund
Wiederaufbau Berlin: Arbeiter bei der Pause, 1957 -Foto: promo

„Noch nie gesehen“ lautet das Motto des 3. Monats der Fotografie in Berlin. Das gilt ganz bestimmt nicht für die Bilder der Fotografin Gisèle Freund. Ihre legendären Porträts europäischer Intellektueller des 20. Jahrhunderts oder die Berlin-Reportagen aus den 50ern, diese eindrucksvollen Zeugnisse einer Stadt im Wiederaufbau, mit Hansaviertel, Kongresshalle und Karl Marx-Allee, aber auch Trümmerbergen, Mauerbau und hungrigen Menschen, die sich an den Süßwaren-Schaufenstern die Nasen plattdrücken: All das ist wohlbekannt und oft gesehen.

Und doch: das Motto trifft zu. Das Stadtmuseum kann mit einer ganz außergewöhnlichen Entdeckung aufwarten. Vor einer Woche tauchten, als Leihgabe von Gisèles Neffe Anthony Friend, vier Briefe auf, die Gisèle aus Berlin an ihren Bruder Hans geschrieben hat, fein säuberlich mit Schreibmaschine, in jenem besonderen Sprachgemisch aus Berliner Schnauze, französischer Eleganz und englischer Weltläufigkeit, das diese begnadete Erzählerin auszeichnete. Doch so gern sie immer erzählt hat, über ihre Zeit in Paris, die Begegnung mit James Joyce und Adrienne Monnier, Jean Cocteau, Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir, oder über die Studienzeit in Frankfurt, die Begegnung mit Adorno und Horkheimer und die Proteste gegen die Nationalsozialisten, die zur überstürzten Flucht nach Paris führten – über die erste Rückkehr nach Berlin hat Gisèle Freund nicht viel gesprochen. Sie hat sich, bis in die Neunziger, als ihr Ruhm längst auch nach Deutschland gedrungen war und Berlin sie mit Ausstellungen und Ehrungen bedachte, schwer damit getan, in ihre Heimatstadt zurückzukommen.

So sind diese Briefe tatsächlich ein Fund, der ein Hauptthema im Leben Gisèle Freunds beleuchtet. Zu den Fotos lesen sie sich wie ein Kommentar. „Berlins Styl ist ein unbeschreibliches Gemisch von falschem Nürnberger Styl von 1900, übriggebliebenen Häusern und diesem neuen (für mich grässlich unpersönlichen) Styl. Alles wüst durcheinander mit unglaublichen Leeren überall“, schreibt sie, und fotografiert das Hansaviertel, die leergeräumten Grundstücke rund um die Gedächtniskirche, die Trümmerberge. Und sie berichtet von einer U-Bahn- Fahrt in den Ostteil der Stadt: „Wenn man in den Ostsektor fährt, verstummen die Gespräche, man kommt heraus und alle Zeitungen sind anders, die Fahnen, die Geschäfte so armselig.“ Und: „Die Leute sehen so vergrämt und schäbig aus und so unendlich misstrauisch.“ Und man hat das Bild der Ostberliner Hausfrauen vor Augen, die vor einem Obstladen die Preise vergleichen.

Doch das Berlin-Bild bleibt fragmentarisch. Gerade das, was sie am meisten betroffen hat, die zerstörten Stätten der Kindheit, die privaten Erinnerungsorte, hat Gisèle Freund nicht fotografiert. Aber sie hat es beschrieben. Sie habe die Stätten ihrer Kindheit wieder aufgesucht, berichtet sie im September 1957 ihrem Bruder Hans: das Bayerische Viertel, die Haberlandstraße, wo ihr Elternhaus stand, den Volkspark Schöneberg: „Aber man erkannte nichts wieder.“ Gerade einmal die runden Einfassungsmauern des Brunnens vor ihrem Haus waren stehen geblieben, sonst hätte sie den Platz nicht erkannt: „Alles war verschwunden, sogar der Stadtlärm.“ Und weiter geht sie, von Haus zu Haus, bei dem einen stehen noch die Fassaden, bei der Schule noch das Portal, und dort, wo das Haus ihres Großvaters, der glücklichen Kindheitstage war, wächst nur noch Gras. Abends, zurück im modernen Hotel im Hansaviertel, fügt sie hinzu: „Es war, als wäre ich von einem Friedhofsbesuch heimgekommen. Irgendwie war mir doch grauslich zumute.“

Noch grauslicher jedoch ist eine Episode, die sie in einem anderen Brief ausführlich schildert. Sie hatte sich aufgemacht nach Spandau, zur Schwester ihrer Tante Gretel, und war nicht gerade begeistert empfangen worden. Man sitzt auf dem Sofa und trinkt Liebfrauenmilch, und Gisèle fragt, wie es denn gehe und wie man den Krieg überstanden habe. Sie seien evakuiert worden, der Kinder wegen, gibt Ellie zur Antwort, und zwar in die Lüneburger Heide. Da habe man vier Kilometer von einem KZ entfernt gewohnt. Gisèle Freund, die Jüdin, hakt nach: Das war Belsen, oder? Und nach Kriegsende, habe Ellie die KZ-Insasssen da gesehen? – Ja, das seien Polen gewesen. – Auch Juden? – Nein, Polen. Mehr ist nicht herauszubekommen, außer, dass diese „Polen“ sich sofort über das Essen hergemacht hätten, und einen Anzug gefordert, und Ellie hätte Angst gehabt sich zu wehren und davor, dass die Engländer einen umbringen. Keine Reue, keine Einsicht, kein Mitleid. Der Mann habe als Arzt im KZ gearbeitet, kommt noch heraus. Wie es Gisèle ergangen ist, das fragt keiner. Über den Brief, in dem sie diese bezeichnende Diskussion dialoghaft wiedergegeben hat, schreibt sie eine Notiz an ihren Bruder: „Bitte, zeige diesen Brief nicht Gretel. Ich möchte ihr nicht wehtun. Egoistische, dumme Menschen gibt es überall auf der Welt. Berlin hat viele Seiten.“

Vier Briefe nur – und vieles sieht anders aus. Gisèle Freunds Nachlass ist immer noch nicht erschlossen, lagert offenbar in Pappkartons in der Garage ihrer früheren Sekretärin, Angehörige bemühen sich bislang vergeblich um Einsicht. Man mag sich gar nicht ausdenken, was da noch für Schätze liegen. Was wissen wir wirklich von Gisèle Freund?

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