Helen Hessel : Wer nicht liebt, ist ein Monstrum

Bislang war Helen Hessel vor allem als Ehefrau des Berliner Schriftstellers Franz Hessel und als Vorbild für die Catherine in François Truffauts Film "Jules und Jim" bekannt. Dass sie auch eine große Autorin war, virtuos in ihrem Sprachwitz, beweist der Sammelband „Ich schreibe aus Paris“.

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Helen Hessel: "Ich schreibe aus Paris. Über die Mode, das Leben und die Liebe"
Mehr als Ehefrau und Geliebte: Helen Hessel war mit Franz Hessel verheiratet, dem Berliner Schriftsteller und Flaneur. Und hat...Foto: promo

Déjeuner im Speisewagen des Schnellzugs Köln–Paris. Serviert werden „vielfarbige Hors d’œuvres“, auf krümeligem Tischtuch steht das blaue, zerstoßene Service. Kellner entkorken Weinflaschen. Die Eleganz hat unübersehbar Gebrauchsspuren. „Mein Gegenüber ist das weitgespannte Rückenblatt einer Brüsseler Zeitung und eine Anzahl sauberer Finger“, schreibt Helen Hessel. Später zeigt sich ein „deutlich romanisches Gesicht“, der Belgier mit den sauberen Fingern schenkt Kaffee ein und klagt, in Berlin die trostloseste Zeit seines Lebens verbracht zu haben. „Kennen Sie es, Madame?“, fragt er. Die Antwort: „Es ist mein Geburtsort, meine Heimat, ich liebe es.“ Im Abteil von Madame sitzen russische Damen und ein junger Uniformierter. Nach und nach besiegt sein Soldatengeruch die Parfüms.

Der „Pariser Bilderbogen“ erschien 1924 in der linksliberalen Berliner Kulturzeitschrift „Das Tage-Buch“, die 1933 eingestellt werden musste. Der Geruch des Krieges war sechs Jahre nach dem Versailler Vertrag noch nicht verflogen. Helen Hessel, 1886 in Berlin geboren, ist heute vor allem als Ehefrau des Schriftstellers Franz Hessel und als Vorbild für die Heldin des Romans „Jules et Jim“ ihres französischen Geliebten Henri-Pierre Roché bekannt, der von Truffaut verfilmt wurde. Ihr Sohn Stéphane Hessel eroberte noch im Alter von 93 Jahren mit seinem Pamphlet „Empört Euch!“ die Bestsellerlisten. Dass auch Helen eine große Autorin war, virtuos in ihrem Sprachwitz, beweist jetzt der liebevoll ausgestattete, mit vielen zeitgenössischen Fotos versehene Sammelband „Ich schreibe aus Paris“, der mehr als achtzig ihrer Texte aus den Jahren 1921 bis 1938 enthält. Nachwortautor Manfred Flügge nennt Hessel eine „kecke Autorin“ und „ins Leben Verliebte“, eine „(verbale) Giftmischerin“.

In der Lindauer Straße 8 im Bayerischen Viertel wurde im April 2013 diese Gedenktafel für Franz Hessel enthüllt - mit einem durchaus politischen Statement des Flaneurs, das der Hessel-Biograf und -Herausgeber Manfred Flügge sich auch als Bemerkung zu einem Aufmarsch von Flüchtlingshassern heute vorstellen könnte. Flügge war auch Mitinitiator der Gedenkplakette. Franz Hessel starb an den Folgen einer zweimonatigen Lagerhaft in Frankreich, nachdem er, von den Nazis als Jude verfemt, sich spät zum Gang ins Exil entschlossen hatte.
In der Lindauer Straße 8 im Bayerischen Viertel wurde im April 2013 diese Gedenktafel für Franz Hessel enthüllt - mit einem...Foto: Wikipedia/OFTW

Ihre besten Feuilletons, Reportagen und Glossen sind staunend verfasste Hymnen auf Urbanität und Beschleunigung, bei denen auch die Sprache in Bewegung gerät. „Das Glück der Straße“ heißt ein mitreißendes Vier-Seiten-Paris-Porträt, bei dem die Autorin im Taxi über den „provinzialen“ Boulevard Saint Germain ins Zentrum gleitet, vorbei an der „gelben Vielfältigkeit“ von Schaufensterbüchern und der „opalfarbenen Weite“ der Seine zur Oper mit der „weißen Reihe der Büsten“ und einer „jauchzenden Engelgruppe“ in ihrer Fassade. „Napoléon III.“, sagt entschuldigend ihr Begleiter. Ein Besuch im Modegeschäft endet mit sehnsüchtigen Worten: „Draußen eilt der Kreislauf der Autos, Benzingewölk streichelt geleertes Pflaster.“

Die Technik des Berlin-Flaneurs Franz Hessel verstärkt

Die Technik, sich den Charakter einer Stadt in ambulanter Anschauung zu erschließen, hatte Helen von Franz Hessel übernommen, dem großen Berlin-Flaneur. Allerdings streunt ihr Blick stärker umher, die Wahrnehmung ist sprunghafter. Manche Texte wirken ungerichtet. Ihre journalistische Karriere beginnt sie mit Aphorismen wie „Wer nicht liebt, ist ein Monstrum“, auch später finden sich in ihren Artikeln hinreißende Sentenzen. „Auch die Paare sind ernst vor Inbrunst“, schreibt sie über eine Nacht in einem Tanzlokal am Boulevard Rochechouart. Helen Hessel, die sich den Rollenbildern ihrer Zeit entzieht, lässt sich 1935 pro forma von ihrem jüdischen Mann scheiden, um weiter als Modejournalistin für deutsche Blätter arbeiten zu können. In der Lindauer Straße 8 im Bayerischen Viertel war sie, wie Manfred Flügge herausgefunden hat, auch weiterhin mit Franz Hessel gemeldet.

Der Schriftsteller Franz Hessel.
Franz Hessel (1880 - 1941)Foto: Sammlung M. Flügge

Helen und Franz hatten sich 1912 beim Studium in Paris kennen gelernt. 1921 waren sie schon einmal geschieden worden, damit Helen mit ihrem Geliebten Henri-Pierre Roché zusammenleben konnte. Doch bereits 1922 hatten sie einander zum zweiten Mal geheiratet. Die offizielle Trennung von 1935 diente allein dem Zweck, das Familieneinkommen zu sichern. Franz Hessel hatte in Deutschland als Autor jede Verdienstmöglichkeit verloren. Inoffiziell lebten Helen und Franz Hessel bis zu dessen Tod 1941 als Paar zusammen. „Die Mode ist eine Waffe im Kampf der Geschlechter“, lautete sehr emanzipiert Helen Hessels Maxime.

Helen Hessel: Ich schreibe aus Paris. Über die Mode, das Leben und die Liebe. Herausgegeben von Mila Ganeva. Nimbus Verlag, Wädenswil am Zürichsee 2014. 380 Seiten, 32 €.

Franz Hessel lebte von 1933 bis 1936 in der Lindauer Straße 8 im Bayerischen Viertel (siehe Gedenktafel oben). Der Kiezblog Bayerisches Viertel, der hier zu finden ist, befasst sich mit der literarischen Historie dieser Gegend. Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren Kiezblog zum Bayerischen ViertelThemenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite (leider derzeit noch nicht auf unserer mobilen Seite) oder per Email an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de. Zum Twitterfeed über das Bayerische Viertel geht es hier. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #BayerischesViertel.

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