Henning Ritter : Der Gedanke im Heuhaufen

Er war ein Philosoph im Feuilleton und ein Stilist von Gnaden. Mit Henning Ritter ist ein Publizist der alten geisteswissenschaftlichen Schule gestorben. Zuletzt war er in Berlin tätig - und moderierte einen Salon im Bayerischen Viertel.

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Mit Rousseau und Montesquieu im Bunde. Henning Ritter.
Mit Rousseau und Montesquieu im Bunde. Henning Ritter.Foto: Isolde Ohlbaum

An einer der wenigen Stellen seiner „Notizhefte“ mit offenem Bekenntnischarakter heißt es: „Ich bin jemand, der zögert und beiseite tritt.“ Vielleicht war aber sogar das für Henning Ritter weniger confession nach ausgedehnter Selbstbefragung als vielmehr Programm. Denn bei aller habituellen Bescheidenheit steckte in seinem Zögern ein zutiefst philosophischer Zweifel – und in seinem Beiseitetreten das Wissen um das Übermaß des schon Gedachten.

Die Scheu, mit Erkenntnissen aufzuwarten, die andere womöglich längst prägnanter formuliert hatten, führte ihn zur einer theoretischen Vorratshaltung, die Fundstück auf Fundstück häufte. In Zeiten der Bedürftigkeit, glaubte er, werde er darauf zurückgreifen können und Eigenes entwickeln. Die Beobachtungssplitter und Zitatbestände aber wuchsen und wuchsen. Eine endlose Vorläufigkeit machte sich breit, und während die Sicherheit, mit der er durch die Wissensmeere navigierte, immer weiter zunahm, stieg zugleich die Unsicherheit, jemals ein Ufer zu erreichen. „Das Schwerste: zu sagen, was man denkt“, heißt es in einem weiteren Eintrag der „Notizhefte“, der das Ich, das sich damit hätte meinen können, sofort wieder ins objektivierende Man verschiebt.

Eine Gelehrtenexistenz, wie sie heute nicht mehr möglich wäre

Henning Ritter, 1943 im schlesischen Seiffersdorf geboren, führte eine Gelehrtenexistenz, wie sie heute nicht mehr möglich wäre: verborgen hinter den Büchern seiner Helden, insbesondere den Aufklärern des 18. Jahrhunderts, und in der Gesellschaft seiner „Notizhefte“, die ursprünglich nie zur Publikation vorgesehen waren, 2011 aber mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden. Öffentlich in seiner 25 Jahre währenden Rolle als Begründer und verantwortlicher Redakteur der Geisteswissenschaften in der „FAZ“ von 1985 an.

Die Prosa seiner Feuilletons und Essays war stets von makelloser lateinischer Klarheit und Gedankenschärfe - was ihrem Autor durch den Alleinjuror Michael Krüger auch den Ludwig-Börne-Preis eintrug. Wenn ihr etwas fehlte, so war es höchstens journalistisches Temperament. Erregbarkeit, auch jenseits einer medialen Hysterie, die sich gerne mit Geistesgegenwart verwechselt, war für ihn keine Tugend. Aus dem, was um ihn herum in den Achtzigerjahren zum Debattenfeuilleton wurde, hielt er sich heraus. Der Umwegskommentar war ihm lieber als die direkte Polemik. Seine Gelassenheit machte ihn aber auch nahbar. Verglichen mit dem strebsamen Klosterschülertypus, den das Blatt lange reproduzierte, besaß er eine selten freundliche Verbindlichkeit. Ohne jeden Dünkel widmete er sich auch Praktikanten.

Carl Schmitt als wichtiger Gesprächspartner

Als Sohn des Münsteraner Philosophiehistorikers Joachim Ritter kam Henning Ritter früh mit einem geistigen Fluidum in Kontakt, das sich in vielfältigen Kontakten materialisierte. Der brillante Staatsrechtler Carl Schmitt, als Kronjurist des NS-Regimes nach dem Krieg isoliert, wurde für den 20-Jährigen zum wichtigen Gesprächspartner und, wie er sagte, „väterlichen Freund“. Die politische Verfehlung konnte er vorübergehend ignorieren, so, wie sie später, als er an der Freien Universität Berlin Philosophie, Kunstgeschichte und Klassische Philologie studierte, auch der jüdische Hermeneutiker Jacob Taubes ignorieren konnte, der Henning Ritter zu seinem Tutor machte.

Auch der nachtaktive Hans Blumenberg, der den „FAZ"-Redakteur regelmäßig mit langen Telefonaten aus dem Schlaf schreckte, gehört in diesen Kreis: Als katholisch getaufter Jude hatte auch er eigentlich allen Grund, Schmitt auf Distanz zu halten. Die intellektuellen Anziehungskräfte dieser Verbindungen lassen sich rekonstruieren, und Ritter hat das mit lebendigen Erinnerungen („Verehrte Denker“) auch getan. Zumindest öffentlich hat er aber nie Auskunft über sein Verhältnis zum anpassungsfreudigen Vater gegeben, der vor 1933 in erster Ehe mit einer Jüdin verheiratet war und den Marxisten gab, dann aber die Zeichen der Zeit erkannte und sich Hitler in die Arme warf, was ihm nach dem Krieg niemand zu verübeln schien. Warum Henning Ritter also kein wütender Linker wurde, sondern ein Liberalkonservativer, dem alles zuwider war, was politisch wie ideengeschichtlich auch nur nach Revolution roch, ist biografisch noch zu klären. Gerade deshalb oder weil es ihm auch da an Erregbarkeit fehlte? Bis zuletzt blieb er noble alte Schule: unwillig, modisch kulturwissenschaftliche Sperenzchen mitzumachen und allergisch gegen sämtliche Theorien, die das Präfix Post- im Namen führen.

In Berlin wollte er seine neue Freiheit nutzen

In den Siebzigerjahren arbeitete er zunächst als Lektor für Hanser, übersetzte und edierte eine zweibändige Werkausgabe von Rousseau und betreute eine maßgebliche Wissenschaftsreihe bei UIlstein. Zu „FAZ“-Zeiten ließen ihm die Redaktionsgeschäfte kaum Muße für eigenständige Buchprojekte. 2005 entstand etwa mit „Nahes und fernes Unglück“ ein „Versuch über das Mitleid“. In Berlin jedoch, wohin er nach seiner Pensionierung gezogen war, wollte er seine neue Freiheit nutzen. Die Aufmerksamkeit, die er mit seinen „Notizheften“ fand, bestärkte den an Parkinson Erkrankten noch einmal darin. Im Bayerischen Viertel moderierte er im Salon von Christiane und Lothar Pues zuletzt eine Gesprächsreihe, zu der von Peter Sloterdijk bis zu Meinhard Miegel viele Intellektuelle eingeladen waren. Zuletzt erschien im Frühjahr noch ein „Versuch über die Grausamkeit“ unter dem Titel „Die Schreie der Verwundeten“. Alle anderen geplanten Manuskripte werden nun Fragment bleiben. Am vergangenen Sonntag ist Henning Ritter mit 69 Jahren gestorben.

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