Holocaust-Gedenken im Bayerischen Viertel : Eine Mauer gegen das Vergessen

Die Schüler der Löcknitz-Grundschule haben ein eigenes Denkmal errichtet, um an die ermordeten Juden aus ihrem Kiez zu erinnern. Mark Belkin (14) schreibt hier über das Gedenkprojekt.

Mark Belkin
Schülerinnen und Schüler der Löcknitz-Grundschule verlesen die Namen ermordeter Juden.
Schülerinnen und Schüler der Löcknitz-Grundschule verlesen die Namen ermordeter Juden.Foto: Mark Belkin

Ben, der Schulsprecher, legt einen weiteren Stein auf das große Denkmal. Trotz Kälte und Regens verharren Kinder, Lehrer und Besucher und sehen aufmerksam zu. Auf diesem Stein steht die Zahl Sechsmillionen geschrieben. Ein Stein, stellvertretend für sechsmillionen ermordete Juden während des Holocaust. Jeder von ihnen hat ein besonderes und tragisches Schicksal, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Unter diesen Sechsmillionen befinden sich auch ehemalige Bewohner des Bayerischen Viertels in Berlin. Denn das Bayerische Viertel war vor dem  Zweiten Weltkrieg eines der Zentren jüdischen Lebens in Berlin und wurde auch „Jüdische Schweiz“ genannt. An dessen ermordete jüdische Bewohner wollten die Schülerinnen und Schüler der Löcknitz Grundschule erinnern und ihrer gedenken.

In Gruppen stellten sich die Kinder vor die Mauer und  begannen, Namen ermordeter Juden aus ihrem Viertel vorzulesen. „Richard Adam, Sigmund Herschberg, Bettie Israel...“ las eine Schülerin aus der 6. Klasse vor. Einer dieser Menschen hat vielleicht vor 70 Jahren mal in ihrer Straße gewohnt, vielleicht sogar im selben Haus. Heute haben viele dieser Menschen einen Platz in einem besonderen Denkmal. Einen Platz von vielen. Dadurch werden sie noch lange in Erinnerung bleiben. Diesen Platz  haben sie den Schülern und der Direktorin der Löcknitz Grundschule in Berlin zu verdanken.

Das selbst errichtete Denkmal.
Das selbst errichtete Denkmal.Foto: Mark Belkin

Der Pausenhof der Schule ist ein besonderer Ort, denn einst stand dort eine Synagoge. Sie überstand die Reichspogromnacht am 9. November 1938, wurde jedoch später bei Bombenangriffen beschädigt. Da nach dem Krieg kaum noch jüdische Bevölkerung im Bayerischen Viertel übrig blieb, verlor die Synagoge ihren Zweck und wurde 1956 abgerissen. Die Schüler wollten etwas Besonderes machen, um die ermordeten Menschen für lange Zeit in Erinnerung zu behalten. Und so starteten sie vor 20 Jahren ein einzigartiges Projekt.

Zu dieser Zeit hat das Heimatmuseum Schöneberg eine Liste mit den Namen von über 6000 ermordeten Juden aus dem Bayerischen Kiez zusammengetragen und veröffentlicht. Die Schüler haben sich intensiv mit den Listen auseinandergesetzt. Sie suchten Menschen, zu denen sie einen besonderen Bezug hatten, ganz gleich ob sie denselben Vornamen hatten oder in derselben Straße oder im gleichen Haus lebten. Ihnen kam die Idee, einige diese Menschen in einem Denkmal zu verewigen. Sie nahmen Ziegelsteine, die in ihrem Hof lagen und fingen an eine kleine Mauer zu errichten, wobei sie die Namen auf die Steine schrieben. Das Mauerdenkmal wurde von Jahr zu Jahr größer, 2012 wurde dann der 1000. Stein verlegt. Heute umfasst das wachsende „lebendige“ Denkmal 1097 Steine. Selbst einige Stadtführungen führen heute an der Mauer vorbei.

Denkmal für die abgerissene Synagoge.
Denkmal für die abgerissene Synagoge.Foto: Mark Belkin

Am 27. Januar 2015, genau 70 Jahre nach der Befreiung der Gefangenen aus dem Konzentrationslager Auschwitz, fand in der Löcknitz Grundschule eine Gedenkveranstaltung statt. Es versammelten sich Schüler, Lehrer und Besucher. Unter den Besuchern war auch eine Zeitzeugin, Judith Blumenhein. Ihr Vater wurde gefangen genommen und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, flüchtete, wurde jedoch entdeckt und schon 1939 ermordet. Auch waren Vertreter der Obermayer Foundation anwesend. Diese Stiftung zeichnet Deutsche aus, die eine besondere Leistung zur Geschichte und Kultur ihrer Gemeinde beigetragen haben. Die Veranstaltung begann mit einem Lied über die Kinderoper Brundibár. Diese wurde während des Krieges im Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt und trug dazu bei dass viele Gefangene überlebten, da sie wegen der erfolgreichen Aufführungen nicht in Vernichtungslager deportiert wurden.

Der Koffer eines nach Auschwitz Deportierten.
Der Koffer eines nach Auschwitz Deportierten.Foto: Mark Belkin

Anschließend wurde das Kofferprojekt vorgestellt. Die Schulleiterin, Christa Niclasen fand einst einen Koffer bei dem Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz und brachte ihn ihren Schülern. Während des Krieges mussten viele Menschen ihre Heimat überstürzt verlassen. Sie durften maximal 20 Kilogramm Gepäck mitnehmen und mussten zu Fuß zum nächsten  Bahnhof laufen, wo sie deportiert wurden. Das stellten die Schüler nach, indem sie den Koffer mit Büchern beluden und sich zu Fuß auf den langen Weg zum Bahnhof Grunewald machten. Später lasen die Kinder die Namen der Menschen vor, die einen Platz in dem Mauerdenkmal haben. „Beeindruckend“ fand es einer der anwesenden Gewinner der Obermayer German-Jewish History Awards, Jörg Kaps.

Die Gedenkmauer ist noch lange nicht fertig. Denn die Schüler haben ein großes Interesse an dem Projekt und wollen es fortführen. Und so wächst die Mauer jedes Jahr wenn die Schüler weitere beschriftete Ziegelsteine hinzufügen. „Das Projekt läuft nur so lange die Kinder es  wollen“ sagte die Schulleiterin Niclasen. Die Gedenkmauer hat bereits viel Anerkennung bekommen. Durch den bundesweiten Wettbewerb Demokratisches handeln, durch die Projektplattform Respekt Gewinnen und durch den internationalen Obermayer German-Jewish History Award. Eigentlich müssten die Fünft- und Sechstklässler das Thema Nationalsozialismus erst in der 9. Klasse behandeln. Doch wegen der besonderen Geschichte der Schule, gebaut auf der ehemaligen Synagoge, wissen sie schon jetzt viel darüber. „Natürlich ist das Thema schwer, doch die Kinder gehen gut damit um und zeigen auch Interesse daran“, sagte die Schulleiterin.

Das Denkmal ist eine besondere Form mit dem damaligen Grauen umzugehen und bietet den Opfern eine Stelle, wo sie für lange Zeit in Erinnerung behalten werden.

Diesen Beitrag hat Mark Belkin (14), derzeit Schülerpraktikant beim Tagesspiegel und insbesondere beim Kiezblog Bayerisches Viertel verfasst.

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