Holocaust-Gedenken : Stein für Stein gegen das Vergessen

Schüler der Löcknitz-Grundschule im Bayerischen Viertel gestalten seit 17 Jahren eine Gedenkmauer auf ihrem Pausenhof. Sie wollen damit an ermordete jüdische Bürger erinnern. Dafür wurde die Schule mit einem Förderpreis für demokratisches Handeln ausgezeichnet

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Nils hat den 900. Stein niedergelegt - für seinen Urgroßvater Hugo Cohn. Lara-Christin legte zwei Steine: einen für eine Frau, die denselben Vornamen trug wie Lara-Christins beste Freundin, und einen für den Komponisten Hans Krása.
Nils hat den 900. Stein niedergelegt - für seinen Urgroßvater Hugo Cohn. Lara-Christin legte zwei Steine: einen für eine Frau, die...Foto: Georg Moritz

Ganz still ist es im Pausenhof der Löcknitz-Grundschule, als Nils ans Mikrofon tritt. „Ich widme diesen Stein Hugo Cohn“, sagt er, geht zum Ende der Mauer und legt seinen Stein darauf. Auf den hellbraunen Ziegelstein hat Nils mit Edding „Hugo Cohn“ geschrieben, außerdem den Geburtstag und den Tag, an dem Hugo Cohn in Auschwitz für tot erklärt wurde. Es ist der 900. Stein, der an diesem Ort an einen von den Nationalsozialisten ermordeten Juden erinnert. Wie seine Mitschüler nennt auch Nils den Grund dafür, warum er Hugo Cohn ausgewählt hat. „Weil er mein Urgroßvater war“, sagt der Sechstklässler. Die Gäste – darunter Bildungssenator Jürgen Zöllner, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Lala Süsskind, und Vertreter der israelischen Botschaft – schlucken.

Die Zeremonie am Schuljahresende ist jedes Jahr der Höhepunkt des Gedenkprojektes der Grundschule im Bayerischen Viertel in Schöneberg. Seit 17 Jahren erinnern jeweils die 6. Klassen an jüdische Bürger, die von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet worden sind. Gestartet hatte das Projekt im Schuljahr 1994/95 die damalige Klasse 6b. Das Heimatmuseum Schöneberg hatte damals die Namen von mehr als 6000 Juden aus dem Bayerischen Viertel zusammengetragen und veröffentlicht. Die Schüler besuchten das Museum und suchten in den Listen nach persönlichen Bezügen zu den Namen: Ist jemand dabei, der in meinem Haus wohnte? Am gleichen Tag Geburtstag hatte wie ich? Denselben Vornamen trug? So alt war wie ich, als er oder sie sterben musste?

Die Beschäftigung mit den Listen und den dahinterstehenden Schicksalen habe Schüler und Lehrer gleichermaßen berührt und gefesselt, erzählt Schulleiterin Christa Niclasen, eine der Initiatorinnen des Projektes. „Wir wollten mit diesem Material unbedingt etwas machen.“ Die Idee, Texte über einzelne Menschen zu schreiben, wurde schnell verworfen. „Das liest doch später keiner mehr“, hätten sie befürchtet. Zu dieser Zeit wurde auf dem Gelände der Grundschule gebaut, Ziegelsteine lagen herum. „Da haben wir uns gedacht: Wir bauen unser eigenes Denkmal.“ Im Juni 1995 legte die Klasse 6b die ersten 24 Steine.

Stadtführerin Gudrun Blankenburg zeigt die Gedenkmauer auf dem Schulhof.
Stadtführerin Gudrun Blankenburg zeigt die Gedenkmauer auf dem Schulhof.Foto: Thilo Rückeis

Seitdem ist die Mauer immer größer geworden, inzwischen steht sie auf dem Programm einiger Stadtführungen. In diesem Jahr gab es für das Projekt eine besondere Auszeichnung: Im Rahmen des bundesweiten Programms „Demokratisch Handeln“ unter der Schirmherrschaft der FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher war eine Delegation der Schule Ende Juni zur „Lernstatt Demokratie“ in die Akademie für politische Bildung nach Tutzing eingeladen. Die Jury lobte das „beispielhafte Engagement“ der Löcknitz-Schule gegen das Vergessen.

Von Jahr zu Jahr geben die Schüler das Erinnerungsprojekt an die nächste Klassenstufe weiter. „Vor einem Jahr, in der 5. Klasse, waren wir bei der Gedenksteinlegung der 6. Klassen dabei“, erzählt die elfjährige Nina. „Das war traurig und sehr schön, ich wollte das auch machen.“ In diesem Jahr war Nina in der 6. Klasse, ihre und die Parallelklassen führten das Projekt weiter. Am Ende des Schuljahres durfte Nina gemeinsam mit ihrem Schulfreund Paul nach Tutzing fahren und das Projekt dort den mehr als 50 anderen eingeladenen Gruppen aus ganz Deutschland präsentieren.

Die elfjährige Nina erinnert an Alfred Sawady. Er wohnte bei ihr im Nebenhaus.
Die elfjährige Nina erinnert an Alfred Sawady. Er wohnte bei ihr im Nebenhaus.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nina hat viel über die Geschichte gelernt, sie kennt Fakten und Details. So erfuhren sie und ihre Mitschüler im Geschichtsunterricht, wie Adolf Hitler an die Macht kam, erst Arbeitsplätze schaffte, später Krieg führte und Millionen Menschen ermorden ließ. „Wir haben zum Beispiel den Film ,Hitlerjunge Salomon‘ angeschaut“, sagt Nina. Im Heimatmuseum befassten sie sich mit den Listen der ermordeten Juden. „Die Listen waren nach Straßen sortiert, deshalb haben die meisten von uns zuerst nach jemandem aus der gleichen Straße gesucht“, sagt Nina. Sie hat den Namen von Alfred Sawady auf ihren Stein geschrieben – weil er im Nebenhaus wohnte.

Der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus widmet die Löcknitz-Grundschule 40 Unterrichtsstunden in der 6. Klasse. „Das Thema ist uns sehr wichtig“, sagt Rektorin Niclasen. Die Teilnahme an dem Erinnerungsprojekt ist aber freiwillig – niemand muss einen Gedenkstein legen, wenn er nicht möchte.

Auf dem Lehrplan steht der Nationalsozialismus in der Grundschule eigentlich noch nicht, das Thema ist nach Auskunft der Senatsbildungsverwaltung frühestens für die 9. Klasse vorgesehen. „In diesem Alter sind die Schüler dann schon reif und verstehen sehr viel“, sagt Diana Dressel, stellvertretende Leiterin der Bildungsabteilung des Jüdischen Museums. Mit ihren Kollegen diskutiere sie häufig, ob es sinnvoll sei, den Holocaust bereits mit Grundschülern zu besprechen. „Es kommt sehr auf die Kinder an“, sagt Dressel. „Manche haben einen persönlichen Bezug und wissen schon viel über das Thema.“ Dann sei es auch sinnvoll, das Wissen zu vertiefen – und vor allem, die Fragen der Kinder zu beantworten.

Die Schüler der Löcknitz-Grundschule haben schon wegen des Ortes, an dem ihre Schule steht, einen Bezug zur jüdischen Geschichte: Das Bayerische Viertel war vor dem Zweiten Weltkrieg eines der Zentren des jüdischen Lebens in Berlin; auf dem heutigen Schulgelände stand die Synagoge Münchener Straße 37, die im Krieg stark beschädigt und 1956 abgerissen wurde. Rund um die Synagoge lebten zu Beginn der 30er-Jahre etwa 16 000 Juden; viele von ihnen wurden ermordet. Das wissen auch viele Schüler – weil sie es täglich sehen. „Hier gibt es sehr viele Stolpersteine“, sagt Nina.

Am vorletzten Schultag haben Nina und ihre Mitschüler das Projekt an die 5. Klassen weitergegeben, gemeinsam mit der kürzlich vorbereiteten Bewerbung um die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“. Die Löcknitzschüler haben ihrer Schule ein Motto gegeben, es ist ein jüdisches Sprichwort und steht in großer Schrift auf der Wand im Eingangsbereich der Schule: „Menschen, die man vergisst, sterben ein zweites Mal.“

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Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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