Hundekot - ein existenzielles Thema : Fuck! Mist! Et merde alors!

Plötzlich lag es morgens da - ein Stück Pappe mit der Aufschrift "KACKE" auf einer Straße im Bayerischen Viertel, gleich vor der Haustür unserer Autorin. Beim Nachsinnen über Berliner Hundehaufen kamen Pascale Hugues existenzielle Deutungen in den Sinn.

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Zeichnung und Aufnäher zum Thema Hundekot in Berlin: Ein Berliner Bär tritt in einen Hundehaufen. Ein Hund kackt und genießt damit die Hauptstadt, Carpe Berlin!
Künstlerische Aufarbeitung eines existenziellen Berliner Themas, hier von Fons Hickmann und Carpe Berlin. Aber auch gern von...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Kürzlich lag auf dem Bürgersteig vor meiner Haustür ein rechteckig ausgeschnittenes Stück Pappe. Fünf mit Filzstift geschriebene Buchstaben, kein Ausrufezeichen. Man kann sie gut lesen, sie springen den Passanten in die Augen. Die ruhige und gleichmäßige Schrift verrät weder Zorn noch Gereiztheit, im Gegenteil: Sie stammt von jemandem, der sich ganz und gar im Recht fühlt und das der ganzen Welt kundtun will. Einer jener selbsternannten Mini-Don-Quijotes, die in den Straßen Berlins mit Windmühlen kämpfen.

Wenn ich morgens aus dem Haus trete, frage ich mich nach der Botschaft dieser überfallartigen unappetitlichen Schmähung. Zuerst fällt mir eine logische Interpretation ein: Da ist jemand in einen Hundehaufen getreten, ist fast hingefallen, hat eine Viertelstunde im Bad damit verbracht, die Rillen in den Schuhsohlen freizukratzen, hat getobt, gezetert. Ich stelle mir vor, wie er seine Pappe zurechtgeschnitten hat. Ich sehe ihn vor mir, wie er im Schutz der Dunkelheit die Hauswände entlang geschlichen ist und seine Botschaft behutsam auf dem Bürgersteig abgelegt hat.

So rächt er sich, anonym natürlich, also nicht gerade mutig, an dem Hundebesitzer, der nicht, wie für anständige Bürger vorgesehen, aus der Hosentasche das vorschriftsmäßige Plastiktütchen zieht, um den Haufen hinein zu befördern. Grund genug, in der Stadt nie, nie einen Hund zu halten. KACKE erinnert den Übeltäter an seine hygienischen Pflichten. KACKE lag eine ganze Woche auf dem Fußweg. Der qualitativ hervorragende Karton hielt dem schlechten Wetter stand. Platzregen, Windböen, stechende Sonne… Im Lauf der Tage wellte er sich nur ein wenig. Und so kamen mir existenzielle Deutungen in den Sinn.

Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Ist KACKE nicht viel mehr als eine Mahnung zur Hygiene? Ein Schrei der Verzweiflung, des Zorns? In der Skala der fäkalsprachlichen Beschimpfungen nimmt Kacke einen edleren Rang ein als das bei den Sprayern in meiner Straße ebenfalls sehr beliebte Scheiße. Wenn ich Kacke ins Französische übersetzen sollte, würde ich sagen: „Et merde, alors!“ Und dieses „alors“, dieses „so eine“, macht genau den Unterschied aus. Es gibt dem „merde“ etwas Schwung, katapultiert es hinaus. Als wenn es dem Desaster trotzt, ihm ordentlich eins hinter die Löffel gibt. Eine fette Rechnung im Briefkasten, ein Strafzettel hinter dem Scheibenwischer, Liebeskummer, eine Krankheit oder ganz einfach eine verpasste Verabredung oder ein abgebrochener Fingernagel… Kacke.

Mir gefällt es, dass man sich auf unseren Gehwegen austoben kann. Stellen Sie sich mal all die Wörter vor, die Sie ihnen anvertrauen könnten, um die Wut, die Frustration zu vertreiben, die uns sonst die Eingeweide zerreißen würde. Fuck! Mist! Et merde alors! Straßen und ganze Städte mit Schimpfwörtern beladen. Was für eine Befreiung! Und danach könnte der Frustrierte erleichtert zum Filzstift greifen und mit runden sinnlichen Buchstaben schreiben: „Ich liebe Dich!“ oder auch „Sonya und Dirk“, in einem zärtlichen Herz.

Bald darauf war KACKE dann plötzlich wieder verschwunden. Da war nur noch das zwischen zwei Pflastersteinen anarchisch hervor gesprossene Grasbüschel. Nach getaner Arbeit war Don Quijote leichten Schrittes nach Hause geeilt.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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