Im Café Haberland : Für Theaterstück über Luftangriffe: Japanische Schüler treffen Berliner Zeitzeugen

Eine japanische Schulklasse aus München plant, ein Theaterstück über Kinder im Zweiten Weltkrieg aufzuführen. Zur Vorbereitung kommen die Schüler ins Bayerische Viertel.

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Peter Hagen erzählt im Info-Café Haberland einer japanischen Schulklasse seine Geschichte, wie er als Kind den Krieg erlebt hat.
Peter Hagen erzählt im Info-Café Haberland einer japanischen Schulklasse seine Geschichte, wie er als Kind den Krieg erlebt hat.Foto: Robert Klages

Das Café Haberland am Bayerischen Platz ist gewöhnlich ein eher ruhiger, wenn auch gut besuchter Ort. Jetzt, an diesem Vormittag im Herbst, ist es erfüllt von Kinderlachen. Die sechste Klasse der Japanischen Schule München ist zu Besuch im „Info-Café“ über dem U-Bahnhof. Hier wollen sie etwas darüber lernen, wie deutsche Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebt haben.

An interaktiven Videostationen kann man im Info-Café die Geschichte des Bayerischen Viertels nacherleben. Mehr als 6000 Menschen wurden Opfer der Deportationen der Nationalsozialisten – das Viertel galt als Zentrum jüdischen Lebens: Mit 9,4 Prozent war der Anteil der jüdischen Bevölkerung hier fast doppelt so hoch wie anderswo in Berlin.

Die Japanische Schule hat für ihren Besuch einen Zeitzeugen eingeladen. Peter Hagen überlebte als Kind den Bombenangriff auf den U-Bahnhof Bayerischer Platz am 3. Februar 1945. Für den 82-Jährigen ist es eine Rückkehr an den Ort, an dem er Schreckliches erlebt hat. Für die Kinder aus Japan ist es eine Reise in eine fremde Vergangenheit. Schon oft haben sie von ihren Eltern die Geschichten zu den Bomben auf Nagasaki und Hiroshima 1945 erzählt bekommen. Dass es hier in ihrer „vorübergehenden Heimat“ auch Bombenangriffe gab, wussten viele der 11- bis 13-Jährigen nicht. Die Meisten von ihnen sind Kinder von Eltern, die bei japanischen Firmen in Deutschland arbeiten. Für ein bis drei Jahre gehen sie in Deutschland zur Schule, lernen die Sprache und natürlich auch etwas zur Geschichte. Bevor Herr Hagen erzählt, gibt es Flammkuchen und Apfelsaft.

Peter Hagen erzählt seine Geschichte vom Krieg

„Man muss den Kindern erzählen, was damals geschehen ist“, sagt Herr Hagen. Er kennt seine Geschichte aus dem Krieg auswendig und erzählt sie genauso, wie er sie schon einmal dem Tagesspiegel für die Sonderseiten „Bomben auf Berlin“ berichtet hat – Wort für Wort. Seine Ausführungen werden von den Sprachlehrern für die Kinder ins Japanische übersetzt. Die Worte „Hitler“, „Nazi“ und „Juden“ stechen heraus. Manche Wörter wie „Luftabwehr“ stellen die Übersetzer vor Schwierigkeiten. Die Kinder stoppen ihre Unterhaltungen und hören aufmerksam zu, wie Herr Hagen von 1945 erzählt. Damals war er in etwa so alt, wie die Kinder heute. Zusammen mit einem Klassenkamerad sollte er Brot holen. Auf dem Rückweg stoppte die U-Bahn aufgrund einer Vorwarnung am Bahnhof Bayerischer Platz. Dann fielen die Bomben – genau auf den U-Bahnhof. Zahlreiche Menschen starben.

Der 13-jährige Peter Hagen und sein Mitschüler überlebten, sie waren gänzlich von Staub bedeckt. An Toten und Verletzten vorbei flüchteten sie aus dem zerstörten Bahnhof und liefen nach Hause. In den Bombennächten zwischen 1943 und 1945 wurde fast das ganze Bayerische Viertel zerstört. Im Sommer 1945 waren von ehemals 95.000 Wohnungen noch 6000 vorhanden. Herr Hagen atmet durch. Betroffene Stille bei den Schülern.

Dann geht es weiter, zu den Infosäulen, wo ihnen Renate Friedrichs vom Quartier Bayerischer Platz e. V. noch mehr über die Geschichte des Bayerischen Viertels erzählt. Als nach dem Krieg der Berliner Regierungssitz in das Rathaus Schöneberg verlegt wurde, hielt John F. Kennedy dort seine berühmte Rede. Den ehemaligen Präsidenten der USA kennen die Kinder natürlich. „Ich bin ein Berliner“ plappern sie auf Deutsch nach.

Café Haberland sucht einen neuen Pächter

Die Schule hat das Café Haberland ausgesucht, weil hier die Geschichte des Elends der Kinder im Zweiten Weltkrieg besonders anschaulich erklärt werden kann. Der Kontakt zu Hagen wurde durch den Tagesspiegel hergestellt. Das „zeithistorische Portal“ am Bayerischen Platz ist erst im September 2014 mit dem Bau des neuen U-Bahnhofs entstanden. Bisher waren nur sehr wenige Schulklassen zu Besuch. Knapp ein Jahr nach der Eröffnung hat der Betreiber Insolvenz angemeldet. Derzeit wird das Haberland von einem Interimspächter betrieben, die BVG ist zuversichtlich, bald einen neuen Pächter zu finden.

Die Schulklasse aus Japan wird während des Kulturfestes „Bunkasai“ ein Theaterstück zum Thema Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg aufführen und dabei die Situation der Kinder nachspielen. Was sie von Peter Hagen gehört haben, wird vielleicht mit einfließen. Der Schulleiter Okui Yasunobu ist zufrieden, die Kinder hätten gut gelernt und wichtige Informationen über den Zweiten Weltkrieg erhalten. „Ich habe heute gelernt, wie wichtig es ist, in Frieden zu leben“, sagt ein 13-jähriges Mädchen laut ihrem Übersetzer. Nach dem Infopoint im Café Haberland ging es zum Anti-Kriegs Museum, zur Bernauer Straße und natürlich zur East Side Galerie. Eine ganze Menge Geschichte also.

Schulklassen können sich für eine Führung durch die Ausstellung bei Renate Friedrichs vom Quartier Bayerischer Platz e. V. unter Tel. 85726851 melden.

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Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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