Jüdische Nachbarn im Bayerischen Viertel : Nach 72 Jahren: Heimkehr eines Vertriebenen

Ein US-Visum rettete ihm das Leben. Nun kehrt Kurt Landsberger in die Wohnung zurück, aus der er als jüdischer Junge vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Der Besuch steht am Ende einer langen Suche, auf die sich eine Hausgemeinschaft im Bayerischen Viertel gemacht hatte.

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Er floh gerade noch rechtzeitig - nun besuchte Kurt Landsberger mit 89 Jahren die Räume seiner Kindheit.
Er floh gerade noch rechtzeitig - nun besuchte Kurt Landsberger mit 89 Jahren die Räume seiner Kindheit.Foto: Georg Moritz

Das Haus ist dasselbe. Die helle Altbaufassade, die Stuckverzierungen, die Hausnummer 26. Auch der Mann, der vor der Haustür steht, ist derselbe. Aber für ihn hat sich alles geändert. Kurt Landsberger ist 89 Jahre alt, sein Haar weiß, er hört und sieht schlecht. Trotzdem ist er gekommen. Er will von seinem Leben erzählen und davon, dass er in diesem Haus einmal gelebt hat. Weiße Windlichter flackern neben ihm im Fenster, jemand hat Rosen auf den Sims gelegt.

Auf der Straße vor Haus Nummer 26 stehen 150 Menschen und wollen Landsbergers Rede hören, Anwohner, Passanten. Seine Frau und seine beiden Töchter begleiten den alten Mann, gemeinsam sind sie aus Florida angereist. Landsberger trägt ein dunkelblaues Sakko, das zu warm ist für diesen sommerlichen Tag. Auf seiner Stirn sammeln sich Schweißperlen. Doch Landsberger zieht den Schlipsknoten enger und drückt den Rücken durch. Es soll ein würdevoller Auftritt sein. Er ist nicht der einzige Jude, der früher hier gewohnt hat. Doch Landsberger ist der einzige, der zurückgekehrt ist. Fünf Minuten will er sprechen und nur einmal ein deutsches Wort benutzen: „Vergangenheit“.

Am Tor zum Hinterhof lehnt ein Mann in lilafarbenem Hemd und Nadelstreifenhose. Er hört Landsberger zu. Peter Schulz ist halb so alt wie Landsberger und wohnt seit drei Jahren im ersten Stock des Hauses, rechte Wohnung, goldenes Türschild. Auch er hat eine Geschichte zu erzählen.

Für Schulz beginnt sie mit Fotos, die er 2008 in einer Ausstellung im Rathaus Schöneberg findet. „Wir waren Nachbarn“ heißt das Projekt, das an die Juden in Berlin erinnert. Er betrachtet die Gedenkalben, blättert durch Seiten, die von Verfolgung und Angst erzählen, von Fluchtversuchen und zerrissenen Familien. Auf einem der Einbände steht plötzlich seine eigene Adresse: Apostel-Paulus-Straße 26, in dem Album ein Schwarz-Weiß-Foto aus den 30ern: Zwei Frauen auf einem Balkon sind zu sehen. Eine von beiden lehnt an der Hausfassade, den Blick auf den Boden geheftet, die Hände hinter dem Rücken. Sie trägt ein helles Kleid, ihr kinnlanges dunkles Haar hat sie aus dem Gesicht gekämmt. Die Frau hieß Hertha Rothholz. Sie war verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Der Balkon, auf dem sie stand, ist jetzt der von Peter Schulz und seiner Freundin.

Eine Hausgemeinschaft sucht ihre jüdischen Vormieter
Kurt Landsberger war 17 Jahre alt, als er vor den Nazis aus Berlin floh. Nach mehr als 70 Jahren kehrte er nun zurück in sein altes Zuhause im Bayerischen Viertel - mit gemischten Gefühlen, wie er sagt.Weitere Bilder anzeigen
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30.05.2012 15:35Kurt Landsberger war 17 Jahre alt, als er vor den Nazis aus Berlin floh. Nach mehr als 70 Jahren kehrte er nun zurück in sein...

„Ich habe tagelang schlecht geschlafen“, sagt Schulz über seine Entdeckung. Er arbeitet als Restaurator, mag alte Dinge und ihre Geschichten. Den Boden in seinem Flur will er so erhalten, dass die abgenutzten Stellen an den Dielen zu sehen sind. Doch dass über dieselben Dielen vielleicht auch Menschen gegangen sind, die von den Nazis aus ihren Wohnungen gezerrt und getötet wurden, macht ihm Angst.

Auf der nächsten Eigentümerversammlung bringt Schulz das Thema zur Sprache. Die Nachkriegszeit hat keiner der jetzigen Hausbewohner erlebt. Erst in den 80er Jahren entstanden hier Eigentumswohnungen. Gabrielle Pfaff, heute 62 Jahre alt, war die erste Eigentümerin, die in das Haus zog. „Ich fühle mich durch den Kauf an dieses Haus gebunden“, sagt sie. Darum ist es ihr nicht gleichgültig, was hier geschah. „Mir ist die Vergangenheit dieses Gebäudes wichtiger als einem Mieter, der nur kurz bleibt.“ Wie Peter Schulz will sie wissen, ob noch mehr Juden in ihrem Haus wohnten, ob sie flohen, wie sie starben. Sie wollen ihre Hausgemeinschaft um die Verfolgten erweitern.

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Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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