Klaus Wowereits Rede : Es ist an der Zeit, den großen Marcel Reich-Ranicki auch in Berlin zu ehren

Zur Enthüllung der Berliner Gedenktafel für Marcel Reich-Ranicki hielt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit eine Rede, die wir hier dokumentieren.

Klaus Wowereit
Andrew Ranicki und Klaus Wowereit enthüllen die Gedenktafel.
Andrew Ranicki und Klaus Wowereit enthüllen die Gedenktafel.Foto: dpa

Verehrter, lieber Herr Professor Ranicki, liebe Carla Ranicki, liebe Angehörige,
lieber Hellmuth Karasek,
sehr geehrter Herr Professor Anz,
sehr geehrte Frau Dr. Fischer-Defoy,
sehr geehrter Herr Grützmacher,
liebe Freundinnen und Freunde, Weggefährtinnen und Weggefährten,
liebe Verehrerinnen und Verehrer von Marcel Reich-Ranicki,

* Und Verehrerinnen bzw. Verehrer von Marcel Reich-Ranicki – das sind wir sicherlich alle, die wir uns heute hier versammelt haben.
* Denn Marcel Reich-Ranicki war nicht nur Deutschlands größter Literaturkritiker – er war selbst ein Star. Einer, dem alle zugehört haben; der die Menschen erreicht und viele auch berührt hat; der nicht nur geschätzt, sondern auch geliebt wurde.
* Und man kann ohne Übertreibung feststellen: Ganz Deutschland trauerte, als er am 18. September 2013 starb.

* Es ist an der Zeit, den großen Reich-Ranicki auch in Berlin, in der Stadt seiner späten Kindheit und Jugend zu ehren.

* Damit Ihnen allen ein herzliches Willkommen vor dem Haus, in dem der junge Marceli Reich mit seinen Eltern Helene und David Reich von 1934 bis 1938 gewohnt hat. Und wo wir heute, kurz vor seinem ersten Todestag, eine Gedenktafel enthüllen.

* Es sei sein Traum gewesen, irgendwann wieder in Berlin zu leben – so haben Sie, verehrter Herr Professor Ranicki, es uns über Ihren Vater erzählt.
* Mich hat diese Aussage sehr berührt.

Nun für alle nachlesbar.
Nun für alle nachlesbar.Foto: dpa

* Gewiss: Berlin ist die Stadt, in der Marcel Reich-Ranicki prägende Jugendjahre verbrachte. In der er bis zum Abitur die Schule besuchte. Und vor allem: in der er seine Liebe zur deutschen Literatur, zur Musik und zum Theater entdeckte.
* Ohne Berlin wäre er wahrscheinlich kein Kritiker geworden – hat er einmal in einem Interview bekannt.

* Doch Berlin ist eben auch die Stadt, in der er größte Demütigungen erfahren musste.
* Hier war dem jungen Juden von der Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen HU, das Studium verweigert worden, von hier aus wurde er als Achtzehnjähriger plötzlich frühmorgens deportiert.

* Die Eltern, der Bruder und fast alle anderen Angehörigen wenig später von den Nazis ermordet,
* die Familie seiner Frau Teofila ermordet,
* die Unmenschlichkeit des Warschauer Ghettos,
* die andauernden Gefahren nach der Flucht,
* das Ausharren im polnischen Versteck,
* die tägliche Todesangst über Jahre hinweg
– nichts davon hat Marcel Reich-Ranicki jemals vergessen, nichts davon je vergessen können.

* Und dennoch empfand er keinen Widerwillen gegenüber der Stadt, von der aus der Holocaust geplant, organisiert und befehligt worden war. Und die auch ihm selbst so tiefe Verletzungen zugefügt hatte.

* Überhaupt ist Marcel Reich-Ranicki nie als Ankläger aufgetreten.
* Von seinem Schicksal als Überlebender der Shoah erfuhr ein breites Publikum erst 1999 – mit Veröffentlichung seiner Memoiren.

Marcel Reich-Ranicki und seine Familie
Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt Texte und Bilder, von denen wir einige hier in unserer Online-Bildergalerie veröffentlichen dürfen. Los geht es mit einer Zeichnung, die das nicht immer einfache Verhältnis des Kritikers zum Rhetorikprofessor zum Thema hat. Andrew Ranicki war sehr interessiert herauszufinden, von wem die Zeichnung ist, die seinem Vater so gut gefiel, denn sie "hing mindestens 30 Jahre lang in seinen Arbeitszimmer zu Hause in Frankfurt". Nach kurzer Facebook-Diskussion war klar: Das Porträt der beiden Tänzer hat Hilke Raddatz für das Satiremagazin "Titanic" gezeichnet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Copyright: Hilke Raddatz
21.11.2016 15:09Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt...

* „Mein Leben“ wurde zum Weltbestseller. Es ist bis heute eine der meistgelesenen deutschsprachigen Autobiografien.
* Manche hat dieser enorme Erfolg erstaunt.
* Aber viel erstaunlicher waren doch die überwiegend versöhnlichen Töne in diesem Buch: Wie Marcel Reich-Ranicki seine Leidensgeschichte zwar eindringlich, schnörkellos und voller Trauer beschreibt – aber zugleich frei von jedem Groll, von Aggression oder gar Hass.

* Ja, Marcel Reich-Ranicki war ein „Held des Vergebens, aber Gott sei Dank nicht des Vergessens“ – wie es Thomas Gottschalk in seiner Trauerrede formulierte.
* Und es war neben seinem unglaublichen Charisma, seinem scharfen Verstand, seinem Witz und Temperament gewiss auch diese Haltung, die so viele Menschen für ihn eingenommen hat.

* Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof hat Marcel Reich-Ranicki neben seiner Tosia die letzte Ruhe gefunden.
* Seine Eltern aber und die vielen anderen ermordeten Verwandten haben kein Grab.

* Umso mehr freut es mich, dass wir heute auch zwei Stolpersteine für die Eltern von Marcel Reich-Ranicki einweihen können.
* Der Künstler Gunter Demnig hat sie bereits vor einigen Wochen verlegt.

* Fast 6000 Stolpersteine gibt es mittlerweile in Berlin.
* Es ist eine besondere, eine stille Form des Gedenkens an die Opfer der NS-Diktatur.
* Wir wissen zwar: Allein 55.000 jüdische Berlinerinnen und Berliner sind in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet worden. Hinzu kommen unzählige aus anderen Gründen verfolgte und ermordete Menschen.

Marcel Reich-Ranicki 1999 auf einem Balkon in seinem Wohnhaus von 1934 bis 1938 in der Güntzelstraße 53 in Berlin-Wilmersdorf.
Blick zurück: Marcel Reich-Ranicki 1999 bei einem Berlin-Besuch auf einem Balkon in seinem Wohnhaus von 1934 bis 1938 in der...Foto: F.A.Z.-Foto/Frank Röth

* Doch Zahlen sind abstrakt. Wer kann sich das schon vorstellen?!
* Die Stolpersteine aber machen das Gedenken konkret. Sie zeigen, dass hinter den vielen Millionen grauenvoll ermordeten Menschen Einzelschicksale stehen. Und dass zu jedem Einzelschicksal ein Name gehörte, ein Gesicht und ein Leben.
* Mit den Stolpersteinen setzen wir einzelnen Menschen ein Denkmal.

* Und ein solches Denkmal gibt es nun auch für Ihre Großeltern, verehrter Herr Professor Ranicki.
* Sie können gewiss am besten einschätzen, was Ihr Vater davon gehalten hätte. Ich hoffe: Es hätte ihn gefreut.
* In diesem Sinne herzlichen Dank an alle, die das Anbringen der Gedenktafel sowie die Verlegung der Stolpersteine ermöglicht haben.

* Mein besonderer Dank gilt dabei Ihnen, verehrter Herr Professor Ranicki, verehrte Carla Ranicki, sowie Ihrer gesamten Familie.
* Wir haben Ihrem Vater und Großvater viel zu verdanken. Sein Tod hat eine tiefe Lücke gerissen.
* In diesem Sinne gedenke ich in Bewunderung und Respekt des großen Marcel Reich-Ranicki. Und ich verneige mich vor seinen Eltern, vor Helene und David Reich.

* Wir sind heute stolz darauf, dass jüdisches Leben und jüdische Kultur wieder ihren festen Platz haben in Berlin.
* Das ist ein Vertrauensbeweis in die Toleranz und Offenheit unserer Stadt.
* Und ich darf Ihnen versichern: Wir werden diese Vielfalt jüdischen Lebens verteidigen. Und wir werden weiterhin alles dafür tun, damit sich Juden in Berlin wohl und Zuhause fühlen können.
* Dazu gehört Wachsamkeit gegenüber allen Formen des Rechtsextremismus. Und dazu gehört auch, dass wir besonders junge Menschen dafür sensibilisieren, woran man Antisemitismus und Rassismus bereits in den Anfängen erkennt.
* Das sind wir Menschen wie Marcel Reich-Ranicki und seinen Eltern schuldig. Und nur so können wir verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt.

* Herzlichen Dank.

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

1 Kommentar

Neuester Kommentar