Kurzgeschichte : Marx und Moritz

Auf unseren Zeitzeugenaufruf zum Bombenkrieg 1945 hin schickt Leserin Silke Riemann diese Kurzgeschichte, die sich in den Trümmern des Bayerischen Viertels abspielt.

Silke Riemann
Berlin in Trümmern im Zweiten Weltkrieg.
Berlin in Trümmern im Zweiten Weltkrieg.Foto: Landesarchiv Berlin

Als Moritz und seine Mutter Agnes im Oktober 1944 nach Berlin kommen, haben sie nur noch zwei Koffer und eine einzige Adresse: Agnes´ Schwägerin in der Schöneberger Martin-Luther-Str. 18. Bevor Agnes klingelt, muss sie ihren Sohn beruhigen, der nicht nur hungrig und erschöpft ist, sondern Angst hat, dass ihnen wieder einmal die Tür vor der Nase zugeschlagen wird. Zu oft ist der Zwölfjährige schon von einer Stadt in die andere gezogen, von einem Kinderheim in das nächste. Freunde hat er keine. Deshalb wünscht er sich einen Hund. Weil er keinen bekommt, spielt er, dass er einen hat: Er rollt seinen Pullover zusammen, umwickelt ihn mit einer Strippe und zieht ihn hinter sich her: „Bei Fuß! Braver Hund. Platz! Gib Pfötchen!“

Agnes schüttelt dann jedes Mal bedauernd den Kopf: „Moritz, wir haben nicht mal ein Zuhause. Wo sollen wir denn mit einem Hund hin?“
Der Junge zittert am ganzen Körper. Erst als seine Mutter sagt: „Die Erna ist ein bisschen verrückt. Seit Fritz´ Tod lebt sie mit vielen Tieren zusammen“, beruhigt er sich ein wenig.

Sobald er Erna, eine kräftige Mittvierzigerin, sieht, ist seine Angst vollkommen verflogen. Sie drückt ihn fest an ihren mächtigen Busen und wuschelt durch sein streng gescheiteltes, rotes Haar: „Watt für´n Jlück, dass ihr jesund seid! Na lojisch bleibta hier.“

„Hab ich dir doch gesagt“, flüstert Agnes erleichtert. „Die Erna hat das Herz auf dem rechten Fleck.“

„Links is, wo ditt Herz schläächt“, stellt Erna klar. „Ick bin Marxist – so wie Fritz eener war.“

Moritz weiß nicht, was ein Marxist ist, und seine Mutter hat nie über ihren Bruder gesprochen.

„Vor drei Jahren is er in´ Krieg jezogen“, erzählt Erna. „Zwee Monate später hab ick de Nachricht bekommen: Heldentod, Vaterland und so weiter.“

Erna teilt ihre Einzimmerwohnung mit einer Katze namens Frau Zetkin und zwei Wellensittichen: Liebknecht und Luxemburg. „So´n Tier is doch ooch nur ´n Mensch. Also braucht´s ´n richtchen Nam´.“

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