Leserkommentar : "Dr. Knieriem sollte jeden Tag eine Biografie lesen"

Bei der Verlegung von Stolpersteinen für die Nachfahren enteigneter, jüdischer Zooaktionäre soll Zoo-Chef Andreas Knieriem wenig Fingerspitzengefühl gezeigt haben. Nun meldet sich Daniela Reinsch, die Patin der Stolpersteine für Hilde Singer und Grete Tradelius, zu Wort. Ein Leserkommentar.

Daniela Reinsch
Hilde Singer (1911 - 2014)
Hilde Singer (1911 - 2014)Foto: privat

Zoo-Chef Andreas Knieriem soll bei einer Verlegung von Stolpersteinen für die Nachfahren jüdischer Zooaktionäre die vielen getöteten Tiere im Zoo „als das größte Unheil des Krieges“ bezeichnet haben. Im Tagesspiegel erklärte er sich zu dem Vorfall. Daniela Reinsch, die Patin der Stolpersteine, meldet sich in einem Leserkommentar zu Wort.

"Als Patin der Stolpersteine für Hilde Singer und Grete Tradelius erlaube ich mir, die Diskussion mit einigen Fakten anzureichern. Hilde Singer verlebte eine glückliche Kindheit in Berlin und insbesondere im Zoo, da ihre Mutter Alice und ihre Tanten Grete und Erna Aktienbesitzerinnen waren und dadurch über 20 Familienmitglieder freien Eintritt in den Zoo hatten. Hilde floh 1935 nach Schweden, nachdem sie für das Drucken von Anti-Nazi-Flugblättern ein Jahr im Gefängnis gesessen hatte. Im November 1938 erhängte sich ihre Mutter Alice Tradelius im Polizeigefängnis, im Januar 1939 flohen ihr Vater Siegfried und sein Bruder Ulrich mit seiner Frau Grete und den beiden Kindern Hans und Steffi aus Deutschland. Ulrich, Grete, Hans und Steffi starben in den folgenden Jahren in verschiedenen Lagern, Siegfried überlebte wenige Jahre in Schweden.

Ich werde niemals in der Lage sein, mir die unendliche Verzweiflung der Familie Tradelius in diesem Winter 1938/39 vorstellen zu können. Ich weiß aber - dank Monika Schmidts akribischer Spurensuche - dass am 12. Dezember 1938 die Aktien Nr. 3019 und 1415 von Alice und Grete Tradelius verkauft wurden, und für Aktie 3019 direkt am nächsten Tag ein neuer Besitzer eingetragen wurde. Ich weiß auch, dass jüdische Besitzer ab 1938 vom Zoo gezwungen wurden, ihre Aktien unter Wert zu verkaufen, und der Zoo sie mit Gewinn direkt an „Arier“ weiterverkaufte.

"Ein erster Schritt"

Für ihre Studie hat Monika Schmidt die Schicksale von ca. 100 jüdischen Aktienbesitzern nachverfolgt. Ich habe die Biografien in den Monaten seit Erscheinen morgens in der New Yorker U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit gelesen, und bin viele Male in Tränen ausgebrochen. Die vielen Selbstmorde, oft auch im Exil, haben mich ebenso erschüttert wie die Ermordungen in den Lagern.

Ich weiß nicht, wem heute die Aktien 3019 und 1415 gehören. Aber ich weiß: Wäre ich Besitzer einer Zooaktie, würde ich alles daran setzen zu erfahren, ob sie einst jüdischen Berlinern gehört hat. Und ich weiß auch, dass ich sie dann keinen Tag länger in meinem Besitz haben wollen würde.

Meine beiden Kinder (die übrigens auch Paten der Stolpersteine sind), sind heute genauso alt wie Steffi und Hans Tradelius, als sie elendig in Lagern zugrunde gingen. (Für alle vier Familienmitglieder wurden übrigens am vergangenen Dienstagmorgen vier Stolpersteine verlegt.)
Dass Dr. Knieriem sich zu der Stolpersteinverlegung für Hilde Singer eingeladen hatte, war hoffentlich ein erster Schritt auf dem Weg, die Forschungsergebnisse nun der Öffentlichkeit vorzustellen und die offene und breite Diskussion über den Umgang damit zu beginnen. Und ich möchte Dr. Knieriem in aller Bescheidenheit vorschlagen, vielleicht auch jeden Tag eine der Biografien zu lesen, damit er bei der nächsten Stolpersteinverlegung oder Begegnung mit Nachfahren ein wenig mehr Bescheid weiß. Zu seiner zoologischen Kompetenz, von der ich auf der Stolpersteinverlegung einen umfassenden Eindruck bekam, wird sich dann sicher auch eine menschliche und politische Kompetenz gesellen, die ihn zu dem Zoodirektor macht, auf den die deutsche Hauptstadt stolz sein kann."

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