Lette-Verein wird 150 : Von der Lehranstalt für Frauen zur modernen Berufsschule

Es war ein Mann, der vor 150 Jahren einen Verein für die Erwerbstätigkeit von Frauen gründete: Wilhelm Adolf Lette. Sein Lebenswerk besteht bis heute.

Christina Denz
Sarah Meyer, technische Assistenz fuer den Ausbildungsgang Modedesign an der Lette-Schule in Berlin. Sie hatte mit 16 selbst die Ausbildung zur Modedesignerin am Lette Verein absolviert, sich dann selbständig gemacht und kehrte wieder zum Lette Verein zurück.
Sarah Meyer, technische Assistenz fuer den Ausbildungsgang Modedesign an der Lette-Schule in Berlin. Sie hatte mit 16 selbst die...Foto: epd

Mitte des 19. Jahrhunderts war es um die Chancen von Frauen in der Arbeitswelt schlecht bestellt. Wahlrecht, Versammlungsrecht, Recht auf politisches Engagement oder das Recht auf Berufsausbildung oder Studium - all das war ihnen verwehrt. Umso bedeutender war das Engagement für die Bildung von Frauen. 1865 schon hatte Louise Otto-Peters in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Frauenverein ins Leben gerufen.

Am 27. Februar 1866 gründete dann Wilhelm Adolf Lette, ein Vater von drei Mädchen, in Berlin den „Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“: Alleinstehenden Frauen sollte ein Auskommen in der Männerwelt möglich werden. Am Samstag (27.2.) feiert der Verein - heute eine Stiftung des öffentlichen Rechts - seinen 150. Geburtstag.

Die Grundlagen für die Ausbildungsstätte Lette-Verein, die heute eine private Berufsfachschule ist, legte Lettes Tochter Anna. Sie war verwitwet und gab sich selbst den Doppelnamen Schepeler-Lette - ein damals unerhörter Vorgang. Die resolute Frau, deren Büste im Schul-Foyer steht, machte aus dem Verein eine Bildungseinrichtung für Mädchen und Frauen des Bürgertums. Sie reiste mehrfach in die USA, besuchte vergleichbare Institutionen sowie die Weltausstellung in Chicago und brachte Reformideen mit nach Berlin.

Ausbildung zur Telegraphistin, Diätassistentin, Modezeichnerin

Unter Anna Schepeler-Lette kam es auch zu einer Kooperation mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein. Ihr Vater und seine liberalen Mitstreiter hingegen hatten noch weniger emanzipatorische Absichten gehabt, es ging ihnen um selbstständige Arbeit für verwitwete und alleinstehende Frauen, nicht um politische Mitbestimmung. Wilhelm Adolf Lette starb 1868. Zu den ersten Ausbildungsgängen des Lette-Vereins gehörten Telegraphistin, Handelskorrespondentin, Gutssekretärin, Diätassistentin und Modezeichnerin.

In seinem Buch "Die Bilder meiner Mutter" ist der Schriftsteller Stephan Wackwitz einer typischen Karriere eines der "Mädchen vom Lette-Verein", seiner Mutter, die im Lette-Verein Modezeichnen lernte, nachgegangen. Die Hoffnung auf Emanzipation und Selbstverwirklichung durch den Beruf zerschlug sich noch bis in die 1960er-Jahre spätestens dann, wenn es ans Heiraten ging, so auch bei Familie Wackwitz. Erst in unserer Generation, so Wackwitz, sei das Zeitalter des "Lebenskonstruktivismus" angebrochen, ein weibliches Zeitalter.

Die MTA wurde im Lette-Verein erfunden

1890 kam die Photographische Lehranstalt dazu, „weil kein Berufsfotograf in dieser Zeit Frauen ausbilden wollte“, wie die heutige stellvertretende Schulleiterin Julia von Randow erzählt. Der Lette-Verein war damit die erste Schule, die Frauen Kameras und Fotografie erklärte. Das Prinzip, neue Berufe zu entwickeln, ist bis heute Grundsatz des Hauses. „Hier wurde der Beruf der Medizinisch-Technischen Assistenz, also MTA, erfunden und die Ausbildung zur Metallographie“, sagt Julia von Randow. Die Metallographie als Kunde von der Zusammensetzung fester Stoffe - nicht nur Metalle - und der physikalischen Werkstoffanalyse ist bis heute eine fast exklusive Domäne des Lette-Vereins.

Vanessa Bund und Bruno von Bogh sind im 1. Ausbildungsjahr zur Assistenz in chemischen oder biologischen Laboratorien an der Lette-Schule. Im Labor weisen sie chemische Grundelemente in verschiedenen Stoffen nach.
Vanessa Bund und Bruno von Bogh sind im 1. Ausbildungsjahr zur Assistenz in chemischen oder biologischen Laboratorien an der...Foto: epd

Die Berufsausbildung gibt es bundesweit nur noch in Solingen. „Wir können schnell reagieren und unbürokratisch neue Inhalte entwickeln“, erläutert Schulleiter Norbert Forstmann. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Handwerk. „Mit den Händen lernen, das zieht heute wieder viele junge Menschen an“, sagt er. Zum Beispiel den 22-jährigen Fotografie-Schüler Max Schwarzmann. Er hatte bereits ein künstlerisches Fotografie-Studium begonnen. „Das war mir zu verkopft“, sagt er. Vor zwei Jahren wechselte er zum Lette-Verein. „Hier gefällt mir, dass wir mit alten Techniken arbeiten, mit Großbildkameras zum Beispiel und auch Dias selbst belichten.“ Max Schwarzmann setzt gerade ein aus Federn genähtes Oberteil in Szene, das als Teil einer Abschlussarbeit im Modedesign entstand, für eine neue Internetseite.

Ernährung und Versorgung, Foto-, Grafik- und Modedesign kann man heute belegen

Oder Evgenia Bajer. Die 37-jährige Mutter von drei Kindern ist im letzten Ausbildungsjahr Metallographie und physikalische Werkstoffanalyse. Sie sitzt am Raster-Elektronenmikroskop im Labor und untersucht die Beschaffenheit von Metallen und Kunststoffen. Bereits in Russland hatte sie studiert, die Ausbildung am Lette-Verein sichert ihr einen in Deutschland staatlich anerkannten Abschluss. „60 bis 70 Prozent des Unterrichts ist Praxis“, sagt sie - und sieht sich damit gut vorbereitet auf einen Job etwa in der Erforschung von Produkteigenschaften. Zwölf Ausbildungsgänge bietet der Lette Verein Berlin heute an, dazu gehören Ernährung und Versorgung, Foto-, Grafik- und Modedesign, die Ausbildungen zu PTA und MTA, Medieninformatik und chemisch-biologische Laborassistenz.

Holzstich "Bilder vom 'Lette-Verein für weibliche Erwerbstätigkeit' in Berlin", (oben rechts: Kronprinzessin Viktoria, die Schirmherrin des Vereins, besucht zusammen mit ihrem Gemahl, den nachmaligen Kaiser Friedrich III., den Vorstand mit der Vorsitzenden, Anna Schepeler-Lette, Jenny Hirsch, Ulrike Henschke, Lina Morgenstern und Franziska Tiburtius; Holzstich nach Zeichnung von Karl Rechlin).
Holzstich "Bilder vom 'Lette-Verein für weibliche Erwerbstätigkeit' in Berlin", (oben rechts: Kronprinzessin Viktoria, die...Foto: epd

Der Unterricht findet überwiegend in Werkräumen, Laboren, Studios und Ateliers statt. „Gerade in einem Alter beim Übergang zum Erwachsenenleben gehen viele unserer Schülerinnen und Schüler mit einem starken Selbstbewusstsein von hier ins Leben“, sagt Schulleiter Forstmann. Persönlichkeitsbildung, Herausfinden, wer man ist - das sind Fragen, bei denen die einzige Vollzeitberufsschule Deutschlands ihre Schülerinnen und mittlerweile auch viele Schüler unterstützen will. Dazu trägt auch selbstständiges Engagement bei: Es gibt Schüler-Genossenschaften, Wirtschafts-Kooperationen - und zum Jubiläum haben vier Schüler ein Jubiläumsmüsli entwickelt, das in Mensa und Cafeteria verkauft wird. „Lette ist Leben“, sagt Schulleiter Forstmann. „Hier geht es um ganzheitliches Denken und nicht um die Trennung von Leben und Beruf.“

Zum 150. Geburtstag des Lette Vereins finden vom Gründungstag am Samstag (27. Februar) bis Oktober zahlreiche Veranstaltungen statt. Hier eine Auswahl:

- Samstag, 27. Februar: Eröffnung Foto-Ausstellung „Sozialfiguren der Gegenwart“ im U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz. Es werden die besten Fotoarbeiten von Absolventen und Absolventinnen der vergangenen 30 Jahre zu sehen sein. Die 16 Fotografien wurden bereits in der Nacht zu Donnerstag während der fahrtfreien Zeit in dem U-Bahnhof angebracht. Eröffnen wird die öffentliche Veranstaltung die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), am Samstag um 11 Uhr.

- Freitag, 4. März: Info-Tag „150 Jahre für mich“ im Lette Verein

- Mittwoch, 16. März: Eröffnung der Ausstellung „Berlin - Stadt der Frauen“ im Ephraimpalais. Die Ausstellung stellt 20 Biografien bedeutender Frauen aus Berlin vor, fünf davon waren am Lette Verein.

- Donnerstag, 28. April: „Verdammt noch mal!“ Boys and Girls Day am Lette-Verein sowie Podiumsdiskussion „Warum gehen Frauen immer noch in schlechter bezahlte Berufe?“ in der Cafeteria des Lette Vereins

- Freitag, 15. Juli: Lette Design Award 2016 by Schindler an Schülerinnen und Schüler der Studiengänge Foto-, Grafik- und Modedesign in der Halle 1 des Aufzugbauers Schindler. (epd/Tsp)

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