"Links ist, wo das Herz schlägt" : Rainer Hank rettet und debattiert die Weltanschauung

Wer links war, muss liberal sein: Rainer Hank diskutiert im Salon Kufsteiner Straße sein Buch "Links ist, wo das Herz schlägt". Hier unsere Rezension.

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Das ist nicht Rainer Hank, sondern Rainer Langhans. Aber mit dem Bild des Kommunarden und der Polizisten vor West-Berlin-Kulisse illustrierte der gedruckte Tagesspiegel im Mai eine Rezension des neuesten Buches unseres früheren Wirtschaftsressortleiters Rainer Hank, jetzt Wirtschafts-Chef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Dieser Tage liest Hank aus "Links, wo das Herz schlägt. Inventur einer politischen Idee", und zwar am 9. September um 19.30 Uhr im "Salon Kufsteiner Straße". Im Gespräch mit der Rabbinerin Elisa Klapheck wird die Frage diskutiert: Was ist eigentlich heute noch links? Rainer Langhans wird im gutbürgerlich-liberalen Umfeld des Salons eher nicht erwartet, wäre aber natürlich willkommen.
Das ist nicht Rainer Hank, sondern Rainer Langhans. Aber mit dem Bild des Kommunarden und der Polizisten vor West-Berlin-Kulisse...Foto: dpa

Wer heute 30 oder 40 ist, mag sich manchmal fragen, wie das so war, damals in den späten 60er und frühen 70er Jahren. Als die heute Altlinken jung waren. Als es schick war, an westdeutschen Unis die Mao-Bibel rumzutragen und Mitglied in KBW, MSB oder SEW zu sein. Gruppen, über deren Unterscheidungsmerkmale viele aus der Babyboomer-Generation noch heute abendfüllend erzählen können. Für die Nachgeborenen klingt es eher so, als erzähle Opa vom Krieg.

Gerade deshalb ist das neue Buch von Rainer Hank erfrischend. Der frühere Wirtschaftschef des Tagesspiegel und jetzige Wirtschaftschef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ hat die „Inventur einer politischen Idee“ unternommen. „Links, wo das Herz schlägt“, heißt seine Analyse. Sie ähnelt nur dem Titel nach der Abrechnung Oskar Lafontaines mit Gerhard Schröder aus dem Jahr 1999 („Das Herz schlägt links“).

Zunächst überrascht es, dass Hank überhaupt eine linke Vergangenheit hat. Anders als viele Publizisten seiner Generation (er ist 1953 geboren) garniert er seine Leitartikel gewöhnlich nicht mit einer Prise Sündenstolz. Klassische Altlinke haben ja durchaus Gefallen daran gefunden, sich als Bekehrte zu präsentieren. Die eigene, irregeleitete Vergangenheit wird zur putzigen Anekdote stilisiert – und ähnlich anekdotisch wird dann auch über die Gegenwart philosophiert.

Das Rebellische hatte mehr Sexappeal

Hank scheinen tatsächlich Gewissensbisse zu plagen. Dabei war er von der harmloseren Sorte. Als „Mitläufer“ bezeichnet er sich selbst. Er schrieb für eine linke Studentenzeitung in Tübingen, zum harten Kern irgendwelcher K-Gruppen gehörte er nicht. Damals war man einfach links, bei den Linken gab es die hübscheren Frauen, überhaupt hatte das Rebellische offenbar mehr Sexappeal.

Hanks natürlicher Weg wäre eigentlich jener gewesen, den er in seinem Buch mit üppigen Kellerbeständen an Chianti Classico in Verbindung bringt: Mitglied jener gut verdienenden Toskana-Fraktion zu werden, die immer noch gerne Kapitalismuskritik betreibt, das Geld aber gerne nimmt und im Zweifel lieber die nachfolgende Generation als „unpolitisch“ schilt, statt die eigene krude Vergangenheit zu durchleuchten.

Hank beruft sich auf Adam Smith, Karl Popper und Ralf Dahrendorf

Was Hank am meisten stört, ist die geistige Schlampigkeit von damals: „Wie konnte es passieren, dass in ganzen Milieus, universitären immerhin, Teile der intellektuellen Weltkarte einfach fehlten?“, fragt er. Selbst die Linken von heute würden um Längen fundierter argumentieren als die Linken damals. Hank selbst bezeichnet sich inzwischen als Liberalen. Er beruft sich auf Adam Smith, Karl Popper oder Ralf Dahrendorf, hebt den deutschen Ökonomen Herbert Giersch hervor, der in ihm Ende der 80er Jahre ein Umdenken bewirkt habe. Die FDP der jüngeren Vergangenheit, man ahnt es schon, erfüllt ihn mit Grauen.

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Hank will nicht einfach eine weitere Konvertiten-Story erzählen. Seine These ist durchaus kühn. Er will beweisen, dass linke Ideale inzwischen zu einer liberalen, wie Linke sagen würden, „neoliberalen“ Lebenseinstellung führen müssten: „Ich habe mir vorgenommen, das Ziel der gerechten Gesellschaft aus dem alten Glaubens mitzunehmen und mir die Ernsthaftigkeit dieses bleibenden Auftrags von den Linken nicht absprechen zu lassen.“

Bekenntnis zur Ideologie

Hank hat sich ausdrücklich ein „ideologisches Buch“ vorgenommen. Es sei bedauerlich, dass der Begriff von der „Weltanschauung“ so in Verruf geraten sei. Er argumentiert so, wie er es in seinen Kommentaren macht: stringent, aber nicht unreflektiert und durchaus originell. Die Linke will er mit ihren eigenen Waffen schlagen. Manchmal gelingt ihm dies recht gut, zum Beispiel wenn er nachweist, dass linke Politik heute auch in Deutschland vor allem eine Politik der Besitzstandswahrung ist, die eine Teilung hervorbringt zwischen denen, die dazugehören und den anderen – egal, ob es dabei um Kündigungsschutz, Mietpreisbremse oder Taxifahrer geht.

Am Ende kommt Hank bei einem liberalen Purismus an. Anders als die Linken wollten Liberale den Menschen nicht erziehen, argumentiert er. Die Ungleichheit, die der Markt produziere, sei gerade kein Gerechtigkeitsproblem, denn sie sei durch freie Vereinbarungen entstanden. Liberalismus als Ausdruck von Machtaversion: Hier sieht Hank die Brücke zum linken Denken.

Leistung, Glück, Zufall - gut so!

Schließlich vollbringt er sogar das Kunststück, aus Gründen von Humanität gegen eine Begrenzung von Managergehältern oder eine höhere Erbschaftsteuer zu plädieren: Einkommen oder Erbe könnten schließlich nicht der Maßstab dafür sein, was jemand geleistet hat: „Dann müsste man im Ernst behaupten, die Topmanager der großen Dax-Konzerne hätten ihre Millionenverdienste auch verdient. Das ist absurd.“ Im Leben komme es nicht allein auf die eigene Leistung an, sondern auch auf Glück, Zufall, günstige Konstellationen – und das sei gut so.

Rainer Hank: Links, wo das Herz schlägt. Inventur einer politischen Idee. Knaus Verlag, München 2015. 265 Seiten, 19,99 Euro.
Rainer Hank: Links, wo das Herz schlägt. Inventur einer politischen Idee. Knaus Verlag, München 2015. 265 Seiten, 19,99 Euro.Foto: promo

Man muss Hank an diesem Punkt nicht folgen, auch nicht, wenn er gegen ein Verbot von Kinderarbeit in Entwicklungsländern plädiert, um sein Buch anregend zu finden. Den Vorwurf von Verbohrtheit und Selbstbezogenheit jedenfalls muss er sich nicht gefallen lassen.

Rainer Hank: Links, wo das Herz schlägt. Inventur einer politischen Idee. Knaus Verlag, München 2015. 265 Seiten, 19,99 Euro. Am heutigen Mittwochabend, 9. September 2015, diskutiert Rainer Hank mit Elisa Klapheck sowie Gastgeber Lothar Pues und den Salongästen über sein Buch im Salon Kufsteiner Straße im Bayerischen Viertel.

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