Luftangriff auf Berlin am 3. Februar 1945 : "Es war ja Krieg"

63 Menschen starben, als am 3. Februar 1945 Bomben in den U-Bahnhof Bayerischer Platz einschlugen. Vor dem Hintergrund von Millionen Kriegstoten ein Detail. Genau daran wird die Monstrosität des Zweiten Weltkriegs erkennbar.

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Unter den Toten des Bombeindurchschlags vom Bayerischen Platz waren Menschen, die aus dem ohnehin weitgehend zerstörten Viertel im U-Bahnhof Schutz gesucht hatten.
Unter den Toten des Bombeindurchschlags vom Bayerischen Platz waren Menschen, die aus dem ohnehin weitgehend zerstörten Viertel im...Foto: Ullstein-Bild

Was von diesem Tag übrig blieb: eine Narbe im Nacken und der Geruch von Petersilie. „Da hat es eine Frau gegeben, die verteilte Petersilie“, erinnert sich Peter Kotzulla. Büschel mit Petersilie sollten sich die Überlebenden in den Mund stecken. Die Kräuter würden die giftigen Dämpfe neutralisieren, wurde erzählt. Die Narbe ist die Folge eines Bombensplitters, den sein Großvater, Stabsarzt und Chirurg, erst eine Woche später entdeckte und herauszog.

Sonst gab es bislang wenig Greifbares zu berichten über die Bomben vom Bayerischen Platz, die in den Vormittagsstunden des 3. Februar 1945 fielen, dem Tag des schwersten Luftangriffs auf Berlin, der eigentlich der Stadtmitte und gar nicht Schöneberg galt. Ein Unglück – oder war es eher ein Anschlag, ein Kollateralschaden, ein Zufallstreffer? Zwei Bomben, ausgeklinkt aus einem amerikanischen Bomber, trafen mitten auf den Bayerischen Platz, durchschlugen die Tunneldecke, töteten 63 Menschen im U-Bahnhof. Zwei Züge waren gerade eingefahren, die Menschen teils ausgestiegen. Es gibt nur eine knappe nüchterne Schilderung in den Berliner Verkehrsblättern von 1968. Ein einzelnes Kriegsereignis aus einer für die Zeitgenossen endlos erscheinenden Kette ähnlich grausamer Geschehnisse.

Es gibt keinen moralischen Grund, dieses Ereignis herauszuheben. Es fand statt, schockierte die Menschen in der Umgebung für ein paar Tage, dann fiel es wieder ins Vergessen. Vor dem Hintergrund eines weltweit geführten Krieges, Millionen von Toten auf allen Kriegsschauplätzen, ein Detail. Doch genau daran wird die Monstrosität des Zweiten Weltkriegs erkennbar. Losgelöst von diesem Schreckensüberfluss, der Relativierung enthoben, wären die Bombentreffer vom Bayerischen Platz eine Katastrophe, die weltweites Aufsehen erregt hätte. Ihren unschuldigen Opfern wäre ein Gedenkstein gesetzt, die Arbeit der Rettungskräfte mit Medaillen gewürdigt worden, eine Kommission hätte die Ursachen und Folgen genauestens erforscht und aufgeschrieben. Journalisten hätten in Artikeln an die Jahrestage erinnert und Bücher geschrieben.

Man war zu sehr mit dem Überleben beschäftigt

„Es war ja Krieg", sagt Christel Brosei, die Schwester von Peter Kotzulla, damals gerade sechs geworden. „Man war ja dran gewöhnt." Über die Bomberpiloten, die militärische Sinnlosigkeit ihres Einsatzes, die vielen zivilen Opfer, habe man sich damals und später kaum Gedanken gemacht. Die Angehörigen blieben mit ihrer Trauer allein.

Peter Kotzulla überlebte den großen Luftangriff vom 3. Februar 1945 im U-Bahnhof Bayerischer Platz, obwohl dessen Decke nach einem Bombentreffer zur Hälfte einstürzte. 63 Menschen kamen dabei ums Leben.
Peter Kotzulla überlebte den großen Luftangriff vom 3. Februar 1945 im U-Bahnhof Bayerischer Platz, obwohl dessen Decke nach einem...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Zusammen mit seiner Schwester und der Mutter hatte Peter Kotzulla im U-Bahnhof Schutz gesucht. Wie schon so oft davor und auch danach. Doch die Bombenangriffe, die Zerstörungen, das Ausharren im Luftschutzkeller, der Kampf um Berlin. Alles weggesperrt, aus dem Gedächtnis verbannt. Vielleicht ein Schutzreflex, um den Heranwachsenden nicht über Gebühr zu belasten.

Diejenigen, die sich erinnern, haben aber ihr Wissen nur mit wenigen geteilt. Man war zu sehr mit dem Überleben beschäftigt. Das Erzählen der erlebten Katastrophen hatte noch keine Konjunktur. Besser nicht reden über die Schmach der Niederlage, die damals nur von den Verfolgten des Nazi-Regimes, den Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten, den verfemten Schriftstellern und Künstlern, den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern als Befreiung empfunden wurde. Im Land der Täter ließ sich schwerlich ein Opferstatus beanspruchen. Das eigene Leiden als schutzloser Bewohner der Reichshauptstadt war durch Hitlers Verbrecherbande, die Greueltaten von SS und Wehrmacht, den Genozid an den Juden komplett entwertet.

„Viel Blut, viele Splitter, die Scheiben der U-Bahnzüge waren ja zerborsten"

Oft fehlte es auch am Vokabular, das Grauen zu beschreiben. „Viel Blut, viele Splitter, die Scheiben der U-Bahnzüge waren ja zerborsten", erzählt Christel Brosei. „Alle Menschen, die standen, waren tot, wegen des Luftdrucks." Viele Frauen und Kinder saßen auf den Koffern mit den wichtigsten Habseligkeiten. Und überlebten. Waren sie traumatisiert? Dieses Wort fällt selten im Gespräch mit Zeitzeugen. „Ich habe fürchterlich geweint", sagt Christel Brosei. „Heute würde man uns als traumatisiert bezeichnen“, sagt Peter Hagen, ein weiterer Überlebender aus dem U-Bahnhof (seinen selbst aufgeschriebenen Augenzeugenbericht lesen Sie hier).

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Luftangriff auf Berlin: Zurück am Ort des Schreckens
Luftangriff auf Berlin: Zurück am Ort des Schreckens

Einer, der zu erzählen wagte, vom Leiden der deutschen Großstadtbevölkerung, war der Historiker und Journalist Jörg Friedrich in seinem umstrittenen Buch „Der Brand“. Friedrich bezeichnete den Bombenkrieg über Deutschland als das „größte Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs“. In einem „Spiegel“-Interview erklärte er: „Den Bombenkrieg haben nacheinander die britische, die deutsche, die japanische sowie die koreanische und vietnamesische Bevölkerung erfahren. Von diesen Völkern ist es die deutsche Nation gewesen, die fünf Jahre lang am intensivsten diese Form der Kriegsführung erlebt hat. Der Luftkrieg war eine präzedenzlose Marter, die einer Zivilbevölkerung Nacht für Nacht von einer fürchterlichen Vernichtungsapparatur auferlegt wurde.“

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler warf Friedrich eine „sprachliche Gleichsetzung mit dem Holocaust" vor. Der Gescholtene konterte mit der Unterscheidung zwischen „guten und bösen Massakern“. Der Zweck der alliierten Bombardements, Nazi-Deutschland in die Niederlage zu zwingen, war für Friedrich zwar gerechtfertigt, dennoch gerieten die Angriffe vor allem dort, wo es zu Feuerstürmen kam wie in Hamburg oder Dresden, zu Massakern.

Berlin sollte für alliierte Landung aus der Luft "vorbereitet" werden

Die Luftkriegsstrategen in London und Washington rechneten mit wesentlich höheren Opferzahlen. Sie wollten nicht nur die „Moral der Arbeiter“ brechen, sondern die „Reichshauptstadt“ auch für eine mögliche Landung von alliierten Truppen aus der Luft "vorbereiten", schreibt Laurenz Demps. Den Russen zuvorzukommen, war den Militärs ein wichtiges Anliegen. Doch dazu kam es nicht mehr. „Die wollten einfach ihre Bomben loswerden“, glaubt Christel Brosei.

Die Zeitzeugen enthalten sich fast immer einer Bewertung. Sie schildern nur. Keine Anklagen gegen die Bomberpiloten oder ihre Auftraggeber.

Der Bombenkrieg und das Erinnern daran war nach dem Krieg kein generelles Tabuthema. Das Erinnern daran hatte in den 50er und frühen 60er Jahren durchaus ein Podium in der (west-)deutschen Öffentlichkeit, wenn auch nicht als große nationale Aufarbeitungsdebatte - und eher mit Blick auf Fakten, weniger auf Menschliches. Immerhin gab es das Bundesministerium für „Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte“ und den „Zentralverband der Fliegergeschädigten, Evakuierten und Währungsgeschädigten". Beide Institutionen sind heute fast vergessen. 1958 wurde in den „Dokumenten deutscher Kriegsschäden“ akribisch eine Verlustbilanz gezogen, um mögliche Ansprüche im Rahmen des Lastenausgleichs zu klären.

Vor allem die Männer starben im U-Bahnhof

Die Toten sind auch fast vergessen. Der Zahnarzt vom Bayerischen Platz 6 war darunter, erzählt Christel Brosei. Ihr Nachbar auf der zweiten Etage. Den Namen hat sie vergessen. „Mein Arzt, Dr. Zerner, ist am Bayerischen Platz umgekommen“, erinnert sich eine andere Augenzeugin, Frau Voigt aus der Meininger Straße 10, heute 99 Jahre alt. Die Häuser in der Meininger wurden fast komplett zerstört, erzählt sie, aber erst nach dem 3. Februar 1945.

Sterberurkunde August Simon, gestorben am 3. Februar 1945 beim schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkriegs auf Berlin im zusammengestürzten U-Bahnhof Bayerischer Platz in Schöneberg.
Die Sterbeurkunde von August Simon, der am 3. Februar 1945 durch den Bombeneinschlag in den U-Bahnhof Bayerischer Platz ums Leben...Foto: privat

Mit August Simon, dem Diplom-Ingenieur, dessen Todesanzeige wir hier mit Genehmigung seines Neffen Götz Simon zeigen, sind drei von 63 Toten nahezu identifiziert. Vor allem die Männer starben im U-Bahnhof, sagt Christel Brosei. Die Männer hätten Frauen und Kindern die Bänke und Koffer zum Sitzen überlassen. Sie wurden von der Druckwelle durch den Bahnhof geschleudert.

Ingolf Wernicke vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Landesverband Berlin, schätzt die Bombentoten in Berlin insgesamt auf 30 000 bis 40 000. Anders als in Hamburg – dort liegen rund 36 000 Opfer der Bombenangriffe auf dem Friedhof Ohlsdorf – gibt es kein zentrales Gräberfeld. „Fast auf jedem Berliner Friedhof ist ein Feld mit Bombenopfern.“

Besonders viele Tote wurden auf dem Spandauer Friedhof „In den Kisseln“ bestattet, an der Lilienthalstraße in Neukölln, auf dem Parkfriedhof Marzahn und auf dem Friedhof Friedrichsfelde. „Dort haben wir erst 1991 einen Stein für die Opfer aufgestellt“, sagt Wernicke. In den Fünfzigerjahren wurden die Bombenopfer per Gesetz zu Kriegstoten erklärt, für die Pflege ihrer Gräber kommt der Bund auf.

In den letzten Kriegswochen wurden viele Tote, Soldaten und Zivilisten, Russen und Deutsche, in Bombentrichtern auf Hinterhöfen oder in den Grünanlagen verscharrt, später aber wieder ausgegraben und bestattet. Wenn man sie noch fand. Viele Kriegsgräber von Bombenopfern auf den Berliner Friedhöfen sind nicht als solche bezeichnet, lassen sich aber anhand des Todestages zuordnen. Wenn es Namen gibt, sind sie in der amtlichen Gräberliste verzeichnet, die in der zentralen Friedhofsverwaltung des Senats lagert.

Luftangriff vom 3. Februar 1945
U-Bahnhof Bayerischer Platz im Bayerischen Viertel in Schöneberg nach dem Luftangriff auf Berlin vom 3. Februar 1945.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: BVG-Archiv
02.02.2015 07:56Am 3. Februar 1945 starben im U-Bahnhof Bayerischer Platz 63 Menschen beim schwersten Luftangriff der Alliierten auf Berlin. Hier...

Im „Gräbergesetz des Bundes“ sind zehn Kategorien der „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ benannt. Bombenopfer fallen in die dritte Kategorie, die Toten an der Berliner Mauer in die fünfte. Zu den Kriegstoten, darunter auch die Opfer des Ersten Weltkriegs, zählen in Berlin rund 120.000 Gräber mit 150.000 Toten, ein Siebtel aller deutschen Kriegsopfergräber.

Die U-Bahnhöfe sind nicht sicher

„Bombentreffer, Decke durchschlagen“, hieß es am Bayerischen Platz schon im November 1943. Deckendurchschläge gehören zu jedem größeren Bombenangriff. Viele U-Bahnwagen werden durch Bomben zerstört. Die U-Bahnhöfe sind nicht sicher, genauso wenig wie die Luftschutzkeller. Das war den Behörden auch bekannt. Die Schadensbilanzen und Schlussfolgerungen daraus wurden aber geheim gehalten. Und die U-Bahnhöfe als Zufluchtsorte angewiesen.

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Luftangriff auf Berlin: Ein Zeitzeuge erzählt
Luftangriff auf Berlin: Ein Zeitzeuge erzählt

Am 7. Februar 1944 erließ die Polizei einen gegenteiligen Befehl: „Die letzten Fliegeralarme haben zu einer Überfüllung der unterirdisch gelegenen U-Bahnhöfe geführt...“ Ein Volltreffer würde „zahlreiche Menschenopfer kosten und eine eintretende Panik unabsehbare Folgen nach sich ziehen“. Deshalb sollten U-Bahnhöfe nur noch „behelfsmäßige Schutzräume für die Fahrgäste“ sein und bei Fliegeralarm geschlossen werden. Die Prozedur beschreibt Zeitzeuge Peter Hagen. Mit jedem zerstörten Haus gingen Luftschutzkeller verloren. Wo sollten die Menschen hin? Die Hochbunker boten nicht genug Platz für alle.

Der totale Krieg, in Berlin beschlossen, an der Ostfront exerziert, war nach Berlin zurückgekehrt. Die Kinder, die in ständiger Todesgefahr lebten, erfuhren die Unerbittlichkeit des Kampfes als Teil ihres Alltags. Woran sich Rolf Mährholz (hier sein Augenzeugenbericht). erinnert in den letzten Kriegstagen, sind sinnlose Panzersperren und das Durchsuchen der Trümmerberge nach Toten, auf Befehl der russischen Soldaten. Mit keinem Wort beschreibt er seine Gefühle. Angst? Verzweiflung? Sehnsucht danach, wieder nur Kind sein zu dürfen? Mährholz ist schon weiter, erklärt mit Elan, was in der Nachkriegszeit für ihn wichtig wurde. „Jede Straße hatte ihre Fußballmannschaft.“ Und wenn kein Fußball da war, haben sie mit alten Bewehreisen Hockey gespielt. „Es fuhren damals ja kaum Autos auf den Straßen.“

"Ernst, stumm und feierlich warten sie darauf, dass man ihre Toten ausgräbt"

Auch Erwachsene verdrängten, was ihnen drohte, zu nahe zu kommen. Ruth Andreas-Friedrich, Widerstandskämpferin und Helferin jüdischer Mitbürger, schrieb nach dem Luftangriff auf den Bayerischen Platz ins Tagebuch: „Als ich an der Schadensstelle vorübergehe, halte ich befremdet inne. Was für ein sonderbarer Volksauflauf? Männer, Frauen, Kinder dicht aneinandergedrängt. Sie senken die Köpfe und schweigen. Sie schweigen lange. Sie rühren sich nicht vom Fleck. Ernst, stumm und feierlich warten sie darauf, dass man ihre Toten ausgräbt. Ihre Schwestern, ihre Brüder oder Mütter. Aus dem zehn Meter tiefen Krater, den heute morgen um elf eine Luftmine in den U-Bahn-Schacht gerissen hat."

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