Luftangriff auf Berlin : Über den Bayerischen Platz weit hinaus

Tagesspiegel-Leser Günter Seidel ergänzt unsere Zeitzeugenberichte zum alliierten Luftangriff auf Berlin vom 3. Februar 1945.

Günter Seidel
U-Bahnhof Bayerischer Platz im Bayerischen Viertel in Schöneberg nach dem Luftangriff auf Berlin vom 3. Februar 1945.Alle Bilder anzeigen
Foto: BVG-Archiv
02.02.2015 07:56Am 3. Februar 1945 starben im U-Bahnhof Bayerischer Platz 63 Menschen beim schwersten Luftangriff der Alliierten auf Berlin. Hier...

Sehr geehrter Herr Hesselmann,

ich habe den Bericht des Zeitzeugen Peter Hagen im Video auf Tagesspiegel.de gesehen und auch die vierseitige Beilage des Tagesspiegel “Bomben auf Berlin“ über den verheerenden Luftangriff auf Berlin vom 3. Februar 1945 gelesen. Dazu möchte ich Ihnen aus eigenem Erleben des 3. Februar einige Ergänzungen und Anmerkungen machen. Der Bericht Peter Hagens wirkt sehr authentisch, engt aber in der vierseitigen Darstellung des Luftangriffs die Sicht zu sehr auf das furchtbare Geschehen am Bayerischen Platz ein.

Die Schwerpunkte des Luftangriffs lagen woanders, wie Sie im Hauptartikel “Der Todesstoß“ richtig schreiben: in der Innenstadt, im Regierungs-, im Zeitungsviertel, aber auch in den Arbeitervierteln von Kreuzberg, wo ich den Luftangriffs erlebt habe. 

Video
Luftangriff auf Berlin: Ein Zeitzeuge erzählt
Luftangriff auf Berlin: Ein Zeitzeuge erzählt

Sie verlassen sich bei der Schilderung des Gesamtgeschehens auf die Ausführungen des Historikers Demps, die zum Teil unrichtig sind. Nur sehr ungenau wird die besondere Taktik dargestellt, die die Alliierten bei diesem Angriff anwandten. Anders als bis dahin üblich, fand der Angriff nicht in der Nacht, sondern an einem hellichten, sonnigen Sonnabendvormittag statt, damals ein normaler Arbeitstag, er traf also Berlin mitten im Leben. Von „wüsten Luftkämpfen“, wie sie ein Pilot auf Seite 14 der Beilage schildert, konnte überhaupt nicht die Rede sein. Die deutsche Luftabwehr war nicht mehr imstande, die großen Bomberverbände in ihrem generalstabsmäßigen breiträumigen Anflug auch nur zu stören.

Video
Luftangriff auf Berlin: Zurück am Ort des Schreckens
Luftangriff auf Berlin: Zurück am Ort des Schreckens

Ein weiterer Taktikzug: der Angriff in zwei Wellen. Die erste Welle warf die Bomben und Luftminen, die zweite Welle die Phosphor-Brandbomben. Unsere Wohnung im Seitenflügel der Pücklerstraße 3 war durch den Bombeneinschlag gleich weg. Als wir aus dem Luftschutzkeller krochen, sahen wir, wie der Dachstuhl des Vorderhauses anfing zu brennen. Bald brannte die ganze Straße, das ganze Viertel, und es erhob sich – entgegen der Aussage des Herrn Demps – ein riesiger Feuersturm, gegen den wir, als wir uns zu meiner Tante nach Lichtenberg durchschlagen wollten, kaum ankamen. 

Luftangriff vom 3. Februar 1945
U-Bahnhof Bayerischer Platz im Bayerischen Viertel in Schöneberg nach dem Luftangriff auf Berlin vom 3. Februar 1945.Alle Bilder anzeigen
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02.02.2015 07:56Am 3. Februar 1945 starben im U-Bahnhof Bayerischer Platz 63 Menschen beim schwersten Luftangriff der Alliierten auf Berlin. Hier...

Noch eins: Sie erwähnen den Tod Roland Freislers, des unseligen Präsidenten des Volksgerichtshofes. Man hätte dazu noch feststellen können, dass durch diesen Tod einige der Männer des 20. Juli dem Tod durch den Strang entgangen sind, weil ihr Prozess vor dem Volksgerichtshof mangels Richter nicht mehr zu Ende geführt werden konnte.

Im ganzen finde ich ihr Gedenken an den 3. Februar 1945 sehr verdienstvoll und danke Ihnen als beteiligter Zeitzeuge sehr.

Mit freundlichen Grüßen

Günter Seidel

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