Malerei : Frank Auerbach: In Berlin noch nicht wieder angekommen

Lesermeinung: Der große britische Maler Frank Auerbach, der mit einem Kindertransport zur Nazi-Zeit aus Deutschland fliehen musste, soll endlich durch seine Heimatstadt Berlin und auch den Tagesspiegel gewürdigt werden.

Claudius Lotter
Marcel Reich-Ranicki 1970 zu Besuch bei seinem Cousin, dem Maler Frank Auerbach, in London. An der Wand ein von Auerbach gemaltes Porträt von Gerda Böhm, der Schwester Reich-Ranickis. Das Privatfoto, schon leicht vergilbt, wurde uns freundlicherweise von Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki zur Verfügung gestellt.
Marcel Reich-Ranicki 1970 zu Besuch bei seinem Cousin, dem Maler Frank Auerbach, in London. An der Wand ein von Auerbach gemaltes...Foto: Andrew Ranicki

Schön, dass Sie die Leseprobe zu Frank Auerbach gebracht haben. Besten Leserdank! In Berlin ist der Sohn unserer Stadt und Maler von Weltrang, der vor den Nazis mit einem Kindertransport nach Großbritannien in Sicherheit gebracht worden war, noch nicht wieder angekommen. Unter Kennern ein Rezeptionsrätsel. Eines Tages wird über den Stolpersteinen für seine Eltern, die 1943 in Auschwitz ermordet wurden, eine Ehrentafel am Haus Güntzelstraße 49 angebracht werden – davon sind wir überzeugt.

Als Abonnent Ihres Blatts seit über 40 Jahren hoffe ich seit Jahren und noch immer, dass sich der Tagesspiegel mit Frank Auerbach, seinem Leben und Werk, beschäftigt – zu Lebzeiten (am 29. April 2015 wurde er 84). Und Catherine Lamperts Portrait "Frank Auerbach. Gespräche und Malerei", das Anfang Juni bei Sieveking erscheint, bespricht. Neben dem Katalog zur Bonner Ausstellung (siehe unten) derzeit der einzige lieferbare Auerbach-Titel mit Abbildungen in Deutsch.

Arbeiten von Frank Auerbach befinden sich in mehr als 50 öffentlichen Sammlungen im Vereinigten Königreich, hierzulande nicht eine einzige in auch nur einer. Auch deshalb muss nun nach Bonn reisen, wer Auerbach wirklich kennenlernen will.

Freund von Lucian Freud, Cousin von Marcel Reich-Ranicki

Ein guter Freund Frank Auerbachs war Lucian Freud, auch ein gebürtiger Berliner, der 2011 gestorben ist. Freud kam zu Weltruhm nach seiner Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie 1988 hier, jener im Gedächtnis vor allem deshalb gebliebener Ausstellung, weil sein kleines Bacon-Portrait geklaut wurde. Kein Berlin-biografischer Bezug, nichts von Auerbach damals in der Presse (soweit ich feststellen konnte). Die Maler waren enge Freunde über Jahrzehnte. 2006 wurden neue Arbeiten, leider ohne Katalog, zusammen im Victoria & Albert Museum in London ausgestellt.

Der britische Zweig der Familie. Ganz links stehend: Frank Auerbach, über den Marcel Reich in Berlin gelegentlich als Babysitter wachte und der heute zu den bedeutendsten Malern Englands zählt. Vor ihm seine Frau Julia Auerbach, daneben Reich-Ranickis Schwiegertocher Ida Thompson-Ranicki, der Sohn Andrew Ranicki und die Enkelin Carla Ranicki sowie die Schwester Gerda Böhm. Das Bild entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung von Andrew Ranicki dem neuen Buch von Uwe Wittstock, "Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie".
Der britische Zweig der Familie. Ganz links stehend: Frank Auerbach, über den Marcel Reich in Berlin gelegentlich als Babysitter...Foto: Malcolm Moore

Lucian Freud besaß die größte Auerbach-Sammlung. Nach seinem Tod wurde sie dem britischen Staat von den Erben anstelle von Erbschaftssteuer überlassen. Diese Arbeiten wurden im letzten Herbst in der Tate Britain gezeigt – die wichtigen englischen Zeitungen haben berichtet, nicht eine einzige hier… Immerhin ging die "FAZ" in einer Würdigung für Auerbachs Cousin Marcel Reich-Ranicki auf dessen Schwester Gerda Böhm ein ("Kritikerschwester"), die in London lebte und von Auerbach zwischen 1961 und 1982 regelmäßig porträtiert wurde. Auerbachs 1964 entstandenes Bild seiner älteren Cousine, ein Meisterwerk, ist aus dem Freud-Nachlass inzwischen nach Norwich gewandert.

Vielleicht würde Frank Auerbach nach Berlin kommen

Freud, der 1933 mit seiner Familie vor den Nazis nach England fliehen musste, ist wohl nicht und wäre nie nach Deutschland gereist, sagte seine Tochter Esther Freud in einem Tagesspiegel-Interview. Auerbach ist nach Hamburg gereist, bevor seine Ausstellung 1986 dort eröffnet wurde (und ins Folkwang nach Essen weiterwanderte). Auerbach wäre, bin ich überzeugt, auch nach Berlin gekommen, wenn nur … Und würde vielleicht noch kommen. Ob er zur Vernissage am 3. Juni in Bonn (zu den Rednern gehört der britische Botschafter S.E. Sir Simon McDonald) anwesend sein wird? Auf diese Frage gibt es bislang nur eine kryptische Antwort aus Bonn.

Marcel Reich-Ranicki und seine Familie
Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt Texte und Bilder, von denen wir einige hier in unserer Online-Bildergalerie veröffentlichen dürfen. Los geht es mit einer Zeichnung, die das nicht immer einfache Verhältnis des Kritikers zum Rhetorikprofessor zum Thema hat. Andrew Ranicki war sehr interessiert herauszufinden, von wem die Zeichnung ist, die seinem Vater so gut gefiel, denn sie "hing mindestens 30 Jahre lang in seinen Arbeitszimmer zu Hause in Frankfurt". Nach kurzer Facebook-Diskussion war klar: Das Porträt der beiden Tänzer hat Hilke Raddatz für das Satiremagazin "Titanic" gezeichnet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Copyright: Hilke Raddatz
21.11.2016 15:09Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt...

Auerbach und Freud haben sich über ihre Jugend - Freud wohnte zuletzt nicht weit von der Nationalgalerie - in Berlin ausgetauscht. Und die Freunde haben sich portraitiert. Wie spannend würde sich über die beiden schreiben lassen – kunsthistorisch, Berlin- und kiezbiografisch. Und ich empfinde dazu eben noch immer eine Art von Bringschuld für Frank Auerbach, bevor wir uns für eine Gedenktafel einsetzen können.

Zu Frank Auerbach gibt es in Deutschland und Großbritannien in diesem Jahr einiges an Aktivitäten. Im Mai erscheint ein Buch über ihn, "Frank Auerbach. Gespräche und Malerei", das auch seine Biografie berücksichtigen und ihn als brillanten Kunstkenner vorstellen soll - geschrieben von der Kunsthistorikerin und Kuratorin Catherine Lampert, die Auerbach selbst für Porträts seit Jahrzehnten Modell sitzt. Über sein Leben und Werk spricht Auerbach am 23. Mai in der Royal Academy in London, einer seiner sehr seltenen öffentlichen Auftritte. Vom 4. Juni bis zum 13. September diesen Jahres zeigt das Kunstmuseum Bonn Bilder Auerbachs in Zusammenarbeit mit der Londoner Tate Britain Auerbachs Werk mit etwa 70 Arbiten in einer Übersichtsschau, die darauf in der Tate Britain selbst vom 9. Oktober 2015 bis zum 13. März 2016 70 Bilder Auerbachs. Beide kuratiert von Catherine Lampert.

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