Marcel Reich-Ranicki : „Ich habe hier mal gewohnt“

Marcel Reich-Ranicki starb am 18. September 2013. An dem Haus in Berlin, in dem er in der Nazizeit bis 1938 lebte, wurde ein Jahr nach seinem Tod eine Gedenktafel enthüllt. 1999 war er hier in der Güntzelstraße 53 zu Besuch - und traf auf freundliche Nachbarn.

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Marcel Reich-Ranicki 1999 auf einem Balkon in seinem Wohnhaus von 1934 bis 1938 in der Güntzelstraße 53 in Berlin-Wilmersdorf.
Blick zurück: Marcel Reich-Ranicki 1999 bei einem Berlin-Besuch auf einem Balkon in seinem Wohnhaus von 1934 bis 1938 in der...Foto: F.A.Z.-Foto/Frank Röth

Für einen Moment war er ganz für sich, mit seinen Gedanken allein. Marcel Reich-Ranicki stand auf dem Balkon im vierten Stock, stützte sich auf die Brüstung und blickte über die Dächer. Er verband viele Erinnerungen mit diesem Haus, mit dieser Straße, mit diesem Kiez. Erinnerungen an seine Eltern, mit denen er hier von 1934 bis 1938 gelebt hatte und die von den Nazis ermordet wurden. An seine damalige Hinwendung zur deutschen Kultur, vor allem zur Literatur. Und an die Liebe, an seinen ersten Kuss, auch auf einem Balkon, hier in der Güntzelstraße 53.

An dem Haus in dem Wilmersdorfer Kiez wurde ein Jahr nach seinem Tod eine Gedenktafel für den vor einem Jahr verstorbenen Literaturkritiker enthüllt. Klaus Wowereit sprach, ebenso Hellmuth Karasek, Reich-Ranickis langjähriger Partner im „Literarischen Quartett", und Andrew Ranicki, der Sohn Marcel Reich-Ranickis.

Auch Ingrid M. war dabei. Sie wohnt in der Güntzelstraße 53 und hatte Marcel Reich-Ranicki, als er 1999 sein altes Wohnhaus in Berlin besuchte, bei sich zu Gast. Auf ihrem Balkon entstand das Erinnerungsbild, das er ihnen schenkte. „Es war ein sehr besinnlicher Moment“, sagt sie. Schon auf dem Sprung war sie damals. Als sie aus der Haustür kam, sah sie den berühmten Mann auf dem Bürgersteig stehen und sprach ihn an. „Herr Reich-Ranicki, was machen Sie denn hier?“, sagte Ingrid M. „Man glaubt ja bei bekannten Menschen, dass sie einen auch kennen müssten“, sagt sie heute und lacht. „Ich habe hier mal gewohnt“, antwortete Reich-Ranicki.

Marcel Reich-Ranicki und seine Familie
Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt Texte und Bilder, von denen wir einige hier in unserer Online-Bildergalerie veröffentlichen dürfen. Los geht es mit einer Zeichnung, die das nicht immer einfache Verhältnis des Kritikers zum Rhetorikprofessor zum Thema hat. Andrew Ranicki war sehr interessiert herauszufinden, von wem die Zeichnung ist, die seinem Vater so gut gefiel, denn sie "hing mindestens 30 Jahre lang in seinen Arbeitszimmer zu Hause in Frankfurt". Nach kurzer Facebook-Diskussion war klar: Das Porträt der beiden Tänzer hat Hilke Raddatz für das Satiremagazin "Titanic" gezeichnet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Copyright: Hilke Raddatz
21.11.2016 15:09Tanz mit Walter Jens: Marcel Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki pflegt das Andenken seines Vaters und seiner Familie. Er sammelt...

Er klingelte im dritten Stock, an der Wohnung gleich unter der von Ingrid M. Dort war niemand zu Hause. Es war ein spontaner Besuch, unangemeldet. So konnte der Gast aus einer anderen Zeit sich jene Wohnung nicht noch einmal ansehen, in der er gelebt hatte. In seiner Autobiografie „Mein Leben“ beschreibt Marcel Reich-Ranicki, Jahrgang 1920, wie er mit einer Untermieterin, der Fotografin Lotte, in der Güntzelstraße 53 Balkongespräche über Liebe und Literatur führte. Wie sie, die „Arierin“, kein Problem damit hatte, mit ihm, dem Juden, derart vertraut umzugehen. Und wie sie dann doch auszog, weil sie eine „nachdrückliche Warnung“ bekommen hatte.

Ingrid M. lud Marcel Reich-Ranicki in ihre Wohnung ein, einen Stock höher. Schließlich sei die ganz ähnlich geschnitten, man könne einen Eindruck bekommen. Und einen Blick vom Balkon werfen. Reich-Ranicki zeigte seinen Gastgebern und seinem Begleiter Frank Schirrmacher, dem inzwischen verstorbenen Herausgeber der „FAZ“, anhand des Grundrisses, wo sich sein Zimmer damals befunden hatte. Ansonsten machte er, der Literaturkritiker von der „FAZ“ und vom Fernsehen, der sonst viel und auch gern mal großsprach, in diesen Momenten der Erinnerung nicht viele Worte. „Er war ruhig, höflich und zurückhaltend“, sagt Ingrid M. über ihren Besucher.

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