Martin-Gropius-Bau : David Bowie: Ausstellung kommt von London nach Berlin

David Bowie lebte einst in West-Berlin, drei wichtige Alben gelten als "Berlin-Trilogie". Nun würdigt der Martin-Gropius-Bau den Popstar mit einer Werkschau. Bowies Spuren führen auch ins Bayerische Viertel.

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David Bowie (8. Januar 1947 - 10. Januar 2016). Hier ein Bild von 1976 in Berlin. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt. Courtesy: EYE·D Agentur für Fotografie. Das Bild war Teil der großen Bowie Ausstellung im Martin-Gropius-Bau.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Jim Rakete
11.01.2016 08:23David Bowie (8. Januar 1947 - 10. Januar 2016). Hier ein Bild von 1976 in Berlin. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt....

Der Pop ist ja längst museal: Kraftwerk im Münchner Lenbachhaus, Kraftwerk im MoMa in New York und in der Tate Modern in London, dort auch Laibach. Für das slowenische Popkollektiv war der museale Bezug gar nicht neu, denn schon 2004 hatten Laibach eine audiovisuelle Retrospektive im Museum der Moderne von Ljubljana gezeigt. Was wegen seines subversiven Spiels mit faschistischer und kommunistischer Symbolik im sozialistischen Jugoslawien verfemt worden und später zumindest in der Deutung noch umkämpft war, rückte nun ins Zentrum bürgerlicher Kultur. Dass dies nicht schaden muss, beweisen Laibach dieser Tage mit ihrem neuen Album „Spectre“ und einer Hinwendung zur konkreten Politik.

Nun also Bowie. Schlicht „David Bowie“ ist die Ausstellung betitelt, die auf ihrer Tournee um die Welt nun vom 20. Mai bis 10. August im Martin-Gropius-Bau Station macht. Doch das soll mehr sein als nur ein Station to Station: Im Vergleich zur Schau im Londoner Victoria & Albert Museum werde die hiesige Version deutlich um Berlin-Bezüge aufgestockt, wie die Veranstalter versprechen.

Zu sehen seien Bühnenkostüme, Fotografien unter anderem von Helmut Newton und Herb Ritts, Plattencover, Ausschnitte aus Filmen und Konzerten sowie Musikvideos. Aus Bowies persönlichem Besitz sollen unveröffentlichte Skizzen und Zeichnungen, handschriftliche Set-Listen und Songtexte, Wortcollagen sowie Noten und Tagebucheinträge ausgestellt werden. (Hier die Besprechung der Londoner Schau von Tagesspiegel-Kulturchef Rüdiger Schaper.) (Und hier kommt Service zur Berliner Bowie-Ausstellung.)

David Bowie in Berlin
David Bowie (8. Januar 1947 - 10. Januar 2016). Hier ein Bild von 1976 in Berlin. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt. Courtesy: EYE·D Agentur für Fotografie. Das Bild war Teil der großen Bowie Ausstellung im Martin-Gropius-Bau.Weitere Bilder anzeigen
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11.01.2016 08:23David Bowie (8. Januar 1947 - 10. Januar 2016). Hier ein Bild von 1976 in Berlin. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt....

Von 1976 bis 1978 lebte David Bowie, damals bereits ein Weltstar, in Berlin. Aus Los Angeles kommend fand er Einkehr in vergleichsweise beschaulicher Umgebung. Er streifte durch die teils noch aus Ruinen bestehende Mauerstadt und besuchte ausgiebig deren Museen. Vor allem das Brücke-Museum interessierte Bowie. Die Pose des Erich-Heckel-Bildes „Roquairol“ verwendete er auf dem Cover von "Heroes", eines der drei „Berliner Alben“ neben „Low“ und „Lodger“.

Wie sich Bowie einst auf die Spuren seiner Helden setzte, so können seine Fans heute in der Stadt auf Erinnerungstour gehen: in die Schöneberger Hauptstraße, wo er mit Iggy Pop gewohnt hat, oder in die Köthener Straße in Kreuzberg, Standort der Hansa-Studios, wo Bowie in seiner Berliner Zeit aufnahm, „by the wall“.

Thin White Duke: David Bowie
David Bowie 1976. Der britische Sänger lebte von 1976 bis 1978 in einer großen Altbauwohnung in Schöneberg.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: AFP
19.05.2014 12:08David Bowie 1976. Der britische Sänger lebte von 1976 bis 1978 in einer großen Altbauwohnung in Schöneberg.

Eine weitere Adresse wurde jüngst psychogeographisch, also Erinnerung, Biographie und Stadtforschung verbindend, markiert: Im Bayerischen Viertel fand David Bowie nach seiner Ankunft in Berlin zunächst Unterschlupf, weil die Wohnung in der Hauptstraße noch nicht fertig renoviert war. Dies jedenfalls erzählt Edgar Froese, Gründer des Elektronikprojekts Tangerine Dream, der im Bayerischen Viertel wohnte und sein Studio betrieb, der Autorin Pascale Hugues für ihr Buch über die Historie jener „Ruhigen Straße in guter Wohnlage“. Das mit dem handwerklichen Fertigwerden jedenfalls schien schon damals ein Problem zu sein in Berlin.

Edgar Froese würde er gern in Berlin wieder treffen, hat Bowie im Interview mit dem Tagesspiegel mal gesagt. "Ein sehr netter Kerl. Edgar und seine Frau haben mir wirklich geholfen, als ich in Berlin lebte. Ich ging damals durch eine schwierige Phase, hatte ungeheure Schmerzen. Und sie haben mich unterstützt, vom Kokain wegzukommen. Ja, die beiden waren sehr lieb zu mir." Berlin war für Bowie auch eine Art Therapie, obwohl er die Stadt auch mal als "Welthauptstadt des Heroins" bezeichnet hat. "Das waren sehr wichtige Jahre", sagt Bowie. "Es war in so vieler Hinsicht sehr befreiend für mich, in Berlin zu leben."

Pünktlich zum musealen Schlag hat David Bowie vor einem Jahr an seinem 66. Geburtstag ein neues Album herausgebracht, auch eine Art Retrospektive in Songs. Statt aber in späten Jahren ein weiteres Best-of zusammenzustellen oder wie Kraftwerk an verfeinerten Versionen vorhandener Werke zu feilen, überraschte Bowie mit einer Collage voller musikalischer und textlicher Bezüge auf sein Gesamtwerk. Hörbar im Mittelpunkt steht dabei die Berliner Trilogie. Der Titel der Single „Where Are We Now?“ lädt ein, sich diese Frage auch mit Bezug auf unsere Stadt zu stellen. Wo sind wir jetzt im Berlin der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts, Post-Hype, Post-Prenzlauer-Berg?

Da passt es, dass sich Berlin „near KaDeWe“, wo Bowie seinen „Man lost in time“ auftreten lässt, derzeit zu erneuern versucht. Zum Beispiel mit der Galerie C/O Berlin im renovierten Amerika-Haus, dem modernisierten Zoopalast oder dem umgebauten Bikini-Haus. Wird unsere Stadt es schaffen, mehr als nur Hype und Retro zustande zu bringen? Kann Berlin dauerhaft anziehend sein? Eine Metropole mit Aura und Charme, die eine Geschichte hat, aber auch eine Gegenwart - und vor allem eine Zukunft.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de.

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Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

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