Mit Kita-Kindern im Straßenverkehr : "Das kommt mir manchmal vor wie Krieg"

Rücksichtslosigkeit auch gegenüber den Kleinsten: Was Kita-Kinder mit ihrem Erzieher im Straßenverkehr in Berlin erleben.

Cecilia Heil
Kinder lernen von klein auf im Straßenverkehr vorsichtig zu sein.
Kinder lernen von klein auf im Straßenverkehr vorsichtig zu sein.Stephanie Pilick / dpa

„Was passiert, wenn keiner anhält und wartet?“ fragt Jens, der Erzieher, die Kinder. „Dann kommen wir nie rüber“, antwortet der fünfjährige Moritz. Im Flur des Kinderladens im Bayerischen Viertel hängen Fotos vom Schwimmunterricht. An einer Wand ein Plakat mit der Frage „Was weißt du über Bäume?“ In den Regalen jedes erdenklich Bastelmaterial. Die Kleinen schauen neugierig, als unser Gespräch zum Thema Straßenverkehr beginnt. In der Diskussion um Raser vor Schulen, die sogar Schülerlotsen bedrängen und gefährden, wollen wir erfahren, wie es den bei den kleinsten Verkehrsteilnehmern aussieht.

„Toi toi toi, uns ist noch nichts Schlimmes passiert.“ Diesen Satz wiederholt Jens einige Male. Er gibt Beispiele für typische Situationen mit den Kindern im Straßenverkehr: Ein Erzieher wartet mit den Kindern auf dem Bürgersteig, ein anderer will die Straße absperren, über die die Gruppe gehen will. Er ist gut sichtbar und wartet eine Lücke im Verkehrsfluss ab, die eigentlich groß genug sein müsste. Und doch kommt noch ein Auto angerast und braust haarscharf an dem Erzieher mitten auf der Straße vorbei.

Oder beim Überqueren von großen Kreuzungen mit Ampeln kommt es immer wieder zu hektischen Situationen weil die Gruppe nicht schnell genug ist und die Autos hupen oder losfahren, sobald ihre Ampel auf Grün springt, ganz egal ob vor ihnen noch Kindergartenkinder über die Straße laufen oder nicht. Sie sind halt nicht so schnell, wie es manche autofreundliche Ampelschaltung in Berlin gern hätte. "Meine Kolleginnen nehmen deshalb oft den Weg durch die U-Bahn-Unterführung" sagt er. "Aber das dauert mindestens zehn Minuten. Und diese Zeit fehlt uns dann später auf dem Ausflug. Und das sehe ich nicht ein." Auch mit Kindern sollte man sicher über die Straße gehen dürfen, findet er. "Das kommt mir manchmal vor wie Krieg."

Ein Auto ist stärker als ein Mensch

Das lange Warten, bis auf den kleineren Straßen jemand anhält, ist er schon gewöhnt. Eins von vierzig Autos hält an, wenn man Glück hat, berichtet Jens. Und nicht selten passiert es, dass ihm die Autos bis an die Beine rollen und drängelnd den Motor aufheulen lassen. Dass der Erzieher mit dem Blick zu den ankommenden Autos steht, scheinen manche Autofahrer als Provokation zu sehen und fangen an im Wagen wild zu gestikulieren und zu meckern. Dabei müssten sie maximal eine Minute warten. “Wie man auf die Idee kommen kann, noch vorbeizufahren, wenn auf der Straße schon jemand steht, das finde ich erschütternd!“, sagt Jens.

In einer solchen Situation, wenn er von Autofahrern angeschrien oder fast umgefahren wird, macht er den Kindern klar, dass sich da jemand falsch verhalten hat. „Die Kinder sollen die Dramatik verstehen“, erklärt er. Die Kinder erschrecken sich, wenn sie sehen, wie schnell die Autos angerast kommen. Sie werden ängstlich und es ist für alle Beteiligten eine stressige Situation, erklärt der Erzieher. Aber ihm ist wichtig, dass seine Schützlinge Selbstbewusstsein auch im Straßenverkehr entwickeln. „Sie sollen auch mal rennen dürfen, sollen die Unterschiedlichkeit in einer Stadt kennenlernen. Sie sollen neugierig und umsichtig sein und sich frei bewegen können.“

Clara, die fünf Jahre alt ist, und die ein Jahr jüngere Lea antworten auf die Frage, ob sie im Straßenverkehr manchmal Angst haben, im Chor „Nein!“. Die Mädchen fahren auch gerne Rad, aber nur auf dem Bürgersteig und „nur wenn ich gut ausgeschlafen bin“, erklärt Lea. Auf die Frage, was Verkehr eigentlich ist, antwortet der fünfjährige Moritz: „Wenn ein Auto über die Straße fährt, obwohl die Menschen gehen.“ Mia, die auch fünf Jahre alt ist, weiß, dass ein Auto stärker ist als ein Mensch, und alle Kinder sind sich einig: Sie mögen die Autofahrer, die langsam und vorsichtig fahren und die Kinder rüber lassen viel lieber als die rücksichtslosen Raser.

Haben Sie ähnliche Rücksichtslosigkeiten im Straßenverkehr gegenüber Kindern beobachtet? Oder kennen Sie für Kinder gefährliche Stellen in Ihrem Kiez? Unsere bezirklichen Leute-Newsletter befassen sich nachhaltig mit dem Thema, bitte schreiben Sie an leute@tagesspiegel.de. Den Newsletter für Ihren Bezirk können Sie hier kostenlos abonnieren.

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

80 Kommentare

Neuester Kommentar