Momper, Diepgen, Mauerfall, Rathaus Schöneberg : Als Jürgen Wohlrabe die Kapelle vergaß

Seit dem Auftritt auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg darf Walter Momper nicht mehr öffentlich singen. Im Café Haberland diskutierte er jetzt mit Eberhard Diepgen über den Mauerfall.

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Walter Momper auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg am 10. November 1989, einen Tag nach dem Mauerfall.
Walter Momper auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg am 10. November 1989, einen Tag nach dem Mauerfall.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Geschichte ist in diesen Tagen mit Macht nach Berlin zurückgekehrt, in der großmächtigen Inszenierung ebenso wie an kleinen Spielorten. Ganz klein, aber lebhaft und humorvoll zeigte sie sich am Mittwochabend am Bayerischen Platz, wo die frühere Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing unermüdlich für ihren Verein „Quartier Bayerischer Platz“ trommelt. Schaltzentrale und Veranstaltungsraum ist das Café Haberland oben im Bahnhofsgebäude, fast schon zu knapp für den Auftritt zweier Wende-Protagonisten, die sich sicher nicht freundschaftlich verbunden sind, aber humorvoll kollegial miteinander umgehen: Eberhard Diepgen und Walter Momper waren gekommen, der Dauer-Regierende und der andere, der ihm mit flatternd rotem Schal die Wende weggeschnappt hat.

Verändert haben sich beide nicht seit 1989, die Fakten sitzen, beide haben immer wieder über 1989 erzählt und brauchen kein Archiv – obwohl Diepgen mit seiner berühmten Neigung zu ausschweifenden Detailschilderungen immer noch so wirkt, als hätte er eins dabei; Momper ist knapper, jovialer, und er hat natürlich den großen Vorzug, dass er den Dampfer lenken durfte am 9.November und nicht im Beiboot saß.

Zentrales Trauma der Wendetage ist offenbar immer noch der ominöse 10. November mit dem großen Menschenauflauf vor dem Rathaus Schöneberg: Politiker, unter ihnen Helmut Kohl, schmetterten die Nationalhymne, doch ihr Gesang ging im Pfeifen und Brüllen aggressiver Wiedervereinigungsfeinde unter. Momper nimmt es heute gelassen, „das Singen war die Idee von Jürgen Wohlrabe (dem damaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses), aber er hatte nicht daran gedacht, eine Kapelle oder wenigstens Musik zu besorgen“. Und so gingen die wackelnden Stimmen a capella um die Welt, Mompers vornweg. „Meine Frau hat mir hinterher verboten, noch einmal öffentlich zu singen“, erzählt er, „nicht einmal die Nationalhymne“.

Diepgen hat bei diesem Thema aber noch eine Rechnung mit Kohl offen, denn der Altkanzler hat später übellaunig aufgeschrieben, er sei damals von der Berliner CDU unvorbereitet in diese peinliche Situation getrieben worden. Falsch, sagt Diepgen, er habe Kohl sehr wohl gewarnt und ihm geraten, auf der CDU-Veranstaltung am Breitscheidplatz zu bleiben…

Der Mauerfall aus Sicht unseres Foto-Chefs Kai-Uwe Heinrich
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1 von 65Alle Fotos: Kai-Uwe Heinrich
09.11.2016 14:21Unser Tagesspiegel-Foto-Chef, Kai-Uwe Heinrich, hat in der Nacht des Mauerfalls und am Tag danach fleißig fotografiert.

Momper, der Macher. „Ein Freund von mir war Personalrat bei der Post, den habe ich dann bequatscht, damit die Post beim Austeilen des Begrüßungsgelds mitmacht“. Das war erfolgreich, denn am 4.Tag hatte die Landeszentralbank keine Mark mehr, weil die Ost-Berliner das Geld nicht wieder ausgaben. „Da mussten wir sieben Tonnen Bargeld von dem Amerikanern aus Frankfurt einfliegen lassen.“

Diepgen übernahm bekanntlich später, als Mompers rot-grüner Senat zerfiel, und durfte bis 2001 das Zusammenwachsen der Stadt organisieren, „insgesamt bin ich mit meinem politischen Schicksal nicht unzufrieden“. Aber dass der Momper-Senat ihn, den Oppositionsführer, nur sehr unzureichend in die Planung für die ja absehbare Grenzöffnung eingeweiht hatte, das fuchst ihn immer noch ein wenig.

Als es dann passierte, als Günter Schabowski versehentlich die Mauer einriss, da fuhr er mit seinem Privatwagen zur Invalidenstraße und leistete, politisch machtlos, individuelle Hilfe, brachte in vier oder fünf Fahrten Ost-Berliner Fußgänger zum Ku'damm. Seine Tochter hatte Geburtstag, „sie nimmt mir heute noch übel, dass ich sie nicht abgeholt habe, um mit ihr auf der Mauer zu tanzen“. Was dem stets so kontrollierten CDU-Politiker sicher schwer gefallen wäre. Er bleibe gelernter West-Berliner, scherzt er, „wenn mir in der Bundespolitik was nicht gefällt, sage ich immer noch, die in Bonn!“

Längst nicht alle waren in Feierlaune am Abend des 10. November 1989 vor dem Rathaus Schöneberg.
Längst nicht alle waren in Feierlaune am Abend des 10. November 1989 vor dem Rathaus Schöneberg.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Momper hingegen hätte wohl getanzt, aber ihm fehlte die Zeit beim hektischen Spurt vom Sender Freies Berlin an die Schauplätze und zurück. Man hatte angesichts der Ankündigungen aus Ost-Berlin schon im Oktober wunderbare Pläne gemacht für etwa eine halbe Million Menschen, hatte sich von der BVG versichern lassen, dass die nur ihren Smog-Alarm-Plan aus der Schublade holen müsse, man hatte in Ost-Berlin gehört, dass die Grenzer dort mit allerhand Passbürokratie den Zulauf in den Westen nach Wunsch steuern könnten – und dann kamen die Leute einfach rüber und machten aus den schönen Plänen Altpapier.

Irgendwie einig sind sich die beiden Polit-Pensionäre,  dass die SPD-AL-Koalition angesichts der historischen Umwälzung zum Regieren eine Nummer zu klein war. Die späteren Grünen, deren Senatoren zwar mitzogen, die aber öffentlich immer wieder mitteilten, wie schrecklich sie diese Wiedervereinigungs-Euphorie fanden – die gingen beiden auf die Nerven. Momper hätte unmittelbar nach dem 9.November Neuwahlen veranlassen sollen, meint Diepgen, aber „er war ja an die AL gebunden“. Ja, entgegnet Momper, die Fraktion! „Die SPD-Fraktion war ja ganz verliebt in die Grünen.“

Pause, kalte Getränke. Dann folgen Reminiszenzen der Besucher, Fragen, Anmerkungen, eine kleine Geschichtsstunde bei Bier und Nahe-Riesling. Lebendiger Westen, irgendwie, am Bayerischen Platz.

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