Nachbarn im Bayerischen Viertel : Frau Soller zieht aus

Seit vielen Jahren lebt unsere Autorin im Bayerischen Viertel in Schöneberg – mit reizenden Nachbarn. Eine nostalgische Schwärmerei.

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Bei den Sollers (ganz rechts im Bild) wurde gefeiert bis zum Umfallen.
Bei den Sollers (ganz rechts im Bild) wurde gefeiert bis zum Umfallen.Foto: privat

So stelle ich mir den surrealen Zusammenprall vor, der Ende der siebziger Jahre, davon bin ich fest überzeugt, auf dem Gehsteig meiner Straße stattgefunden hat: Am frühen Abend verlässt Frau Soller ihr Haus, überquert die Straße, um auf dem anderen Gehsteig die U-Bahn-Station zu erreichen. Auf Höhe der Nummer 7 kollidiert sie um ein Haar mit David Bowie, der gerade das Haus betreten will. Ihre Schultern streifen sich. Er geht einen Schritt zur Seite, murmelt „Sorry“, vielleicht sogar „’tschuldigung“. Er beugt den Oberkörper vor und gibt Frau Soller mit einer ausholenden Handbewegung den Weg frei. Sie blickt diesen spindeldürren Zwitter – schwarzer Ledermantel, Borsalino –, der aus der Dämmerung herausgeschossen kam, für den Bruchteil einer Sekunde an. Sie erkennt ihn nicht. Beide setzen ihren Weg fort.

Bärbel Soller und David Bowie? Eine kaufmännische Angestellte der Abteilung Damenoberbekleidung (kurz DOB) im KaDeWe und ein Rockstar? Jedenfalls zwei Schicksale, die sich eigentlich nie hätten kreuzen sollen. Das einzige Gras, das Frau Soller je in der Hand gehalten hat, ist das Unkraut aus den Petunienkästen auf ihrem Balkon. Doch das Wahrscheinlichkeitsgesetz pfeift auf die Kompatibilität von Milieus. Es ist die Magie der Nachbarschaften, die solch flüchtige Begegnungen zweier Menschen, die nichts miteinander verbindet, zuwege bringt.

Vor zwei Jahren ist Frau Soller aus der Wohnung im ersten Stock meines Hauses ausgezogen, in der sie seit jeher gelebt hat. So zumindest kam es mir vor, waren doch das Rascheln der Kreppsohlen auf dem Linoleum – dem alten Marmor in der Eingangshalle nachempfunden –, ihr schallendes „Guten Morgen!“, der Fußabtreter „Willkommen“ vor der Tür und der Geruch ihrer drei Katzen im Treppenhaus nicht aus dem Haus wegzudenken. Bei ihrem Auszug hat sie eine Leere hinterlassen, die unsere kleine Gemeinschaft, plötzlich um eines ihrer Hauptglieder amputiert, schlecht zu füllen imstande ist. Ich muss mich zusammenreißen, um in den neuen Besitzern im ersten Stock, die äußerst nette Menschen sind, nicht unverschämte Eindringlinge zu sehen.

Frau Soller kehrt regelmäßig zu einem Besuch zurück. Dann stellt sie ihr Fahrrad, als wäre alles beim Alten, an seinem gewohnten Platz an der Regenrinne ab, drückt zweimal fröhlich auf die Hupe, betritt dank des Schlüssels an dem orangefarbenen Band, den sie behalten hat, den Fahrstuhl und klappert nacheinander sämtliche Stockwerke ab. Als Erstes klingelt sie zweimal bei der ehemaligen Hauswartsfrau im Erdgeschoss. „Brigitte“ kennt den Lockruf. Zweimal: Das ist Bärbel! Die beiden Frauen tauschen ihre alten Ausgaben der „Freizeit Revue“ und „Funkuhr“ und halten in der verrauchten Stube ein Schwätzchen. Dann steigt Frau Soller ein Stockwerk nach dem andern hinauf. Sie hängt ein Plastiktütchen mit hausgemachter Marmelade (Holunderblüten- oder Blutorangengelee, je nach Jahreszeit) an die Türklinke im zweiten, verweilt ein bisschen auf dem Treppenabsatz des dritten, wo sie sich zu den Themen Krankheiten und Kinder auf den neuesten Stand bringt, und kommt mit einem Käffchen bei der Gattin des Steuerberaters, Dachgeschoss links, zum Abschluss.

Frau Soller war unsere gute Fee. Wenn einer in den Ferien war, goss Frau Soller, die die Schlüssel sämtlicher Hausbewohner besaß, die Pflanzen, leerte die Briefkästen, fütterte Goldfische und Wüstenmäuse. Von ihrem Balkon herab überwachte sie Fahrräder, Autos und das Treiben auf dem Gehsteig. Manchmal, wenn man abends nach Hause kam, lächelte sie einem hinter ihren Blumenkästen zu, und dann fühlte man sich von einem sanften Kokon eingehüllt. Ja, Frau Soller war da, und die Welt war in Ordnung.

Seit Frau Soller nicht mehr da ist, ist in meiner Straße nicht mehr wirklich Weihnachten. An den Fenstern der neuen Nachbarn kleben Strohsterne von untadeligem Geschmack, die wahrscheinlich direkt aus dem Katalog von Manufactum stammen. Nein, das ist nicht mehr dasselbe. Jedes Jahr am 1. Dezember fing bei einbrechender Dunkelheit auf ihrem Balkon eine Girlande vergnügter Plastikweihnachtsmänner mit Glühbirnchen im Bauch zu blinken an. An. Aus. An. Aus. Times Square im ersten Stock. Als Frau Soller noch arbeitete, rief sie um vier, wenn sie Feierabend hatte, aus dem KaDeWe ihren Mann an: „Mach bitte die Leuchter an, bin gleich da!“ Kurt Soller gehorchte.

Seit einigen Jahren steigen die Immobilienpreise in Berlin. Die alten Bewohner, die weiterhin geringfügige Mieten bezahlen, stehen der Spekulation im Weg. Die Eigentümergesellschaft des Hauses will verkaufen. Also hat sie Frau Soller und ihrem Mann angeboten, ihre alte Wohnung gegen ein niegelnagelneues Zweizimmerapartment (Erdgeschoss) in einem anderen Viertel zu tauschen. „Es war unsere letzte Chance“, rechtfertigt sich Frau Soller. Und wenn sie sich damit brüstet, nur zwei Straßen von Daniel Barenboim entfernt zu wohnen, dann ganz bestimmt, um sich selbst zu beweisen, dass sie keinen schlechten Tausch gemacht hat.

Vor ihrem Auszug räumte Frau Soller wochenlang auf, sortierte, leerte ihre „verwohnte“ Wohnung. Dieses schöne, ins Französische unübersetzbare Adjektiv beschreibt den Zustand der Erschöpfung einer Wohnung, die seit 38 Jahren von denselben Personen bewohnt wurde, sehr treffend: müde, ein bisschen außer Atem wie am Ende eines langen Lebens. Frau Soller verschenkte ihre Vorhänge und Bücher. Die Diakonie holte Möbel ab.

Frau Soller ist eine wahre Schöneberger Pflanze, die sozusagen meiner Straße entsprossen ist. 1940 in der Entbindungsstation des kleinen Kinderkrankenhauses gleich um die Ecke geboren und im Mai desselben Jahres in der Kirche am Ende unserer Straße getauft, lebte sie mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Nebenstraße. Eines stürmischen Tages rief die Eigentümerin unseres Gebäudes, eine Bekannte der Sollers, an: „Ich habe eine Wohnung für Sie!“ Der Mann im ersten Stock war gestorben. „Es kam auf uns zu, und wir haben zugegriffen. Es gab damals große Wohnungsnot in Berlin.“

Die Sollers zogen am 8. Februar 1973 ein. Ihre Wohnung hatte nichts mehr von der Beletage. Sie war hinter dem Berliner Zimmer entzweigeschnitten worden. Frau Soller versteckte diesen Stummel hinter einem dicken Samtvorhang. Hier brachte sie ihren Krempel unter. In Frau Sollers neuer Straße ging es entspannt zu. Viele Frauen holten ihre Schrippen beim Bäcker im Morgenmantel, Lockenwickler in den Haaren.

Frau Soller beschreibt den schwindelerregenden Wechselreigen der Geschäfte, die in unserer Straße entstehen und vergehen: Der Zeitungs- und Zigarettenladen wird durch die Installateurwerkstatt Dittmann, später ein Bordell, ersetzt. Die Drogerie weicht einem Mischwarengeschäft. Der Schuster wird von Tapeten Schulz vertrieben, dieser durch ein Dentallabor, das inzwischen zum Steuerbüro mutiert ist. Der Kolonialwarenladen wird erst zum Edeka Supermarkt, dann zum Laden für Autoersatzteile, jetzt ist dort ein Restaurant.

38 Jahre in derselben Straße. Und dann trug der Umzugslaster Frau Soller, ihren Mann, ihre Katzen und ihren Palisanderschrank auf und davon. Von ihrer Existenz blieben nur wenige Spuren zurück. Der helle Abdruck einiger Bilderrahmen auf der Tapete. Eine Haarnadel, in einer Fußbodenleiste eingeklemmt. Ein paar Spinnweben an den Decken, Wollmäuse, die über den nackten Fußboden rollten, Brandflecken auf dem Linoleum. Und die mit Schmetterlingen bestickte Vergissmeinnichtkrone aus blauem Stoff, die noch mehrere Wochen an der Wohnungstür hing. Bevor die Nachfolger sie abrissen, die beiden Teile der Wohnung wieder wie vor dem Krieg zusammenführten und mit ihren Design-Möbeln und ihrer ultramodernen Küche einzogen. Sie haben es sogar geschafft, ich habe keine Ahnung wie, mit dem Katzengeruch fertigzuwerden, der Frau Sollers Weggang um mehrere Monate überlebte. An jenem Tag ist das Berlin der Sollers endgültig aus unserer Straße verschwunden.

Der Text ist ein stark gekürztes Kapitel aus Pascale Hugues’ Buch „Ruhige Straße in guter Wohnlage“ (Aus dem Französischen von Lis Künzli, Rowohlt Verlag, 352 Seiten, 19,95 Euro).

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