Nachruf auf Lea Waks (Geb. 1929) : 1946, mitten in Deutschland: "Masel tov!"

Eine frohe Kindheit in Lodz - bis die Deutschen kamen. Die Erinnerungen an die Ghetto-Zeit blendete sie aus. Mit ihrem Mann wollte sie nach Israel - und blieb in Deutschland. Ihn liebte sie so sehr, dass sie erst nach seinem Tod ganz zu sich kam. Im Bayerischen Viertel in Berlin.

Karl Grünberg
Lea Waks (1929-2015) Foto: privat
Lea Waks (1929-2015)Foto: privat

Aron und Lea. Er hatte das Ghetto Lodz überlebt. Sie hatte das Ghetto Lodz überlebt. Sie hatten die Deutschen überlebt. Die Erinnerungen, eingebrannt. Sie sahen sich an und mussten nicht darüber reden. Sie wollten nicht. Warum auch? Warum all das rausholen? Sie sahen sich an, und wussten, was hinter der Stirn des anderen tobte. Die Stille war laut genug.

Aron und Lea. Sie hatten sich. Sie hatten Ruwen und Moische, ihre Söhne. Sie waren eine neue jüdische Familie mitten in Deutschland.

Ob ihre Heirat 1946 die erste jüdische Heirat in Deutschland nach dem Krieg war? Es war auf jeden Fall die erste in Ziegenhain, im Lager für „Displaced Persons“, für Juden aus Osteuropa, die den Holocaust überlebt hatten und vor neuen Pogromen flohen. In Deutschland bleiben wollten sie aber alle nicht. Israel, das gelobte Land, das damals noch Palästina hieß, war ihr Ziel. Ziegenhain war eine Zwischenstation, ein Sprungbrett.

„Wenn heiraten, dann richtig“, sagten die für sie zuständigen GIs, fuhren mit ihren Jeeps zu den deutschen Bauern und beschlagnahmten Hühner, Karpfen und Gänse. Sie ließen einen Militär-Rabbiner kommen und beschafften einen traditionellen Hochzeitsbaldachin. Lea trug einen Schleier, Aron steckte ihr den Ring auf den Zeigefinger der rechten Hand, zertrat ein Weinglas und alle riefen: „Masel tov!“

Die Glückwünsche drangen aus dem Lager, in dem noch vor ein paar Monaten Kriegsgefangene eingesperrt waren, darunter François Mitterand. Die Glückwünsche schallten über die Dächer der Holzbaracken, 90 Meter lang und 12 Meter breit, über den Zaun, herüber zu den Deutschen nach Ziegenhain.

Mitten in Deutschland gab es ein jiddisch-polnisches Shtetl, ein jiddisches Viertel mit tausend und mehr Einwohnern. Es war eins von 150.

Ein Leben war das!

Aron Waks war der Leiter des Lagers und Lea Waks war seine Frau. Die GIs schenkten ihnen einen Kochtopf aus Armeebeständen: Aluminium, schwer, 1944 hergestellt. Bis zuletzt kochte sie mit diesem Topf. Er ist heute noch so silbern wie vor 71 Jahren. Sie war eine begnadete Köchin und für ihren „Gefillten Fisch“ bewundert. Fragte man sie aber nach den Zutaten, machte sie nur die vage Bewegung einer Hand, die eine Prise Salz streut.

Aron und Lea. Sie sahen sich an und blickten in die Vergangenheit, in die Zeit vor den Deutschen. In ein Lodz, das ein Jerusalem des Ostens war mit Synagogen, jüdischen Schulen, Theatern und Zeitungen, Geschäften und jüdischen Friedhöfen. Über 230.000 Juden lebten dort, liberal, orthodox, jede Glaubensausrichtung. Lea ging in die Schule, der Vater backte Brot und Kuchen, später verkaufte er in seinem Feinkostgeschäft Orangen, Schokolade und Kakao. Es gab ein Dienstmädchen, und im Sommer fuhren sie in ein Landhaus. Garten, Kirschbäume, Badeausflüge. Ein Leben war das!

Lea und Aron waren in derselben Stadt aufgewachsen, hatten dieselben Feste gefeiert, dasselbe Jiddisch gesprochen. Wenn sie sich ansahen, sahen sie all das, was nun nicht mehr da war.

Was sie nicht mehr sehen wollten, begann an dem Tag, an dem in Wehrmachtsstiefeln die Vernichtung heranstapfte, an dem die Kettenpanzer kamen. Was mit Aron und seiner Familie geschah, was mit Lea und ihrer Familie geschah, lässt sich nur zusammensetzen aus wenigen wie fallen gelassenen Sätzen. Einmal sagte Lea zum bereits erwachsenen Ruwen: „Überlebt haben nur die Schlechten.“ – „Dann gehörst du aber zu den Schlechten“, sagte er. Dann schwieg sie wieder, und Ruwen hat sie schweigen lassen.

Als die Deutschen kamen, musste Lea die Schule verlassen. Eine höhere Bildung gab es für sie nicht. Umso mehr sollten ihre Söhne brillieren. Als Vater Aron Sohn Ruwen auf die Handelsschule schicken wollte, protestierte sie. Sonst ließ sie Aron alles entscheiden, seine Worte waren Gesetz, sie bewunderte ihn. Hier aber entschied sie: Ruwen kommt aufs Gymnasium. Er wurde Historiker in Israel. „Mein Sohn ist Professor!“, sagte Lea. „Bald kommt er nach Deutschland und hält wieder einen Vortrag an der Universität.“ Sie sonnte sich im Erfolg ihrer Männer.

Damals aber, in Lodz, wurde Leas Vater von der Straße eingesammelt und zur Arbeit gezwungen. „Sie haben ihre Späße mit mir gemacht“, sagte er, als er endlich zurück war. Wasser hatten sie ihm aus einem Schlauch in die Nase und in den Mund gespritzt. „Wir müssen weg“, sagte er. Die Deutschen seien zu allem fähig. Er machte sich in Richtung Russland auf und holte die Familie nach. Alle, bis auf Lea.

Aron und Lea Waks mit Sohn Ruwen, etwa 1950 Foto: privat
Aron und Lea Waks mit Sohn Ruwen, etwa 1950Foto: privat

Warum sie blieb, weiß niemand mehr. Sie war bei einer Tante in der Altstadt untergekommen. Ob sie sich um sie kümmern und später mit ihr nachkommen sollte? Doch die Deutschen bauten Mauern und Zäune und schafften so das Ghetto. Das war im Dezember 1939. Lea war zehn Jahre alt, was ihr Glück war. Kinder ab zehn mussten arbeiten, Kinder unter zehn wurden deportiert.

Im Sommer war Lea noch ein Kind im Kirschbaum, im Dezember eine Arbeitskraft, zehn Stunden am Tag, Knopflöcher in Wehrmachtsuniformen stechen. Auch Aron war mit seiner Familie im Ghetto gelandet und musste in einer Schneiderei arbeiten. Während Leas Familie immer weiter bis nach Sibirien floh, wurde seine Familie immer kleiner, bis keiner außer ihm mehr übrig war. Er konnte fliehen.

Als das Ghetto 1944 aufgelöst und alle Übriggebliebenen deportiert wurden, konnte auch Lea entkommen. Die alte Hausangestellte der Familie, eine Polin, die Lea immer wieder mit Schmuggel-Essen rettete, nahm die 15-Jährige an die Hand, lief mit ihr durch das Chaos der Deportationen davon.

Nach der Befreiung also Deutschland, das amerikanische DP-Lager. Nach Israel wollten sie und schafften es bis nach Straßburg. Die Polizei schickte sie wieder zurück. Ein anderes Mal hatte sie schon Möbel nach Israel gesendet, doch dann brach der Palästina-Krieg aus, und Ruwen war gerade geboren. Dann war die wirtschaftliche Situation in Israel schlecht. Es gab immer einen Grund und die Familie Waks blieb in Deutschland. Erst in Ziegenhain, später in einem Lager in Föhrenwald, bis Aron 1957 schließlich sagte: „Ich habe genug vom Lager. Ich will hier raus.“

Eine andere Lea

Was Aron sagte, wurde gemacht. Also zog die Familie nach Düsseldorf und mitten unter die Deutschen. Aron störte das nicht. Er war jovial, wollte sich integrieren, leitete zwei Textilgeschäfte. Doch Lea blieb verschlossen. Sie wollte den Deutschen nicht näherkommen. Ihr Leben, das war ihr Mann, das waren ihre Söhne.

Wenn Aron Lea ansah, sah er eine schlanke, schöne Frau. Für Aron zog Lea die Stöckelschuhe an, die eleganten Kleider, die Broschen und die Ringe. Bis zuletzt. Auch als Aron schon 30 Jahre tot war.

Als er Anfang der Achtziger starb, musste Lea selbstständig werden, ganz schnell. Sie musste das Auto selber tanken, Rechnungen ausfüllen und Überweisungen machen, zwei Textilgeschäfte führen, die neueste Mode erkennen und Großeinkäufe tätigen, hinter der Ladentheke stehen und sich mit den Deutschen unterhalten. So kam eine andere Lea zum Vorschein. Die resolute, freche Frau, gewitzt, schlau, und bereit zu handeln. Anfang fünfzig war sie da, sah gut aus, war Witwe und allein. Doch trotz aller Bemühungen der Verwandtschaft, sie mit alleinstehenden Herren zu verkuppeln, blieb Lea ihrem Aron treu, für immer.

So richtig verwandelt hat sich Lea erst in Berlin. Ihr jüngerer Sohn, Moische, lebte am Bayerischen Platz und arbeitete für die Jüdische Gemeinde. Sie zog in seine Nähe, um wieder jemanden zu haben, an dem sie sich orientieren, auf den sie stolz sein und an dessen Leben sie teilhaben konnte. Doch als Moische plötzlich starb, blieb ihr wieder nichts, als Kontakt mit den Menschen da draußen aufzunehmen.

Nachbarn entdeckten diese reizende Dame und lockten sie Stück für Stück heraus. Und am Ende war es Lea, die am Bayerischen Platz bekannt war, die im Café Haberland saß und andere Gästen ansprach, die auf Touristengruppen aus Israel zuging und sagte: „Ich habe überlebt“, die sich mit dem Gemüsehändler stritt, als der Israel anfeindete. Auf einmal hatte Lea eine Meinung, trat auf, eckte an, provozierte mit ihren im jiddischen Akzent trocken hingeworfenen Halbsätzen. Den Touristen sagte sie, dass Deutschland ein gutes Land für die Juden sei, sicherer als Israel. Und sie sagte auch, dass das einstmals jüdische Viertel um den Bayerischen Platz ihr Zuhause geworden sei. Ein Zuhause in Deutschland.

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