Neue Wohnungen für Berlin : Schöner bauen am Stadtrand

Dass Siedlungen an der Peripherie nicht spießig und monoton sein müssen, zeigt gerade die Berliner Baugeschichte zum Beispiel das Bayerische Viertel. Warum also reden wir immer nur von der Innenstadt, wenn es um neue Wohnungen geht?

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Freiräume in der Stadt sind wichtig - warum also nicht mehr am Stadtrand bauen?
Freiräume in der Stadt sind wichtig - warum also nicht mehr am Stadtrand bauen?Foto: dpa

Dem „Altmeister deutscher Staedtebaukunst“ wurde hier gleich doppelt ein Denkmal gesetzt. Eine Plakette erinnert an den Oberbaurat Hermann-Josef Stübben. Und dann ist gleich noch die ganze Straße nach ihm benannt. Ansonsten ist dieser Erinnerungsort an der Ecke Grunewald-/Stübbenstraße eher kein Wohlfühlbereich: eine berlinisch ungepflegte Grünfläche, in die Mitte genommen von Waschsalon und Supermarkt, beides in Neubauten, die belegen, dass Städtebau nicht immer mit Kunst und Meisterschaft zu tun hat. Auf der vermüllten und zugekoteten Unkrautwiese kann der Berliner seinen Hang zum Liegenlassen (und Anderen-damit-die-Arbeit-Überlassen) fröhlich ausleben. Ansonsten aber zeugt alles, was vom Bayerischen Viertel den Zweiten Weltkrieg und die Bausünden seitdem überdauert hat, von hoher Wohn- und Lebensqualität, die man bis heute spüren kann.

Was jetzt fest umschlossen in Berlins Innenstadt liegt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Peripherieprojekt, an dessen Planung sich der Baumeister Stübben beteiligt hatte. Hauptfigur war aber Georg Haberland, den die Autorin und Stadtführerin Gudrun Blankenburg in ihrem Buch über das Bayerische Viertel einen „Baulöwen“ nennt – und das positiv meint. Haberland projektierte das neue Viertel, mit dem sich die damals noch selbstständige Rand-Berliner Gemeinde Schöneberg den Zuzug wohlhabender Steuerbürger erhoffte. Private Initiative traf auf Sachverstand und Lust an der Gestaltung in der Verwaltung. Klingt utopisch, ist aber historisch verbürgt.

In unseren aktuellen Debatten um Wohnungsnot, Gentrifizierung und Baubedarf geht es hauptsächlich um die erweiterte Innenstadt - besonders jetzt noch einmal beim aktuellen, inzwischen durch einen Volksentscheid vorläufig zu Ende gebrachten Kampf um das Tempelhofer Feld. In der Stadt aber alle Lücken zu schließen oder eine auratische, geschichtlich wie ökologisch aufgeladene Freifläche zu bebauen, würde den Reiz des neuen Berlin töten. Sogar das Innerste der Metropole bietet Raum für Grün, für Erinnerung, für subkulturelle und kiezige Experimente. Man muss da gar nicht in Szeneromantik verfallen: Schon rein wirtschaftlich sind diese innerstädtischen Freiräume wichtig für Berlin. Nicht zuletzt deshalb kommen so viele Menschen her – als Touristen oder um zu bleiben.

Leben im Bayerischen Viertel
Die Stadtführerin und Autorin Gudrun Blankenburg auf dem Bayerischen Platz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Thilo Rückeis
17.05.2011 14:18Die Stadtführerin und Autorin Gudrun Blankenburg auf dem Bayerischen Platz.

Beispiel Tempelhofer Feld: Das frühere Flughafenareal ist einzigartig als historisch aufgeladener Spielraum mit viel Grün und viel Asphalt. Eine typische Berliner Mischung aus historischer, ökologischer und spielerischer Anziehungskraft, die unbedingt zu erhalten ist. Einer derart großzügigen Kulturbrache entgegen steht der massive Druck, neue Wohnungen zu bauen. Mieten und Immobilienpreise steigen. Berlin wächst endlich wieder in der Zahl seiner Menschen. Also sollte es auch räumlich wieder wachsen. Bis an den Stadtrand und darüber hinaus.

Wo aber sind die Baulöwen, die sich heute ein Projekt wie das Bayerische Viertel zutrauen würden? Wo sind die Baumeister, die es umsetzen? Wo sind die Planer und Politiker in den Randbezirken und -gemeinden, die Stadtmenschen anlocken wollen – mit einem anspruchsvoll urbanen Projekt jenseits willkürlicher Hausansammlungen oder der neospießigen weiß-roten Vorortsiedlungen Marke Karow-Nord?

Dabei böte ihnen gerade die Berliner Baugeschichte so viel Anschauungsmaterial für gelungene Projekte am Stadtrand. Längst nicht nur das Bayerische Viertel: Auch Onkel-Tom-, Hufeisen- oder Tuschkastensiedlung stehen für ambitioniertes Bauen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Spätere, umstrittenere Großsiedlungen wie das Märkische Viertel oder die Gropiusstadt waren immerhin noch Ausdruck eines bestimmten, wenn auch inzwischen überholten Zeitgeists. Und so schlimm, wie es oft gemacht wird, ist das Leben dort bis heute nicht. Sogar die seit der Wende viel geschmähten Großsiedlungen der DDR waren zu ihrer Zeit begehrt und hoben sich wegen des Komforts positiv vom Vorhandenen ab.

Es muss ja nicht gleich romantisierend- bayerisch sein, wie es der Baulöwe Haberland mochte. Immerhin kam dabei damals keine spießige Retroarchitektur heraus. Wie sonst hätten sich Albert Einstein, Gottfried Benn, Carl Zuckmayer, Billy Wilder, Egon Erwin Kisch, Franz Hessel, Claire Waldoff und Alfred Kerr im Viertel wohlfühlen können?

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