Pascale Hugues im Interview : „Der letzte Klassenkampf in Berlin“

Tagesspiegel-Kolumnistin und Schriftstellerin Pascale Hugues hat über die Geschichte ihrer Straße ein Buch geschrieben. Doch wie sieht hier die Gegenwart aus?

Christian Hunziker
Blick hinter die Fassaden. Die Französin Pascale Hugues ist der verschütteten Geschichte ihrer Straße nachgegangen.
Blick hinter die Fassaden. Die Französin Pascale Hugues ist der verschütteten Geschichte ihrer Straße nachgegangen.Foto: imago

Leser des Tagesspiegels kennen, schätzen und lieben sie als regelmäßige Kolumnistin: die seit den neunziger Jahren in Berlin lebende französische Journalistin und Schriftstellerin Pascale Hugues. Jetzt hat sie das Buch „Ruhige Straße in guter Wohnlage“ veröffentlicht. Darin macht sie sich auf die Suche nach der Geschichte der Straße in Schöneberg, in der sie seit 17 Jahren lebt. Von Lilli Ernsthaft schreibt sie, die als Jüdin nach dem Zweiten Weltkrieg in die Straße zurückkehrt, von John Ron, der vor den Nazis fliehen kann, und von Frau Soller, der langjährigen Angestellten in der Abteilung Damenoberbekleidung des KaDeWe, die unter dem Druck steigender Mieten und Kaufpreise in einen anderen Kiez umziehen muss. „Wer gern Geschichte durch Geschichten begreift, ist in diesem Buch bestens aufgehoben“, schrieb „Die Zeit“ in einer begeisterten Besprechung. Wir treffen Pascale Hugues in einem Café in Schöneberg, nicht weit weg von „ihrer“ Straße, deren Namen sie zwar nicht preisgibt, den aber jeder Leser des Buchs, der Schöneberg einigermaßen kennt, leicht herausfinden wird.

Frau Hugues, an keiner Stelle in Ihrem Buch nennen Sie den Namen Ihrer Straße in Schöneberg. Dürfen wir ihn denn in diesem Interview verraten?

Nein! Denn ihr Name ist eigentlich egal. Die Straße ist austauschbar. Sie könnte woanders in Berlin oder auch in Hannover oder Hamburg sein. Aber nicht in Paris – es ist eine sehr deutsche Straße.

Inwiefern ist sie sehr deutsch?

Man sieht auf den ersten Blick, dass in dieser Straße dramatische Dinge geschehen sein müssen: Es gibt Löcher, alte, nackte Fassaden mit abgekratztem Putz, seelenlose Neubauten, und die Fluchtlinien stimmen nicht mehr. Deshalb wollte ich anhand dieses unscheinbaren Mikrokosmos die Geschichte Deutschlands verfolgen. In dieser Straße sind witzige Dinge passiert, aber es gibt auch einen Abgrund an Traurigkeit und Dramatik – wie im Leben.

Sie schildern eine Straße, die sich lange der Veränderung entzogen hat, die Berlin nach der Wende durchgemacht hat. In den letzten Jahren aber, so schreiben Sie, habe eine „schüchterne Gentrifizierung“ zu einer „allmählichen Aufwertung“ geführt. Wie äußert sich diese Entwicklung?

Tatsächlich verändert sich meine Straße rasant. Man sieht das zum Beispiel daran, dass viele Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, dass Häuser saniert werden und Neubauten entstehen. Dabei muss ich manchmal an ein Zitat des Architekten Richard Rogers denken. „Wir sind Gefangene des 19. Jahrhunderts“, sagte er, als er Anfang der neunziger Jahre in Berlin Projekte entwarf.

Wie meinte er das?

Ich werde mir jetzt wahrscheinlich viele Feinde unter den Berlinern machen, aber ich sage es trotzdem: Das schrecklichste Beispiel ist für mich das Hotel Adlon. Das alte Hotel ist weg, und das nicht einfach so, sondern weil Berlin eine sehr harte Geschichte hat. Ich finde es richtig, manchmal die Konsequenzen des Krieges stehen zu lassen. Man kann nicht so tun, als ob es diese Geschichte nicht gegeben hätte und eine wilhelminische Idylle nachbauen. Diese Sehnsucht nach der heilen Vergangenheit kann nicht mehr gestillt werden. Die deutschen Städte waren völlig kaputt und sind immer noch gezeichnet von den Folgen des Krieges. Das ist ganz anders als in Paris, einer intakten, nicht zerbombten Stadt. Ja, es ist unendlich traurig, wenn man sich vorstellt, wie schön Berlin gewesen sein muss. Aber wenn man versucht, diese Vergangenheit nachzubauen, wird es künstlich wie eine Lego-Traumstadt.

Aus Ihrem Buch spricht eine gewisse Faszination für das Nebeneinander von Gründerzeithäusern, Nachkriegsbauten und Brachflächen, das Sie in Schöneberg angetroffen haben, als Sie in das Viertel zogen. Soll man das einfach so belassen? Oder halten Sie es trotzdem für richtig, auch Neues zu bauen?

Man sollte nicht alles so lassen, es gibt ja wirklich genügend Baulücken in Berlin. Aber wenn man baut, sollte man Zeitgenössisches wagen. Ja, mutig sein! Wir leben doch im 21. Jahrhundert und sollten nicht dem 19. Jahrhundert nachtrauern.

Am Schluss Ihres Buches schildern Sie die Debatte um den Abriss eines großen Wohnhauses aus der Nachkriegszeit. Wie beurteilen Sie den Neubau, der jetzt an dieser Stelle in die Höhe wächst?

Rund um den Abriss fand der letzte Klassenkampf in Berlin statt. Als das Haus noch stand, dachte ich jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging: Es ist eine Schande, dass man in einem so reichen Land wie Deutschland Menschen in einem solch desolaten Gebäude unterbringt. Als das Haus dann abgebrochen wurde, war es interessant, zu beobachten, was im Viertel passierte. Wochenlang standen Leute herum, beobachteten die Abbrucharbeiten und diskutierten. Die vorherrschende Meinung war die, dass die netten Armen raus müssen und die bösen Kapitalisten rein dürfen. Als Zeichen absoluter Dekadenz und als Beweis dafür, dass Bonzen einziehen würden, galt der Umstand, dass das Gebäude eine Tiefgarage hat – was eigentlich sinnvoll ist, da es sehr schwer ist, im Viertel einen Parkplatz zu finden. Könnte es sein, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist? Es gibt böse Arme und gute Reiche.

Ist es nicht paradox, dass vermutlich nicht wenige der Menschen, die über das Neubauprojekt schimpfen, genau zu der Schicht zählen, die der Projektentwickler als Bewohner im Auge hat?

Ja, es sind die Linken, die bürgerlich geworden sind, aber noch an ihren alten Ideen hängen. In Frankreich spricht man von den Kaviarlinken. Man hat ein schlechtes Gewissen, dass man jetzt eine Eigentumswohnung hat und sich eine Putzfrau leistet. Ich weiß zwar nicht, wie der Neubau das Viertel verändern wird. Ich hoffe aber, dass es auch im Zentrum der Stadt noch günstige Wohnungen geben wird. Denn sonst ändert sich das ganze Milieu, und es wird wie in Paris, wo das Wohnen im Stadtzentrum sehr teuer ist und alle, die sich das nicht leisten können, in die Banlieues gezogen sind.

Im Moment bereitet der Bezirk Tempelhof-Schöneberg die Einführung einer sozialen Erhaltungsverordnung für Ihr Viertel vor. Damit versucht er, die soziale Mischung zu bewahren. Kommt dieser Versuch nicht zu spät?

Nein, noch ist es hier nicht richtig schick. Und ich finde es wichtig, die soziale Mischung zu erhalten. Ich möchte zum Beispiel nicht, dass meine Kinder eine Schule besuchen, wo alle Eltern Ärzte oder Anwälte sind. Ich bin aber zuversichtlich, dass es diese Mischung noch lange geben wird. Berlin ist da sehr widerstandsfähig.

Sie schreiben in Ihrem Buch über die Zeit in den letzten 80 Jahren. Halten Sie es für denkbar, dass in 80 Jahren jemand ein Buch über Ihre Straße im Jahr 2013 schreiben wird?

Wir leben in einer spannenden Zeit. In den 17 Jahren, in denen ich in dieser Straße wohne, ist so viel passiert, auch wenn es zum Glück nicht so dramatische Vorkommnisse sind wie in der Zeit des Nationalsozialismus, die im Zentrum meines Buches steht. Auch in den nächsten Jahren wird sich meine Straße gravierend verändern. Ja, vielleicht wird irgendeinmal jemand eine Fortsetzung meines Buches schreiben.

Mit Pascale Hugues sprach Christian Hunziker.

— Pascale Hugues: Ruhige Straße in guter Wohnlage. Die Geschichte meiner Nachbarn. Rowohlt-Verlag. 320 Seiten, Hardcover, 19,95 Euro.

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