Peter Gregg, 1945 Zwangsarbeiter : Die Bomber brachten Hoffnung

Peter Gregg aus Oregon war bis 1945 Peter Guggenheimer aus Lankwitz und musste in Berlin Zwangsarbeit leisten. Als die US-Bomber am 3. Februar 1945 kamen, suchte er Schutz im U-Bahnhof Bayerischer Platz, der kurz darauf von einer Bombe getroffen wurde. Hier erzählt Gregg, wie er damals überlebte.

Peter Gregg ist mit Berlin immer noch verbunden. Hier ein Foto von ihm im U-Bahnhof Bayerischer Platz, das er der Redaktion aus den USA schickte. In der Nazi-Terminologie galt er, der damals Peter Guggenheimer hieß, als "Geltungsjude" und musste im Krieg Zwangsarbeit leisten. Am Tag des großen Luftangriffs auf Berlin, am 3. Februar 1945, suchte er Schutz im U-Bahnhof Bayerischer Platz. :Nach dem Krieg wanderte er mit seinen Eltern nach Amerika aus und änderte seinen Namen.
Peter Gregg ist mit Berlin immer noch verbunden. Hier ein Foto von ihm im U-Bahnhof Bayerischer Platz, das er der Redaktion aus...Foto: privat

Ich war auf dem Weg zu einem Arzt. Mit dem Bus bin ich von Lankwitz bis in die Grunewaldstraße, dann weiter zu Fuß. Es war so ungefähr um die Mittagszeit. Ich kam gerade an den Bayerischen Platz, da gingen die Sirenen los. Ich zögerte kurz, ringsherum um den Platz waren viele Wohnhäuser ausgebrannt, ich dachte, diese Gegend wird wohl kein Ziel mehr sein für die Bomber. Ich dachte, ich geh’ einfach runter in die U-Bahn-Station, da ist es sicher. Es waren schon eine ganze Menge Leute da unten. Hinterher hörte ich, es seien Hunderte unten gewesen. Das habe ich aber nur vom Hörensagen.

Ich bin ein Stück vom Eingang weg auf den Bahnsteig gelaufen. Er war voller Menschen. Nach einer Weile hörte man schon die Geräusche der vielen Flugzeuge. Aus irgendeinem Grund habe ich mich instinktiv an einen der Metallpfeiler gehockt, habe fast auf dem Bahnsteig gesessen, das hat mir wirklich das Leben gerettet. Die Bomben fielen, plötzlich war ein furchtbarer Krach, ein furchtbares Geräusch, alles wurde dunkel, Menschen fingen an zu schreien. Weil die Bombe ein Volltreffer war, gab es in Folge der Explosion einen Luftdruck, das hat mich auf die Schienen geschleudert.

Ich war erst benommen, betäubt, bin dann aufgewacht, es war furchtbar staubig, dunkel, immer noch die schrecklichen Schreie von Menschen, da bin auf den Bahnsteig geklettert. Man konnte dann schon Tageslicht sehen, wo die Decke der Station heruntergefallen war, in riesengroßen Stücken, viele Meter lang und breit, da gab es dann eine schräge Laufbahn ans Tageslicht rauf zum Bayerischen Platz. Ich habe versucht zu entkommen, zu dieser Schräge, habe viele Verwundete gesehen und auch Menschen, die zum Teil von der Decke verschüttet waren, nur Teile ihres Körpers hingen noch heraus und bewegten sich ein wenig.

Unter den Toten des Bombeindurchschlags vom Bayerischen Platz waren Menschen, die aus dem ohnehin weitgehend zerstörten Viertel im U-Bahnhof Schutz gesucht hatten.
Unter den Toten des Bombeindurchschlags vom Bayerischen Platz waren Menschen, die aus dem ohnehin weitgehend zerstörten Viertel im...Foto: Ullstein-Bild

Ich bin ’raus, in Richtung Schöneberger Rathaus. Dann gab es noch eine zweite Welle von Bombern, ich bin noch mal in einen Keller, dann kam das Signal zur Entwarnung. Im Rathaus hatte das Rote Kreuz eine Nothilfestation eingerichtet. Habe dort gemerkt, dass ich am Kopf und am Knie blutete, mein Wintermantel war völlig zerrissen. Die haben mir meinen Kopf verbunden. Ich wollte nur nach Hause, bin Richtung Innsbrucker Platz gegangen, in eine Kneipe, habe mich hingesetzt, die Wirtin nach Aspirin gefragt, weil mir unwohl wurde, ich bekam Schmerzen.

Dann weiß ich nicht mehr, wie ich genau nach Hause gekommen bin. Meine Mutter hatte von dem Angriff gehört, sie war sehr besorgt, machte die Tür auf, war froh und auch entsetzt. Mein Gesicht war schwarz, meine Haare waren schwarz, dann diese blutige Binde um den Kopf. Danach war ich ziemlich krank, es stellte sich heraus, dass mein Trommelfell geplatzt war, die Wunde am Ohr war infiziert, mein Bein schmerzte. Wegen der Verletzungen bekam ich noch die Windpocken. Es gab ja kein Penicillin. Ich konnte nicht mehr arbeiten.

In der Nazi-Terminologie wurde ich als "Geltungsjude" bezeichnet

Ich war damals 19 Jahre alt. In der Nazi-Terminologie wurde ich als "Geltungsjude" bezeichnet. Mein Vater war jüdisch, meine Mutter Christin. Mein Vater war Prokurist bei der Dresdner Bank, hatte seine Stellung verloren, war auch in Zwangsarbeit. Wir hatten sehr sympathische Nachbarn in Lankwitz, die uns unterstützt haben. Dennoch wussten wir nie, ob am Ende auch wir abtransportiert würden.

Ich war in Zwangsarbeit bei der Müllabfuhr. Seit 1942. Normalerweise trug ich einen Davidstern, aber ich weiß nicht mehr, ob ich an dem Tag den Stern getragen habe. Ich habe ja öffentliche Verkehrsmittel benutzt, (das war für Juden verboten). Ich hatte nur Erlaubnis, die S-Bahn zu benutzen, um zur Arbeit zu kommen. Dafür gab es Ausweise.

Luftangriff vom 3. Februar 1945
U-Bahnhof Bayerischer Platz im Bayerischen Viertel in Schöneberg nach dem Luftangriff auf Berlin vom 3. Februar 1945.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: BVG-Archiv
02.02.2015 07:56Am 3. Februar 1945 starben im U-Bahnhof Bayerischer Platz 63 Menschen beim schwersten Luftangriff der Alliierten auf Berlin. Hier...

Die Bombenangriffe auf Berlin habe ich als Teil einer kommenden Befreiung empfunden. Wir wussten, die einzige Chance, diese Zeit zu überleben, war, dass der Krieg nicht zugunsten Deutschlands ausgeht. Wir haben immer im Stillen gehofft, dass am Ende eine Befreiung stattfindet. Es war natürlich ein Zwiespalt. Das Haus meiner Großeltern und meiner Tante bei Borsigwalde wurde durch eine Bombe zerstört. Auch viele Freunde meiner Eltern wurden Opfer der Angriffe. Das haben wir auch als sehr tragisch empfunden.

Meine Eltern entschieden sich nach dem Krieg dafür auszuwandern. Ich bin Amerikaner geworden, aber auch Berliner geblieben. Ich war mehrfach in Berlin und habe meiner Familie auch den U-Bahnhof am Bayerischen Platz gezeigt.

Aufgezeichnet von Thomas Loy.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren neuen Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite (leider derzeit noch nicht auf unserer mobilen Seite) oder per Email an: bayerischesviertel@tagesspiegel.de. Zum Twitterfeed über das Bayerische Viertel geht es hier. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #BayerischesViertel

Willkommen auf der Kiezseite Bayerisches Viertel

Ich heiße Markus Hesselmann, leite die Online-Redaktion des Tagesspiegels und lebe im Bayerischen Viertel. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich über unseren wunderbaren Kiez. Über Historisches, Kulturelles, Aktuelles und besonders gern über bürgerschaftliches Engagement. Und dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung, liebe Leserinnen, liebe Leser. Schicken Sie Ihre Themen-Anregungen und Ihre Kritik an bayerischesviertel@tagesspiegel.de oder kommentieren Sie hier auf der Seite unter den Texten. Ich freue mich auf die Debatten!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben