Prager Schriftsteller : Kafka, Kisch, Rilke in Berlin

In den zwanziger Jahren war das liberale Berlin Traumziel für deutschsprachige Schriftsteller aus Prag. Ein neues Buch wählt sechs Biografien aus.

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Von der Moldau an die Spree. Franz Kafka lebte mehrere Monate in Berlin.
Von der Moldau an die Spree. Franz Kafka lebte mehrere Monate in Berlin.Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Bei einem ihrer Spaziergänge in den nahen Steglitzer Stadtpark trafen Franz Kafka und seine Gefährtin Dora Diamant auf ein kleines Mädchen, das bitterlich weinte: Es hatte seine Puppe verloren. Tröstende Worte waren gefordert, doch wozu ist man Dichter. „Deine Puppe macht nur gerade eine Reise, ich weiß es, sie hat mir einen Brief geschickt“, erfand Kafka. Den Brief habe er leider nicht dabei, werde ihn am nächsten Tag mitbringen.

Und so geschah es. Kafka hatte sich zu Hause an den Schreibtisch gesetzt, Beginn einer dreiwöchigen Serie täglicher Nachrichten aus dem aufregenden Puppenleben, die in einer Hochzeit mündeten: „Du wirst selbst einsehen, dass wir in Zukunft auf ein Wiedersehen verzichten müssen.“ Ein Happy End, bei Kafka!

Es wäre unverzeihlich, solch eine Episode in einem Buch über „Prager Schriftsteller in Berlin“ auszusparen, und die Autorin Edda Gutsche hat dies gottlob nicht getan. Allerdings findet sich die Ende der vierziger Jahre von Dora Diamant in einem Interview erzählte, später aufgeschriebene Geschichte nur in einem vom Haupttext separierten Kasten, ohne dass auf die dadurch aufgeworfenen Fragen näher eingegangen würde.

Aber man erführe doch gerne mehr über das weitere Schicksal des Mädchens und besonders der Briefe: Hat er sie dem Mädchen geschenkt oder behalten? Hat Dora sie verbrannt – wie auf Kafkas Geheiß manches andere? Waren sie in Doras Koffer, den die Gestapo 1933 beschlagnahmte? Oder liegen sie verborgen auf einem Steglitzer Dachboden?

Liberaleres Klima als in Prag oder Wien

Spannende, leider offene Fragen der Literaturgeschichte. Eine Suchanzeige in einem Steglitzer Kiezblatt in den Fünfzigern blieb ohne Ergebnis, auch Kafka-Kenner Klaus Wagenbach und im Jahr 2000 der US-Professor Mark Harman, Fellow an der American Academy, forschten vergeblich.

Immerhin meldete sich bei Harman eine ältere Dame, die im Tagesspiegel einen Bericht über ihn und seine Kafka-Pläne gelesen hatte: Christine Geier, damals 92 Jahre, die den Schriftsteller 1924 noch kennengelernt hatte, als Tochter seiner Vermieterin in der heutigen Busseallee 7–9 in Zehlendorf, nach zwei Steglitzer Adressen die dritte und letzte Kafkas in Berlin.

Die alte Dame jedenfalls taucht in Edda Gutsches Kafka-Kapitel auf, das die Berlin-Aufenthalte des Schriftstellers ebenso knapp wie detailliert bilanziert: erstmals 1910 für einen achttägigen Urlaub; später zwecks Kafkas Besuchen bei seiner hoffnungslos Verlobten Felice Bauer, durch die er in fünf Jahren auf „kaum mehr als zwanzig Tage in Berlin“ kam; schließlich die Monate mit Dora Diamant zwischen September 1923 und März 1924.

In der Schilderung seines Alltags, der sich schon wegen immer knapper werdender Mittel und der sich zunehmend verschlechternden Gesundheit alles andere als angenehm gestaltete, gelingt der Autorin zugleich ein Porträt des damaligen Berlin, das gerade für deutschsprachige Journalisten und Schriftsteller aus Prag eine hohe Anziehungskraft besaß.

In ihrer Heimatstadt gehörten sie zu einer Minderheit, was die Möglichkeiten des Broterwerbs mittels Sprache stark beschränkte. Zudem war das Klima in Berlin weltoffener, liberaler auch als in Wien, was die meist jüdischen Autoren über die besseren Verdienstmöglichkeiten hinaus ebenfalls anlockte.

Rilke-Erinnerung auf dem Prager Platz

Sechs Autoren hat Edda Gutsche für ihre Berliner Biografien ausgewählt: Rainer Maria Rilke, an den eine Stele auf dem Prager Platz in Wilmersdorf erinnert, obwohl er zu der Gegend keinerlei Beziehung hatte; Kafka eben; den „Rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch, der in der Hohenstaufenstraße sowie in der Güntzelstraße im Bayerischen Viertel lebte; die Schriftsteller Victor Hadwiger und Franz Carl Weisskopf; schließlich den Filmkritiker und Drehbuchautor Willy Haas, der in Berlin sogar das nun buchtitelstiftende „Glück meines Lebens“ fand.

Angefügt sind zwei „literarische Spaziergänge“ durch den „Neuen Westen“ und Böhmisch-Rixdorf, die mit dem Hauptthema des Buches nur noch locker verbunden sind.

Edda Gutsche: Das Glück meines Lebens. Prager Schriftsteller in Berlin. Verlag für Berlin-Brandenburg, 152 Seiten, 40 Abbildungen, 18 Euro.

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