Schau zum Bayerischen Platz : Fotos einer Synagoge mit Graffiti beschmiert

Ausgerechnet zwei Fotos der ehemaligen Synagoge in der Münchener Straße, Teil einer Dauerausstellung zum Bayerischen Platz, wurden mit großen Graffitizeichen beschmiert. Die Polizei geht aber nicht von einem antisemitischen Hintergrund aus.

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Diese Fotos der alten Synagoge wurden mit Graffiti beschmiert.
Diese Fotos der alten Synagoge wurden mit Graffiti beschmiert.Foto: Markus Hesselmann

Noch ist es zu früh, um von einer neuen Pilgerstätte speziell für Reisende aus dem Bayernland zu sprechen, aber verbürgt ist das zunehmende Interesse von Touristengruppen am U-Bahnhof Bayerischer Platz und speziell an der dort Ende April eröffneten Ausstellung über die Geschichte des Viertels. Am Tag des DFB-Pokalfinales wurde sogar eine zünftig in Lederhosen gekleidete Gruppe gesichtet.

Die vom Quartier Bayerischer Platz e. V. mithilfe der BVG initiierte, an das Buch „Das Bayerische Viertel in Berlin - Schöneberg“ von Gudrun Blankenburg (Hendrik-Bäßler-Verlag Berlin, 11,95 Euro) angelehnte Dauerausstellung war freilich auch schon wiederholt – wir sind in Berlin, nicht in Niederbayern – Ziel von Schmiererattacken. Kleinere Tags verunzierten die Tafeln mit den Bildern und Texten. Zeitnah verschwanden sie wieder, die BVG schickt regelmäßig ihre Putzkolonnen vorbei. Diesmal nun wählte ein Graffitifreund ein größeres Format, wie Passanten am Sonntag sehen mussten: Ausgerechnet zwei Fotos der ehemaligen Synagoge in der Münchener Straße wurden mit großen Zeichen beschmiert. Ein antisemitischer Hintergrund ist nicht zu erkennen, in solchen Fällen, bei denen kein politisches Motiv erkennbar ist, liegt für die Polizei zunächst mal nur Sachbeschädigung vor. Bei einem Hakenkreuz sähe das anders aus, da schritte sofort der Staatsschutz ein, hieß es. Aber wenngleich die Kritzeleien vergleichsweise harmlos erscheinen und rasch wieder entfernt werden – ärgerlich bleiben sie, schon weil die beschmierten Fotos an das einst gerade im Bayerischen Viertel vielfältige jüdische Leben und seine Zerstörung in der NS-Zeit erinnern.

Die Synagoge, die intakt und als Ruine gezeigt wird, war 1909 für den Synagogenverein Schöneberg gebaut worden. Die Reichspogromnacht überstand sie, integriert in ein Wohnhaus, halbwegs unversehrt. Erst im Krieg wurde sie schwer beschädigt und 1956 abgerissen. Bereits 1963 wurde auf dem Grundstück in der Münchener Straße, gegenüber der Westarpstraße, ein Gedenkstein errichtet. Heute ist dort die Löcknitz-Grundschule, die 1994 das Projekt einer Erinnerungsmauer ins Leben rief: Die Schüler suchten sich aus den Listen der ehemaligen jüdischen Bewohner Namen heraus und beschrifteten damit Ziegel, aus denen eine Mauer nach dem Grundriss der Synagoge geformt wurde.

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